Es ist ein Titel, der seit zwei Tagen in verschiedenen Ausprägungen durchs globale Dorf geistert. «Just how racist is Switzerland?», fragte das US-Nachrichtenportal «Global Post». Wie rassistisch ist die Schweiz?

Zwei Vorfälle, die inhaltlich nichts miteinander zu tun haben, entfachten diese Woche den medialen Sturm. Die schwarze Talkmasterin Oprah Winfrey (49) soll in einer Zürcher Boutique schlecht behandelt worden sein – ironischerweise von einer Italienerin, die sich geweigert haben soll, der TV-Ikone eine 35 000 Franken teure Krokodilledertasche zu verkaufen. In der Aargauer Kleinstadt Bremgarten wiederum versuchten die Behörden, Asylbewerbern den Zugang zu öffentlichen Plätzen zu erschweren.

«Asylpolitik in der Schweiz: Die Freibad-Rassisten von Bremgarten», titelte darauf das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel Online». Seine Konkurrenz vom «Focus» stellte sogleich eine «Rassismus-Chronologie» ins Netz und titelte: «So fremdenfeindlich ist die Schweiz.» Und das klickstarke Newsportal unter der Leitung des ehemaligen «Blick am Abend»-Chefredaktors Daniel Steil appellierte nach dem Handtaschen-Vorfall an seine verängstigten Leser: «Rassismus in der Schweiz: Was haben Sie erlebt?»

Dieses Schweiz-Bild ist eher ein veröffentlichtes als ein öffentliches, wie sich etwa aus den Userkommentaren zeigt, in denen die Alpenrepublik irritierend viel Zuspruch erfährt. Denn viele wissen zu gut, wie die Realität in der Schweiz aussieht. Gerade die Deutschen, zu deren bevorzugtem Auswandererland die Schweiz geworden ist.

Der «Hort der Rassisten» nimmt, zum Beispiel, rekordverdächtig viele Asylsuchende auf. Auf 1000 Einwohner kamen vergangenes Jahr 3,56 neue Asylgesuche. Deutschland belegt auf der Europa-Rangliste mit 0,95 Gesuchen pro 1000 Einwohner einen Platz im Mittelfeld. Österreich, Frankreich, Grossbritannien – sie alle bieten im Verhältnis zur Bevölkerungszahl viel weniger Flüchtlingen Schutz. Nur Schweden liegt vor der Schweiz. Beim Ausländeranteil belegt die Schweiz mit 23 Prozent den Spitzenplatz in Europa. In Deutschland leben 6,2 Millionen Ausländer; wäre der Anteil dort gleich hoch wie in der Schweiz, käme man auf fast 20 Millionen Ausländer.

Es geht aber nicht nur um Statistiken. Im Juli verübten zwei Soldaten der deutschen Bundeswehr in Thüringen einen Anschlag auf ein Asylbewerberheim. Die Männer beschossen das Heim mit Feuerwerkskörpern und machten den Hitlergruss. In den Medien wurde der Vorfall kaum aufgenommen. Ebenfalls im Juli griffen Neonazis in Bayern einen 34-jährigen Mann aus Kasachstan auf einem Volksfest an und prügelten ihn zu Tode. Auch in Österreich kam es in den vergangenen Jahren regelmässig zu Anschlägen auf Flüchtlingsheime. Zuletzt steckten Neonazis im Januar mit Molotowcocktails ein Heim in Brand. Der Vorfall ereignete sich bei Feldkirch, gleich nach der Schweizer Grenze.

International wurde dies kaum thematisiert. In der Schweiz reicht eine Badi-Verbot-Debatte für einen Shit Storm.

Nationalratspräsidentin Maya Graf (Grüne) sagt: «Die Schweiz ist kein rassistisches Land.» Im Ausland schaue man aber genau hin und sehe «einen gewissen Widerspruch»: «Als reiches Land profitieren wir wirtschaftlich stark von Ausländern. Gleichzeitig scheint es kleinlich und schäbig, wie mancherorts bei uns mit Flüchtlingen umgegangen wird.»

In der Tat machen es hiesige Politiker und Behörden den Schweiz-Bashern einfach. Ein Stadtammann, der an der Fasnacht «Asylanten einmauern» wollte, wie der Bremgarter Raymond Tellenbach (siehe Seite 2) – das gibt es wohl nur in der Schweiz. Im Ausland wäre ein Bürgermeister wohl spätestens zwei Tage danach sein Amt los gewesen. Tellenbach scheint sein Ausfall im Februar aber kaum geschadet zu haben.

Auch die Minarett-Initiative und polemische SVP-Plakate sind ein Unikum und damit ein gefundenes Fressen für ausländische Medien. Die direkte Demokratie, die nirgendwo in Europa wirklich begriffen wird, führt zu einer viel direkteren Benennung von tatsächlichen und vermeintlichen Problemen. Nicht nur in der Ausländerpolitik: Manager mussten sich zuerst in der Schweiz als «Abzocker» bezeichnen lassen, bevor der Begriff nach Deutschland auswanderte.

Warum erzielen Anti-Schweiz-Storys auf ausländischen Portalen so gute Quoten? Auf der BBC-Website war die «Winfrey-Affäre» der meistgelesene Artikel des Tages. Martin Hofer, Geschäftsleitungsmitglied der PR-Agentur Farner und früherer Chef von «10 vor 10» und «SonntagsBlick», sagt: «Dass die Geschichte so gut läuft, hat meiner Meinung nach eher mit der Überraschung zu tun, dass es Rassismus auch in der Schweiz geben kann. Möglicherweise hat hier allerdings auch die Minarettinitiative den Boden bereitet, sodass genauer hingeschaut wird.»

Auch PR-Strategen sind sich uneins, ob ein solcher Shit Storm überhaupt ernst genommen werden soll oder nicht. Schweiz Tourismus nahm zumindest den Fall Winfrey bitterernst. Die Organisation verurteilte die Verkäuferin, ohne den genauen Vorgang in der Boutique zu kennen, eilfertig: «Wir schäumen vor Wut, diese Person hat sich völlig falsch verhalten.» Schweiz Tourismus entschuldigte sich offiziell bei Oprah Winfrey. Gestern relativierte aber Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus, die Folgen: «Aktuelle politische Diskussionen beeinflussen einen Reiseentscheid kaum. Bei der Reise wird ein Erlebnis gesucht. Das ist unabhängig von der politischen Lage», sagt er.

Weniger ernst scheint die Causa inzwischen vom «Opfer» selbst genommen zu werden. In der Nacht auf gestern setzte Oprah Winfrey mehrere Tweets ab, die Zürich und das Luxushotel Dolder hochleben lassen. «I had a GREAT time in Zurich», schrieb sie ihren mehr als 20 Millionen Followern. Das Hotel-Spa lobte sie als «best ever»: «Ich möchte da gern wieder hin.»

Das hört man im Land mit den nettesten Rassisten der Welt doch wieder gern.

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