Diesen Artikel hat ein Journalist geschrieben. Noch ist das selbstverständlich, doch das könnte sich bald ändern. Schon jetzt werden die ersten englischen Artikel im Web von Maschinen verfasst. Aus Datenbanken und Statistiken schöpfen Computerprogramme Informationen und formulieren daraus Texte. Narrative Science heisst ein Start-up aus Chicago, das sich auf diese Aufgabe spezialisiert hat.

Nachrichten-Aggregatoren wie etwa Google News, die aufgrund von Algorithmen im Netz publizierte Nachrichten zusammentragen, gibt es schon lange. Doch Narrative Science geht einen entscheidenden Schritt weiter: Hier werden die Texte selber von Algorithmen verfasst.

Narrative Science ist 2010 aus einem Studentenprojekt heraus entstanden. Zu den Kunden der jungen Firma zählen ebenso die Sportwebsite Big Ten Network wie das Wirtschaftsmagazin «Forbes», das seine Website mit computergenerierten Finanzanalysen anreichert. Sportberichte und Finanzanalysen – das sind Texte, die viele Zahlen enthalten und sich relativ einfach nach einem einheitlichen Muster generieren lassen. Sie eignen sich deshalb besonders gut, um von einem Algorithmus generiert zu werden.

Der Schreibprozess des Computerprogramms erfolgt über mehrere Schritte: Voraussetzung ist ein reichhaltiges Datenmaterial. Dieses wird dann von einem Algorithmus so aufbereitet, dass es sich in vorgegebene Textbausteine passen lässt. Das Programm muss dafür mit einem Set von Regeln ausgestattet sein, sodass es weiss, in welchem Zusammenhang die Gewinnprognose eines Unternehmens oder die Anzahl Schüsse auf das gegnerische Tor in einem Fussballmatch verwendet werden können.

Die Artikel, welch Narrative Science für «Forbes» verfasst, sind zwar alle nach demselben Muster gestrickt, bestehen aber aus semantisch und grammatikalisch korrekten Sätzen. Die Qualität der Texte ist also bedeutend besser als etwa eine mit Google Translation erstellte Übersetzung.

Durch eine Weiterentwicklung der Software liessen sich auch Texte generieren, die den Geschmack einer bestimmten Personengruppe trifft. Eine Zeitung könnte dann sowohl einen Matchbericht aus der Perspektive der Siegermannschaft und einen aus der Sicht der Verlierer erstellen lassen.

Kristian Hommond, einer der Gründer von Narrative Science, sieht in dieser Art von Journalismus ein riesiges Potenzial. Im Gespräch mit dem Technikmagazin «Wired» prognostizierte er, dass in 15 Jahren 90 Prozent der Nachrichten von Computern geschrieben würden.

Auch wenn diese Prognose etwas gar hoch gegriffen scheint, so ist doch davon auszugehen, dass von Computern verfasste Texte den Journalismus in den nächsten Jahren verändern werden. Das Ende des menschlichen Journalisten muss das nicht bedeuten. Viel mehr kann es dazu führen, dass relativ monotone Texte, die unter hohem Zeitdruck entstehen müssen, von Algorithmen verfasst werden, sodass den Journalisten selber mehr Zeit für Hintergrundartikel und Kommentare bleibt.

Dass Computer schon bald grosse Recherchen unterhaltsam erzählen und Schlüsse, die sich nicht aus absoluten Zahlenwerten ergeben, selbstständig ziehen können, davon ist nicht auszugehen. Denn dazu ist mehr als künstliche Intelligenz nötig: nämlich kritisches Denken und kreative Begabung.

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