Alles begann mit Managed Care. Toni Bortoluzzi, ein SVP-Urgestein aus dem engsten Blocher-Zirkel, hatte jahrelang an diesem fein austarierten Kompromiss aller Parteien geschmiedet. Die SVP-Fraktion im Bundeshaus winkte das Projekt durch.

Bortoluzzi hatte die Rechnung aber ohne die Zürcher Parteispitze gemacht. Ende April trat an der Delegiertenversammlung in Gossau unerwartet Nationalrat Christoph Mörgeli auf, der zuvor in Gesundheitsfragen kaum in Erscheinung getreten war. Im Duo mit dem Zürcher Kantonsrat Gregor Rutz brachte er Bortoluzzis Projekt zum Absturz. Die Delegierten lehnten Managed Care mit 131 zu 63 Stimmen ab, bei 12 Enthaltungen. Was sie nicht wussten: Rutz hatte ein Kommunikations-Mandat des Chirurgenverbands. Gegen Managed Care.

Ein Affront, den Bortoluzzi nicht auf sich sitzen liess. Im Juni schrieb er, wie jetzt publik wird, einen Brief. An Alfred Heer, den Präsidenten der SVP des Kantons Zürich, mit Kopie an Adrian Amstutz, den neuen Fraktionschef der SVP Schweiz. Er sei per sofort nicht mehr Aktiv-, sondern nur noch Passivmitglied der SVP des Kantons Zürich, hielt Bortoluzzi darin fest. Und seinen Mitgliederbeitrag berappe er nicht mehr bei der SVP des Kantons Zürich. Sondern in seiner Ortssektion.

«Das ist so», bestätigt Bortoluzzi Recherchen des «Sonntags». «Wütend und sehr verärgert» sei er gewesen, sagt er. «Man hat mich bei Managed Care ins Offside laufen lassen und dabei die sozialpolitischen Grundsätze der Partei missachtet. Ich empfand das als Affront.» Und er setzt noch eins drauf. «Eigentlich wollte ich in der neuen Legislatur noch ein oder zwei Jahre machen. Das besprach ich so mit meiner Frau», sagt er. Die Attacke von Mörgeli und Rutz liess ihn umschwenken: «Jetzt bleibe ich auf alle Fälle die ganzen vier Jahre. Und danach sehe ich weiter.»

Toni Bortoluzzi, 65, ist nicht irgendein SVPler. Der Schreinermeister gehört seit mehr als drei Jahrzehnten zu den engsten Weggefährten von Christoph Blocher. Einer der wenigen, die es wagen, Blocher auch mal persönlich zu kritisieren. Einer aber auch, der Blocher in der Fraktion mit handfesten Argumenten verteidigt, wenn es nötig ist. 2008 hielt Bortoluzzi SVP-Parlamentariern Einzahlungsscheine vor die Nase, weil sie Blocher nicht als offiziellen Bundesratskandidaten nennen wollten. Er drohte: «Jetzt könnt ihr selber zahlen.»

Für Zürcher SVP-Insider ist klar, was der Streit Bortoluzzis mit der Zürcher SVP-Spitze bedeutet: «Es geht um einen Machtkampf. Die Nachfolge von Christoph Blocher wird vorbereitet.» Ein zweiter Kenner wird noch deutlicher: «Als SVP-Politiker spreche ich nicht von Palastrevolution. Als Journalist würde ich aber darüber schreiben.»

Die «alte» Garde der Zürcher SVP ist unter massiven Druck geraten. Weichen sollen die 1947er-Jahrgänge: Toni Bortoluzzi, Max Binder, Hans Fehr. Und Bruno Zuppiger (Jahrgang 1952), bei dem offen ist, ob die Staatsanwaltschaft Zürich Anklage erhebt oder nicht.

Bortoluzzi wurde desavouiert. Bei Zuppiger erkundigten sich Zürcher SVP-Vertreter fast wöchentlich bei der Staatsanwaltschaft, ob die Klage gegen den über eine Erbschafts-Affäre gestrauchelten Nationalrat endlich vorliege. Und auch Hans Fehr erfuhr eine Rückstufung: Neuer Wortführer in Asylfragen ist sein Bündner Fraktionskollege Heinz Brand.

