Neil Harbisson hat eine Antenne auf dem Kopf. Damit kann er Farben hören. Denn sehen kann der 30-Jährige, der an kompletter Farbenblindheit leidet, nur Hell-Dunkel-Kontraste. Um dennoch eine detailreichere Wahrnehmung seiner Umgebung zu bekommen, hat Neil den Eyborg entwickelt. Das Gerät ist an seinem Schädel fixiert und wandelt die Farben im Sichtfeld in Schallwellen um. Steht Neil vor einem gelben Haus, hört er die Note G. Fährt ein rotes Auto vorüber, nimmt er die Note F wahr.

«Ich kann damit sogar mehr Farben hören, als Sie sehen können», sagt Neil Harbisson im Gespräch. Denn der Eyborg nimmt auch Ultraviolett und Infrarot wahr. Das sind Wellenlängen, die für das menschliche Auge nicht mehr sichtbar sind. Der Eyborg ersetzt also nicht nur die Farbwahrnehmung des Auges, sondern erweitert diese sogar.

Aufgezeichnet werden die Farben von einem Sensor an der Antenne. Von dort werden sie als Signal zu einem Chip am Hinterkopf weitergeleitet, der sie in einen akustischen Ton umwandelt und diesen über den Schädelknochen für Neil innerlich hörbar macht. Kopfhörer sind dazu nicht nötig.

Das Gerät trägt Neil permanent. «Ich betrachte den Eyborg als Teil meines Körpers», erklärt er. Davon konnte Neil auch die britischen Behörden überzeugen, und so erscheint Neil mit dem Eyborg auf dem Kopf in seinem Reisepass. Er bezeichnet sich deshalb als den ersten offiziell anerkannten Cyborg.

Ein Cyborg ist ein technisch aufgerüsteter Mensch – eine Mensch-Maschine gewissermassen, bei der biologischer Organismus und kybernetische Technik ineinandergreifen. Vor zwei Jahren hat Neil die Cyborg Foundation gegründet. Das Ziel der Stiftung ist es, zusammen mit verschiedenen Forschern die Sinne des Menschen mithilfe von technischen Implantaten zu erweitern. «Wir lassen uns dabei von den Sinnen inspirieren, die es im Tierreich bereits gibt», sagt Neil. Als Vorbilder dienen etwa Delfine, die Ultraschallwellen wahrnehmen, und Tiefseefische, die Licht produzieren, um in der Dunkelheit zu sehen.

Ihre Wahrnehmung erweitert hat auch Moon Ribas, die Partnerin von Neil. Sie trägt Ohrringe mit Infrarotsensoren, die Bewegungen wahrnehmen und mit Vibrationen wiedergeben. «So spüre ich, wenn sich mir jemand von hinten nähert», sagt sie. Noch ist das Spielerei. Doch auch Moon Ribas könnte sich vorstellen, künftig permanent zum Cyborg zu werden.

Um vollends mit der Technik zu verschmelzen, will Neil den Eyborg mit Schrauben fest in seinem Schädel verankern. Über ein Jahr brauchte er, um einen Arzt zu finden, der die Operation durchführt. Nun hat die Ethikkommission eines Spitals in Barcelona den Eingriff gutgeheissen. Noch diesen Herbst will sich Neil dort operieren lassen. Danach wird er die Farben noch besser hören können. Die Technik des Eyborg lässt sich dann auch nutzen, um zu telefonieren. Wie die akustischen Signale des Eyborg können dann auch die telefonisch übermitteln Schallwellen über den Schädelknochen von Neil innerlich hörbar gemacht werden.

Noch immer muss er sich dann aber regelmässig an eine Steckdose anschliessen, um den Chip aufzuladen. «Ich bin von Elektrizität abhängig», erklärt Neil. Das ist etwas, das er mit einer weiteren Operation ändern möchte. «Ich möchte die Energie für den Eyborg aus meinem eigenen Körper beziehen.»

Zum Cyborg operieren liess sich Kevin Warwick bereits 1998. Der Kybernetik-Professor hat sich einen Chip unter die Haut eingepflanzt. Dieser kommuniziert mit dem Beleuchtungssystem seiner Universität. Sobald der Professor den Raum betritt, schaltet sich das Licht an. Wenige Jahre später liess er sich einen zweiten Chip implantieren, der mit den Nerven seiner linken Hand verbunden ist. Durch das Bewegen seiner eigenen Hand kann er damit eine Roboterhand steuern.

Seine Erfahrungen als Maschinen-Mensch beschreibt er ausführlich in seinem Buch «I, Cyborg». Für Warwick ist klar: Cyborgs werden nicht nur die Welt verändern, sondern diese bald auch beherrschen. Denn Cyborgs sind die effizienteren, stärkeren und intelligenteren Menschen. Das erinnert an Friedrich Nietzsches «Übermensch». Doch anders als bei Nietzsche wird hier die Idee, wie der Mensch «überwunden» werden kann, sehr konkret: mit Technik.

Noch spürt Neil Harbisson oft befremdete Blicke, wenn er mit seiner Antenne durch die Strasse geht. Doch das wird sich bald ändern, glaubt er. «Es werden immer mehr Menschen damit beginnen, Technik in ihren Körper zu implementieren, um ihre Fähigkeiten zu erweitern», ist Neil überzeugt. Das sei eine natürliche Entwicklung. «Es wächst eine Generation heran, die sich von ihren Eltern unterscheiden will und nicht mehr ständig mit einem Smartphone durch den Alltag gehen möchte.» Stattdessen wolle diese Generation ihr Smartphone in den Körper implantieren.

Für den Medientheoretiker Marshall McLuhan ist eine Technologie immer eine «Erweiterung von uns selbst». Das Telefon ist eine Erweiterung unserer Stimme, das Auto unserer Beine. Und das Smartphone lässt sich als Erweiterung unseres Gehirns verstehen – ebenso ein Chip im Kopf, was der nächste Schritt der Technisierung des Menschen sein könnte. Doch für viele würde damit eine «natürlich» scheinende Grenze überschritten: die Grenze zwischen menschlicher Technik und biologischem Organismus. Dabei wird diese Grenze schon längst strapaziert. Herzschrittmacher sind nichts Aussergewöhnliches mehr, und Hirnimplantate gegen Parkinson und Epilepsie werden zahlreicher – auch solche, die mit dem Internet verbunden sind, um die Gesundheitswerte dem Arzt zu übermitteln.

«In der Zukunft wird unser Nervensystem online gehen und unsere Sinneseindrücke werden mit dem Internet gekoppelt werden, sodass wir stets Informationen über das, was wir sehen und hören, abrufen können», sagt Vint Cerf, der in den 70er-Jahren mit dem Internetprotokoll den Grundstein für das World Wide Web gelegt hat. Aus dem Mund von Vint Cerf, einem knapp 70-jährigen Herrn in noblem Dreiteiler, klingt das nicht freakig, sondern visionär.

Doch bis es so weit ist, wird noch mindestens ein Zwischenschritt nötig sein. An diesem arbeitet Google bereits. Nächstes Jahr will der Konzern eine Brille auf den Markt bringen, die Informationen aus dem Internet direkt in das Sichtfeld des Nutzers einblendet. Eine Brille kann zwar noch immer abgenommen werden, doch sie lässt die Grenze zwischen Mensch und Gadget weiter schwinden.

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