Die Schweiz gerät beim schnellen Mobilfunk in Verzug

Ein Netz der vierten Generation (4G) würde dank neuer Technik schnellen Datenfunk ermöglichen. Was in Usbekistan bereits umgesetzt ist, soll in der Schweiz erst 2014 möglich sein – trotz teilweise überlastetem Schweizer Handynetz.


Seit diesem Donnerstag ist er auch in Portugal realisiert. Der neuste Mobilfunkstandard 4G, der Datenfunk mit bis zu 150 Megabit pro Sekunde (MBit/s) ermöglicht. Vodafone-Kunden können seither etwa mit dem 4G-Samsung-Tablet für umgerechnet 72 Franken im Monat mit 100 MBit/s im Internet surfen. Portugal ist weltweit der 34. Staat, der Teile seines Mobilfunknetzes auf 4G umgerüstet hat.

Die Schweiz ist hingegen trotz hoher Smartphone- und iPad-Dichte, explodierenden Datenmengen sowie Datenstaus im Handynetz noch immer auf dem deutlich langsameren 3G-Standard. Zwar hat die Eidgenössische Kommunikationskommission (Comcom) im Februar Frequenzen versteigert, die 4G-Netze ermöglichen. Der entsprechende Netzausbau und die damit verbundenen Investitionen von mehreren hundert Millionen Franken stehen aber noch an.

Bis Swisscom , Orange oder Sunrise die neue Technologie ihren Kunden anbieten können, wird es laut Comcom-Präsident Marc Furrer noch bis zu drei Jahre dauern. «Ich erwarte, dass die ersten kommerziellen Angebote im Jahr 2014 oder spätestens 2015 verfügbar sein werden», sagt er.

4G basiert auf dem Datenkommunikationsstandard LTE (Long Term Evolution), der die Datenübertragungsraten massiv erhöhen kann. Bei Swisscom, die heute an 500 Standorten Raten von 42 MBit/s anbietet, würde die Leistung mehr als verdoppelt. Dasselbe trifft auf Orange zu. Bei Sunrise, wo heute die maximale Rate 21 MBit/s beträgt, wäre es eine Verfünffachung. Laut Furrer werden die LTE-Netze im Mai konzessioniert. «Danach wären kommerzielle Angebote theoretisch möglich.» Der Comcom-Präsident warnt zudem: «Noch sind wir im Fahrplan, aber müssen jetzt vorwärtsmachen, damit wir nicht ins Hintertreffen geraten.» Die Gefahr besteht insofern, als dass der Ausbau die Telekomunternehmen teuer zu stehen kommt. Das Beratungsunternehmen Booz & Company konstatierte vorletzte Woche, dass sich viele Netzbetreiber hohe Investitionssummen für den LTE-Ausbau derzeit nicht erlauben könnten und deshalb den Ausbau des 4G-Netzes langsamer angehen würden.

Wie hoch der Investitionsbedarf ist, will keine der drei Telekomunternehmen angeben. Klar ist lediglich, dass der Antennenpark umgerüstet werden müsste und zusätzliche Sendepunkte benötigt würden. «Wenn Orange und Sunrise das LTE-Netz aus Kostengründen gemeinsam ausbauen wollen, habe ich damit kein Problem», erklärt dazu Comcom-Präsident Furrer. Sowohl Orange als auch Sunrise schliessen dies derzeit jedoch aus.

Die Anbieter geben sich bezüglich Ausbaufahrplan wesentlich optimistischer als Furrer. Die Swisscom hat den Testbetrieb von 4G-Netzen in sieben Tourismusregionen wie etwa Gstaad oder Davos aufgenommen und verspricht einen kommerziellen Betrieb ab Ende 2012, wie Sprecher Sepp Huber sagt. Bei Orange will man 4G-Netze in diesem Jahr in fünf bis zehn Orange-Shops testen. Ein kommerzieller Betrieb ab 2013 sei in Evaluation, sagt Sprecherin Therese Wenger. Sunrise testet LTE ab April in zwei Zürcher Verkaufs-Shops. Im Herbst ist ein Pilotbetrieb in Zürich und anderen Regionen geplant, erklärt Sprecher Roger Schaller. Danach soll LTE zuerst in den grossen Städten angeboten werden.

Dass die Schweiz gegenüber dem Ausland ins Hintertreffen geraten ist, verneinen die drei Anbieter zudem. Sie betonen, dass der LTE-Standard weniger dringlich sei als im Ausland, da man mit verbesserten 3G-Netzen und dem so genannten HSPA-Standard ebenfalls erheblich höhere Raten erreiche. So sagt Swisscom-Sprecher Huber, dass die gegenwärtigen Bandbreiten die «heutigen Marktbedürfnisse abdecken».

Diese Argumentation erinnert stark an die Diskussion vor der Einführung der ADSL-Technik Ende der 90er-Jahre. Das Ausland setzte damals auf die neue Technik, doch in der Schweiz lobte Swisscom die Vorzüge der Steinzeittechnik ISDN. Erst als Cablecom und andere Kabelnetzbetreiber grossflächig schnelle Internetverbindungen verfügbar machten, rüstete Swisscom ihre Netze auf.

Doch im Unterschied zu damals gibt es im Mobilfunk keinen Angreifer, der die Konkurrenz durcheinanderwirbeln will. Orange, Sunrise und Swisscom scheinen sich mit ihren Marktanteilen abgefunden zu haben.

Es droht damit der Schweiz ein ähnlicher Stillstand wie beim Ausbau des Glasfasernetzes. Auch hier hinkt die Schweiz der internationalen Entwicklung hinterher. «Wir sind bei der Glasfaser im Rückstand, aber jetzt holen wir auf», sagt Comcom-Chef Furrer.

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