Selbst als Firmeninhaber wohnte Felix Baumgartner anfänglich noch in einem besetzten Haus in Genf. Heute tragen Wladimir Putin oder Herbert Grönemeyer seine komplexen Mechanik-Kreationen, die bis zu 300 000 Franken kosten. Der 36-jährige Uhrmacher ist Co-Gründer der Genfer Uhrenmarke Urwerk, die radikal mit den Uhrmachertraditionen gebrochen hat und heute zur Avantgarde der Schweizer Uhrenindustrie zählt.

Felix Baumgartner empfängt im T-Shirt. Im Besprechungszimmer seines Büro-Ateliers spielen seine beiden kleinen Töchter. Commander Spock guckt mit einer Urwerk am Arm von einem Filmplakat. «Am Anfang sind wir nicht respektiert worden. Wir lebten am Existenzminimum und konnten nur 10 bis 20 Uhren pro Jahr verkaufen», erzählt der gebürtige Schaffhauser, den die «Bilanz» zu den «neuen Stars der Schweizer Wirtschaft» unter 40 Jahren zählt.

Im Zentrum stehen mag Baumgartner, der mehr einem Student als einem Uhrenmanager gleicht, indes genauso wenig wie die Umsätze steigern. «Ich will nicht mehr als zehn Mitarbeiter beschäftigen, weil ansonsten organisatorische Dinge in den Vordergrund rücken, die mich nicht interessieren.» Heute gibt es für die jährlich produzierten 150 bis 200 Urwerk-Modelle Wartelisten. Das Genfer Steueramt veranschlagt den Wert der Firma auf rund 9 Millionen Franken. Und erst im November wurde die einst belächelte Uhrenmarke, die Baumgartner vor 15 Jahren zusammen mit Martin Frei gegründet hatte, mit dem Genfer Uhrmacher-Designpreis geehrt.

Zum Establishment der Uhrmacher Genfs zählt sich der Sohn und Enkel von Schaffhauser Uhrmachern indes nicht – auch wenn seine Stücke heute nicht mehr als Provokationen aufgefasst werden. Genf sei zwar das Mekka der Schweizer Uhrmacherei. Doch Urwerk kreise wie ein Satellit ausserhalb der Uhrenindustrie. Zusammen mit seinem langjährigen Freund und Geistesverwandten Maximilian Büsser, dem 45-jährigen Gründer der ähnlich positionierten Genfer Uhrenmarke MB & F, hat er Ende Juni zudem die Uhrenmarke C3H5N3O9 gegründet. Der Name steht für Nitroglyzerin.

Das Projekt steht laut Büsser allein für die Freude am Uhrmacher-Handwerk und an der Zusammenarbeit zwischen zwei «Rebellen der Uhrenindustrie». «Wir haben dazu einzig einen ‹Head of no communication› ernannt, der nur auf seinem Uhren-Blog sowie auf Twitter und Facebook auf uns hinweisen darf», sagt Büsser. Das Risiko, dabei Geld zu verlieren, nehme man in Kauf. Eine von zwölf Uhren der diesjährigen Kollektion ist trotz Nichtmarketings vor wenigen Tagen verkauft worden.

Büsser, der mehr als die Hälfte seiner Kunden persönlich kennt, ist ebenfalls ein unabhängiger Innovator der Schweizer Uhrmacherszene. In diesem Jahr wird seine Marke MB&F 185 Uhren herstellen können und einen Umsatz von rund 10,5 Millionen Franken erwirtschaften, erzählt der einstige Manager der Uhrensparte von Harry Winston in seiner M. A. D Gallery in der Genfer Altstadt.

Der unkonventionelle Uhrenkreator landete durch eine zufällige Bekanntschaft in einer Skihütte in Verbier in der Uhrenindustrie. Nach dem Tod seines Vaters gab er seinen alten Job auf und gründete vor sieben Jahren «Maximilian Büsser und Friends», also MB&F. Das Ersparte reichte ihm kaum, um während der ersten zwei Jahre über die Runden zu kommen. «Anfänglich haben die meisten Leute gesagt, das sei keine Horlogerie und niemand werde mir das abkaufen.»

Heute zählt die Firma 13 Mitarbeiter und investiert jährlich rund drei Millionen in die Entwicklung neuer Uhrwerke. Mehr als 220 bis 240 Stücke pro Jahr will der Uhrmacher-Rebell indes nie verkaufen, sonst werde die Firma zu gross. Seine aufsehenerregenden, mechanischen Stücke bezeichnet Büsser als Zeitmaschinen. Es seien präzise Kunstwerke. «Die Zeit anzuzeigen, interessiert uns nicht», sagt er mit Begeisterung.

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