Frau Ministerin, der Arbeitsmarkt in Europa driftet auseinander: In Spanien und Griechenland ist die Arbeitslosenquote etwa viermal so hoch wie in Deutschland und anderen nördlichen Staaten. Wie gefährlich ist diese wachsende Diskrepanz?
Ursula von der Leyen: Wir müssen daran arbeiten, die Wettbewerbsfähigkeit auch in den südlichen Ländern zu verbessern, damit ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum möglich wird. Wir sollten in Europa alle unsere Karten auf den Tisch legen und klarmachen, wo welcher Reformbedarf besteht. Deutschland war vor zehn Jahren der kranke Mann Europas. Wir haben einen schmerzhaften, aber lohnenden Lernprozess durchgemacht und könnten die guten und schlechten Erfahrungen daraus mit anderen Ländern teilen.

Sie sprechen die Sozialreformen der rot-grünen Regierung Schröder an – wie Hartz IV und Agenda 2010. So etwas braucht jetzt auch Südeuropa?
In manchen Staaten werden nötige Reformen vor sich hergeschoben, auch Deutschland ist noch nicht am Ziel. Die Reformen von Rot-Grün in Deutschland waren wichtig, aber anfänglich fehlten entscheidende soziale Leitplanken, die wir mit der Regierung Merkel eingeführt haben. Beispiele dafür sind der Mindestlohn in der Zeitarbeit und Verbesserungen beim Kündigungsschutz.

Was sollten denn die krisengeplagten Südstaaten tun?
Es geht natürlich um Wettbewerbspolitik, aber aus Sicht der Arbeitsminister kann man auch unmittelbar vieles verbessern. Zum Beispiel die Arbeitsvermittlung über die Grenzen hinweg. Die Personenfreizügigkeit sollte nicht Theorie, sondern gelebte Praxis sein: Junge Menschen aus südlichen Ländern, die Arbeit suchen, sollten auch in diejenigen Staaten vermittelt werden, die viele freie Stellen haben. In Deutschland hat es zurzeit 850 000 offene Arbeitsplätze.

Das heisst, arbeitslose Spanier oder Griechen müssen mobiler werden?
Nicht nur die Arbeitskräfte selbst. Wir brauchen auch Strukturen, die Mobilität erst möglich machen. Wer sucht eine Stelle, wer bietet Stellen an: Das muss über die Grenzen hinweg transparenter werden und die Eintrittsschwellen müssen sinken. Wir finanzieren in Deutschland beispielsweise Sprachkurse für spanische, portugiesische, griechische und italienische Jugendliche und erstatten ihnen auch die Reisekosten. Wir sind zudem überzeugt, dass das duale Ausbildungssystem, wie es Deutschland und die Schweiz kennen, auch anderswo grosse Chancen bietet. Gerade im Hinblick auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Auch hier gilt es, voneinander zu lernen.

850 000 offene Stellen in Deutschland: Wie weit lassen sich diese statt mit Einwanderern auch mit einheimischen Frauen besetzen, die heute nicht arbeiten?
Das ist ein zentraler Punkt. Die Frauen sind heute die grösste Gruppe im Land, die noch unter Potenzial arbeitet. Es gibt viele Frauen, die nach einer Erziehungszeit wieder eine Stelle annehmen möchten, und es gibt Teilzeitbeschäftigte, die lieber wieder Vollzeit arbeiten möchten. Dieses Potenzial schöpfen wir aus, indem wir eine gute Kinderbetreuung anbieten. Und indem wir mit den Arbeitgebern verabreden, wie diesen Frauen der Wiedereinstieg erleichtert werden kann.

Das können Sie der Privatwirtschaft nicht einfach so verfügen.
Richtig. Aber das Interesse bei den Unternehmen ist vorhanden. Man hat verstanden, was für ein Potenzial in gut ausgebildeten Arbeitnehmerinnen steckt, wenn man sie systematisch wieder in den Arbeitsprozess holt. Doch es müssen sich auch die politischen Rahmenbedingungen verbessern.