Zuppiger war bis gestern nicht erreichbar und Fehr wollte sich nicht äussern. Binder hingegen spricht Klartext. «Man müsste blind und taub sein, um den Druck nicht zu realisieren», sagt er. «Persönlich und direkt bekam ich ihn aber nicht zu spüren.» Und dann schlägt Bauer Binder seinen Pflock ein: ««Wann ich zurücktrete, entscheide ich und niemand anderes. Und nicht jetzt.»

Es sind Gregor Rutz und Thomas Matter, welche die Zürcher SVP unter allen Umständen möglichst schnell in Bern positionieren wollen. Unternehmer Rutz, Vizepräsident der Zürcher SVP und unter Präsident Ueli Maurer ehemals SVP-Generalsekretär, gilt als Polittalent und wurde von einzelnen SVP-Exponenten gar als neuer SVP-Fraktionschef in Bern gehandelt. Er würde als Erster von einem Rücktritt profitieren, da er auf Platz eins der Ersatzliste liegt. Der Zweite wäre Banker und Investor Thomas Matter, zusammen mit Philippe Gaydoul Retter des Eishockey-Traditionsklubs Kloten Flyers. Auf 100 bis 200 Millionen schätzt die «Bilanz» Matters Vermögen.

Smarte und hochgebildete Krawattenträger wie Rutz und Matter sollen die hemdsärmligen und bodenständigen Schlachtrösser wie Bortoluzzi, Binder und Fehr ablösen. Es sind die Akademiker, die für «Mehr Freiheit und weniger Staat» eintreten, denen die Zukunft in der SVP gehört. Ein Slogan, den die FDP vor 30 Jahren vertrat. Diese jungen Karrierepolitiker gelten als erzliberal, verstehen nicht, weshalb der Staat Milliarden in die Landwirtschaft buttert und Olympische Spiele subventionieren will. Sie setzen die individuelle Freiheit an die oberste Stelle.

Es sind diese Akademiker, welche die Gewerbler und Bauern in der SVP abdrängen wollen. «Die SVP muss urbaner, jünger und weiblicher werden», sagt Sebastian Frehner, der Basler Nationalrat. Frehner zählt zur neuen Generation. Die SVP stehe am «Scheideweg», sagt ein prominenter SVP-Politiker. «Es droht eine Radikalisierung.»

Unklar ist, welche Rolle dabei Übervater Christoph Blocher spielt. «Blochers Position ist nicht mehr so absolut», sagt ein einflussreicher SVP-Parlamentarier. Andere glauben, die Jungen hätten den Respekt vor Blocher nicht verloren. Sie schätzten seine Beiträge in den Fraktionssitzungen und sein politisches Talent. Doch sie realisierten auch, dass die Leute auf der Strasse Blocher nicht mehr wollten. «Die Leute wollen neue Gesichter, die Begeisterung ist weg», sagt ein Fraktionsmitglied. «Blocher spürt das aber nicht. Und die Parteispitze auch nicht.» Blocher lasse den Machtkampf geschehen, sagt ein anderer. Ab und zu gebe er sogar einen Input dazu.

«Man darf die Situation nicht dramatisieren», betont hingegen Alfred Heer, Präsident der SVP des Kantons Zürich. «Konkurrenz belebt das Geschäft.» Es wäre gut, «wenn ein oder zwei Junge in dieser Legislatur nachrutschen könnten», sagt er. «Zum Rücktritt zwingen kann man aber niemanden.» Er stellt eine «Auslegeordnung der Parteispitze» in Aussicht. Und liebäugelt damit, für die Wahlen 2015 mit einer «SVP-Seniorenliste und einer SVP-Normalliste» anzutreten». Rutz und Matter fände er eine Bereicherung in Bern: «Sie würden der Fraktion guttun.» Der Erneuerungsprozess sei nur eine Frage der Zeit, betont auch SVP-Präsident Toni Brunner. «Da muss niemand die Nerven verlieren.»

Thomas Matter hat inzwischen immerhin einen Etappensieg errungen. Er übernahm von Bortoluzzi den Job als Kassier der SVP Zürich. Damit sitzt er neuerdings in der Parteileitung.

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