VON NADJA PASTEGA

Die Ergebnisse des neusten Pisa-Tests wurden vom Bund als Erfolg gefeiert. Die Schweiz liege «deutlich» über dem OECD-Mittelwert. Sie positioniere sich im Lesen «klar besser» als bei der letzten Erhebung im Jahr 2000. Man habe die Gruppe der schwachen Leser «reduzieren» können. Das Abschneiden der Schweiz sei «positiv» zu werten.

Die Begeisterung ist verfehlt. Liest man die Pisa-Studie genauer, wird klar: Von einer Wende zum Besseren kann keine Rede sein. Die Fortschritte beim Lesen, in Mathematik und Naturwissenschaften sind so minim, dass sie Streubereich liegen – das heisst: Die Ergebnisse können genauso gut schlechter ausgefallen sein. Die angebliche Leistungssteigerung ist statistisch nicht signifikant. Mit anderen Worten: «Die Schweiz hat sich streng genommen nicht verbessert», sagt Urs Moser, Schweizer Pisa-Studienleiter. Stefan Wolter, Direktor der Schweizer Koordinationsstelle für Bildungsforschung bestätigt: «Wir sind zwar nicht schlechter geworden, aber auch nicht besser.»

Konkret: Im Lesen erzielten die Schweizer Schüler im jüngsten Pisa-Test 501 Punkte – nur sechs Punkte mehr als bei Pisa 2000. In der Mathematik stieg die Punktzahl gegenüber Pisa 2003 (Schwerpunkt Mathematik) um 7 auf 534 Punkte, bei den Naturwissenschaften gegenüber Pisa 2006 (Schwerpunkt Naturwissenschaften) um 5 Punkte auf 517. Diese Steigerungen – um gerade mal 1 Prozent – liegen im statistischen Zufallsbereich. Sie lassen also keine verlässlichen Trend-Aussagen zu.

Auch die Platzierung auf der Gesamtrangliste ist wenig aussagekräftig, da die Länder zu nah beieinanderliegen. Daher liegt die Schweiz unter den 34 OECD-Ländern beim Lesen faktisch irgendwo «zwischen den Rängen 8 und 12», wie es in der offiziellen Mitteilung der Eidgenössischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) heisst.

Nichts zu deuteln gibts dagegen an einem erschreckend klaren Befund des jüngsten Pisa-Tests: 17 Prozent der Schweizer Schüler können am Ende der Schulzeit kaum lesen und schreiben. Das heisst: Jeder sechste Schüler verlässt die Schweizer Volksschule praktisch als Analphabet. Zwar ist der Anteil dieser so genannt «schwachen Leser» gegenüber Pisa 2000 um 3 Prozent gesunken – doch gegenüber 2006 hat sie um 2 Prozent zugenommen.

Und: Umgerechnet auf die einzelnen Schulklassen ergeben die 17 Prozent leseschwachen Schüler ein erschütterendes Bild: «Das heisst, bei einer durchschnittlichen Klassengrösse von 20 Schülern können bei Schulabschluss drei bis vier Schüler weder lesen noch schreiben», rechnet Bildungsforscher Wolter vor, «und das nach neun Jahren Schule.» Auch Pisa-Leiter Urs Moser sagt: «Das Pisa-Ergebnis ist insgesamt zwar erfreulich, aber mit 17 Prozent schwachen Leserinnen und Lesern ist das Ziel noch längst nicht erreicht.»

Dieses Ziel hat der Bundesrat zusammen mit der Eidgenössischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) und den Sozialpartnern nach Pisa 2006 formuliert: 95 Prozent der Schulabgänger müssen einen Abschluss auf der Sekundarstufe 2 erreichen, also einen Mittelschulabschluss oder eine abgeschlossene Lehre vorweisen können. «Mit einem derart hohen Anteil von Jugendlichen, die weder schreiben noch lesen können, ist dieses Ziel für alle Schüler schwer zu erreichen», sagt Bildungsfachmann Wolter.

Hier brauche es «dringend» Verbesserungen. Auch in Wirtschaftskreisen lösen die neusten Pisa-Ergebnisse keine Euphorie aus. «Wir stellen nicht fest, dass die Schulabgänger besser geworden sind», sagt Hans-Ulrich Bigler, Direktor beim Schweizerischen Gewerbeverband. «Viele Jugendliche decken die grundlegenden Anforderungen der Lehrberufe nicht ab. Die Unternehmen müssen sie erst nachschulen.»

«Es ist völlig verfehlt von einem überdurchschnittlichen Ergebnis zu sprechen», sagt Rudolf Minsch, Chefökonom beim Wirtschaftsverband Economiesuisse. Der OECD-Durchschnitt sei keine Grösse, an der sich die Schweiz messen sollte. «Dieser Schnitt wird von Ländern hinuntergezogen wie Griechenland, Portugal und Mexiko, die wirtschaftlich nicht zu den Vorbildern der Schweiz gehören.» Da liege man schnell man über dem Durchschnitt. «Wir müssen bei den Besten sein, denn die Schweiz leistet sich das weltweit teuerste Bildungssystem.»

Sogar die Jugendlichen stellen der Schule ein schlechtes Zeugnis aus: Im «Jugendbarometer» der Credit Suisse gaben 59 Prozent an, dass die Schule schlecht auf das Berufsleben vorbereite.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!