Wie konnten Sie als Mutter von sieben Kindern Familie und Karriere vereinbaren?
Das Wichtigste ist: Kinder brauchen Mutter und Vater gleichermassen, also sollten sich auch beide um sie kümmern. Das war für meinen Mann und mich immer selbstverständlich, trotzdem klappt das im Alltag mal besser mal schlechter. Mut hat uns unser Aufenthalt in den USA gemacht. Dort haben wir erlebt, wie hilfreich gute Ganztagesschulen und eine verlässliche Kinderbetreuung sind. Auch ein Arbeitgeber, der flexible Arbeitszeiten ermöglicht, leistet einen wichtigen Beitrag. Die Kombination dieser drei Faktoren gibt jungen Familien Rückenwind.

Sollte in einer entwickelten Volkswirtschaft jede Familie Anspruch auf einen Krippenplatz für ihre Kinder haben?
Vor fünf Jahren habe ich ein Gesetz auf den Weg gebracht, das genau das postuliert. In diesem Sommer wird es so weit sein. Warum ist das so wichtig? Ich habe 1996 – mit damals fünf Kindern – erfahren, wie wertvoll der damals eingeführte Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für Dreijährige ist. Das gab mir als junge Ärztin die Möglichkeit, den Lebensunterhalt für unsere Familie zu verdienen und trotzdem viele Kinder zu haben. Die starke Nachfrage nach Krippen- oder Kita-Plätzen zeigt doch eines: Da sind junge Menschen, die Kinder haben, Verantwortung übernehmen und den Lebensunterhalt selber verdienen möchten. Das ist doch das Beste, was einer Gesellschaft passieren kann!

Obwohl die deutsche Wirtschaft gut läuft, kommen jährlich etwa 12 000 Arbeitskräfte in die Schweiz. Warum?
Der Schweizer Arbeitsmarkt hat eine sehr gute Reputation in Deutschland. Ich kenne das aus dem Medizinwesen. Da sind die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen sehr gut, und das sollte für Deutschland Ansporn sein.

Sehen Sie die Abwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte als «brain drain», der Ihnen Sorge bereitet?
Nein. Die Bildungszirkulation ist eine gute Sache. Der Austausch von Know-how zwischen Ländern nützt letztlich beiden Seiten. Mobilität sollte man nicht verhindern, sondern fördern.

Europas Arbeitsmarkt mit seiner Personenfreizügigkeit wird bald noch grösser: Kroatien soll dazustossen. In der Schweiz werden nun Forderungen laut, die Ausweitung der Freizügigkeit zu stoppen. Sind die Ängste vor billigen Arbeitskräften berechtigt?
Nicht, wenn man den Weg zur Freizügigkeit mit Übergangsbestimmungen gestaltet, sodass etwa bei den Löhnen kein Missbrauch betrieben werden kann. Zunächst dürfen beispielsweise nur die qualifizierten Arbeitskräfte kommen. Allerdings zeigen unsere Erfahrungen mit Polen: Als wir hier nach einer siebenjährigen Übergangsphase die Grenzen ganz geöffnet haben, kamen viel weniger hierher, als wir in Deutschland angenommen hatten. Auch darum, weil das Wohlstandsniveau in Polen in diesen sieben Jahren gestiegen ist. Die Integration hat für die Polen wachsenden Wohlstand gebracht, und das muss auch das Ziel für Europa sein.

In der Schweiz wurden Volksinitiativen lanciert, welche die Freizügigkeit einschränken wollen. Haben Sie Verständnis dafür?
Ich kenne die konkreten Massnahmen nicht. Grundsätzlich zeigen die Erfahrungen aus Deutschland: Die Freizügigkeit sollte man schrittweise einführen, aber wenn sie da ist, funktioniert sie gut und sie ist auch nicht umkehrbar.

Das Verhältnis Deutschland - Schweiz hat in jüngster Zeit gelitten, wie der Steuer- und Fluglärmstreit zeigen, oder auch die verbalen Attacken von Peer Steinbrück gegen den Finanzplatz. Woran liegt das?
Ich möchte den Schweizern aus ganz tiefem Herzen zurufen: Ihr habt verlässliche und gute Freunde in Deutschland, und das ist die ganz grosse Mehrheit.

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