Das historische Ereignis ging in der Deutschschweiz völlig unter. Erstmals hatten sich Anfang Juni am Rand der Session in Bern 33 Parlamentarier des Arc Lémanique mit den Regierungen der Kantone Waadt und Genf getroffen. Ziel der hochkarätigen Runde: Wie lassen sich die Bahnprojekte der Region politisch besser verteidigen? An die anschliessende Medienkonferenz sei kein einziger Deutschschweizer Journalist gekommen, sagt der Genfer Regierungspräsident Pierre-François Unger.

Das ist symptomatisch. Während im Osten des Landes das Wirtschaftswunder im Westen kaum ein Thema ist, wird es im Ausland sehr wohl zur Kenntnis genommen. Als New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg weltweit Vertreter von zwanzig innovativen Städten zum Austausch einlud, waren nur drei europäische darunter: Stockholm, Glasgow und, nein, nicht etwa die Wirtschaftsmetropole Zürich, sondern das boomende Genf.

Genf und Lausanne haben inzwischen Zürich wirtschaftlich den Rang abgelaufen. Das Bruttoinlandprodukt ist im Arc Lémanique in den letzten zehn Jahren deutlich stärker gewachsen als im Schweizer Mittel. Laut der Konjunkturforschungsstelle BAK Basel waren es seit dem Jahr 2000 über 25 Prozent. Nur die Region Basel konnte dank den Pharmariesen Novartis und Roche noch mehr zulegen. Die vermeintliche Boomregion Zürich hingegen erlebte von allen Schweizer Regionen mit nur 15 Prozent das geringste Wirtschaftswachstum.

Damit hat sich die Entwicklung der Neunzigerjahre gerade umgedreht: Damals war Zürich die Wirtschaftslokomotive des Landes, während die Romandie schwächelte. Die Trendwende war möglich dank den florierenden Sektoren Uhren, Parfums und Biotech, dem starken Bevölkerungswachstum, dem Immobilienboom und der stärkeren Ausrichtung der Westschweiz auf die stark wachsenden Schwellenländer. Die Deutschschweiz hingegen litt darunter, dass sie stärker von der schwächelnden europäischen Wirtschaft abhängt.

Vor allem aber erlebten Genf und die Waadt einen ungeahnten Zuzug multinationaler Handels- und Finanzfirmen. Genf ist zum Mekka der Rohstoffhändler geworden, die zugleich zu den umsatzstärksten Firmen der Schweiz zählen.

Dank des starken Wirtschaftswachstums schafft die Westschweiz seit dem Jahr 2000 mehr Arbeitsplätze als die Deutschschweiz. Im Arc Lémanique hat die Stellenzahl laut BAK Basel um 21,6 Prozent zugenommen, in der Grossregion Zürich/Aargau waren es nur 14,1 Prozent. Am meisten neue Jobs wurden in der aufstrebenden Region zwischen Morges und Nyon geschaffen – prozentual lag die Zunahme höher als in Zug, Genf und Zürich.

Die Nase vorn hat die Genferseeregion auch bei der Zahl der neuen Firmen. Zwischen 2004 und 2009 wurden laut BAK Basel zwischen 3 und 3,3 Unternehmen pro tausend Erwerbstätige gegründet, mehr als je zuvor – und mehr als in allen anderen Regionen. Im gleichen Zeitraum sank diese Zahl im Grossraum Zürich auf 2,5 Unternehmen.

Ausdruck des Wirtschaftsbooms ist das überdurchschnittlich starke Bevölkerungswachstum rund um den Genfersee. Nirgendwo war der Zuzug neuer Bewohner grösser als in den fünf Bezirken Veveyse, Broye, Martigny, Nyon und Gruyère. Nicht einmal der boomende Norden von Zürich hat ein solches Bevölkerungswachstum hinter sich.

Der Weg, den die Kantone Waadt und Genf zurückgelegt haben, ist erstaunlich. Noch Anfang des letzten Jahrzehnts lagen sie finanziell darnieder: Nach 15 Jahren Defiziten hatte der Kanton Waadt 2003 einen Schuldenberg von 9 Milliarden aufgehäuft. «Am 16. Juni 2003 waren wir faktisch zahlungsunfähig», erzählte Francis Randin, nachdem er aus dem Finanzdepartement ausgeschieden war.

