In einer Zeit, wo viele junge Pop-Stars den Eindruck verbreiten, sie seien fertig verpackt vom Fliessband einer Hitfabrik gefallen, war die paradiesvogelhafte Amy Winehouse ein hochwillkommener Wirbelwind des Unkonventionellen. Statt dass ihre Eigensinnigkeit und Kompromisslosigkeit die Umgebung gegen sie aufgebracht hätte, löste sie Bewunderung und Begeisterung aus.

Hier war endlich einmal wieder eine Sängerin zu erleben, deren Lieder nicht nach Schema F geschneidert, sondern aus dem Lebendigen gegriffen waren. Gerade die enge Verflechtung ihrer Lieder mit ihrem Leben – auf dem ersten Album «Frank» liest sie ihrem Vater die Leviten, weil er die Mutter betrogen hatte – machten Winehouse zu einer Ausnahmeerscheinung in der Hitparade. Das und ihre viel publizierten Abstürze in Londoner Bars und ihre traurigen Liebesgeschichten mit erbärmlichen Junkie-Typen machten sie weit über das übliche Mass zu einem gefundenen Fressen für die Boulevardpresse.

Am Anfang mag die Künstlerin an der Aufmerksamkeit sogar Spass gehabt haben. In den letzten zwei Jahren lernte sie, ihre Krisen hinter geschlossenen Vorhängen über die Bühne gehen zu lassen. Es hiess, sie lebe gesünder, es war die Rede von einer hervorragend geglückten Aufnahme-Session für ein Duett-Album mit Tony Bennett.

Es wurde als positives Zeichen gewertet, dass sich ihre Manager getrauten, für diesen Sommer eine ganze Tournee zu planen. Aber bei der Premiere am 18.Juni in Belgrad fiel das Kartenhaus in sich zusammen. Winehouse wirkte stockbetrunken und hilflos. Vielleicht hatte die Sängerin unter dem Erwartungsdruck, der sich über ihre fünfjährige Funkstille hinweg aufgebaut hatte, der Verlockung, zur Flasche zu greifen, nicht mehr widerstehen können.

Amy Winehouse’ musikgewordene Unabhängigkeitserklärung «Rehab» ist der meistgehörte Pophit der letzten Jahre. Von ihrem zweiten und tragischerweise letzten Album «Back to Black», das im Oktober 2006 erschien, sind 10 Millionen Exemplare abgesetzt worden. Sie heimste dafür reihenweise Preise ein, darunter fünf Grammys. Ein Schweif von pflegeleichteren Geistesgenossinnen – Adele, Duffy, zum Beispiel – hat mit ihrem bei den Shangri-Las und Dusty Springfield angelehnten Sound Karriere gemacht.

Geboren wurde Amy Winehouse am 14. September 1983 in Nordlondon, Vater Mitch war Taxifahrer, die Mutter Apothekerin – die Eltern trennten sich, als die Tochter neun Jahre alt war. Schon in der Primarschule bekam Amy Probleme, weil sie singen wollte. In der Sylvia Young Theatre School hielt sie es genauso wenig aus wie an der Brit School in Croydon für angehende Popstars. Dennoch sprach sich ihr Talent herum.

Sie war zwanzig Jahre alt, als das Debütalbum «Frank» erschien. Es ist ein kühnerer und interessanterer Wurf als das grosse Hitalbum: Winehouse vermischte hier Jazz mit Hip-Hop und Soul auf fürwahr originelle Weise und wurde prompt für den Mercury-Preis fürs wichtigste Album des Jahres nominiert.

Abseits vom Scheinwerferlicht erlitt sie nach einer ersten Trennung von der «Liebe ihres Lebens» einen Nervenzusammenbruch. Inzwischen war sie auch auf den Geschmack harter Drogen gekommen. Ihr Manager versuchte sie zum Entzug zu überreden. Der Versuch kostete ihn den Job – und inspirierte Winehouse zu «Rehab».

Im Dezember 2006 sagte sie dem Schreiber dieser Zeilen dies: «Ich schreibe Songs, wenn ich fucked-up bin im Kopf. Dann muss ich einen Song draus machen und es mir vom Leib singen.» Acht Monate habe sie nach der Trennung warten müssen, bis sie darüber habe schreiben können: «Genug lang, dass eine gewisse Distanz da war – sonst wäre der Schmerz nicht auszuhalten gewesen. Aber nicht so lang, dass ich mich nicht mehr hätte dran erinnern können.»

Winehouse plauderte damals wie ein Sturzbach, wirkte wie ein Mensch ohne Schutzhaut. Nichts, was in ihrem Kopf vorging, schien sie verstecken zu wollen – oder zu können. Schreiben und Singen als Therapie – es ist ein altbekanntes Phänomen. Was aber, wenn die Künstlerin plötzlich meint, ihre Kreativität hänge davon ab, dass sie unglücklich sei? Nach «Back to Black» hat es Amy Winehouse nie mehr geschafft, in ihrem Leben die richtige Balance zwischen Distanz und Schmerz zu finden.

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