Der Tag der Wahrheit kam im Herbst. FDP-Finanzminister Pascal Broulis präsentierte seinen Kollegen auf dem Schloss von Bavois den Sanierungsplan. Dieser untersagte Ausgaben, welche die Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts übersteigen. Der drittgrösste Kanton gilt heute als schuldenfrei.

Mindestens ebenso dramatisch präsentierte sich die Lage im Kanton Genf. In den Achtzigerjahren habe sich kein Genfer für die Schweiz interessiert, sagt der grüne Finanzminister David Hiler. «Wir waren reich, es ging uns gut.» Dann kam die Krise der Neunzigerjahre, und plötzlich war Genf grösster Schuldnerkanton der Schweiz. Hiler: «Alles brach zusammen.» Genf realisierte, dass es so nicht weitergehen konnte, führte die Schuldenbremse ein und sanierte die Finanzen. Ab 1998 war die Zeit vorbei, als Genf neue Schulden anhäufte.

Mit der Personenfreizügigkeit folgte der Boom. «Sie trug viel zum Wachstum bei», sagt Pierre-François Unger, Regierungspräsident des Kantons Genf. «Wichtig ist aber auch, dass wir eine extrem diversifizierte Wirtschaft haben.» Da Genfs Bodenressourcen beschränkt sind, forcierte Unger die Greater Geneva Berne Area, die im Juni 2008 von den Kantonen Bern, Freiburg, Waadt, Neuenburg, Genf und Wallis beschlossen wurde. «So konnten wir Clusters für Nanotechnologie, Life Sciences, Kommunikationstechnologie und Cleantech schaffen», sagt Unger. «Clusters sind wichtig, weil sich die Leute so gegenseitig anziehen.»

Doch Genf musste schnell erkennen, dass isoliertes Wirtschaftsengagement allein nicht genügt. «Als die erste Rechnung für den Finanzausgleich kam, war das ein Schock für Genf», sagt Hiler. Denn Genf war ein grosser Zahler, 2013 wird es mit 260 Millionen der zweitgrösste sein. «Plötzlich wurde uns klar: Wir müssen uns stärker einbringen, wenn wir nicht nur zahlen wollen.»

Ausgerechnet das international ausgerichtete Genf, das sich als Republik versteht und stets seine Unabhängigkeit betonte, musste sich eingestehen: Die wichtigen politischen Entscheide fallen in Bern. Hier bestand dringender Handlungsbedarf, zumal sich die Regierung nicht einmal zum Austausch mit den eigenen Kantonsparlamentariern traf.

Als Sofortmassnahme schickte Genf zwei vollamtliche Lobbyistinnen nach Bern. Ihnen räumt die Regierung hohe Priorität ein. Unger: «Wir diskutieren täglich, und wenn sie mir sagen, ich müsse einen bestimmten Politiker sofort treffen, reise ich unverzüglich nach Bern.» Bis zu viermal tut er es inzwischen pro Monat. Genf versucht auch, in wichtigen Expertengruppen Einsitz zu nehmen. Und Unger engagierte sich persönlich, dass die CVP dieses Jahr auf ihrem Fraktionsausflug in die Calvin-Stadt kam. Dabei zeigte sich, dass die stärkere Konzentration auf Bundesbern erste Früchte trägt. «Zu meinem Erstaunen kannte ich alle», sagt Unger. «Das wäre noch vor sechs Jahren undenkbar gewesen.»

Inzwischen gibt es Kantone wie Basel-Stadt, die Genf um ihre Vernetzung in Bern beneiden. Und das historisch einmalige gemeinsame Auftreten von Waadt und Genf zeigt: Die beiden Boomkantone treten in der Bundeshauptstadt selbstbewusst wie nie auf. Waadtländer und Genfer hätten sich «wieder kennen und respektieren» gelernt, sagt Unger. Der Waadtländer Regierungspräsident Pierre-Yves Maillard und er hätten letztes Jahr einen guten Draht gefunden. «Wir haben grosse Lust, vieles gemeinsam anzupacken», sagt Unger. Habe man gegenseitig Vertrauen, sei man erfolgreich. «Und Erfolg macht selbstbewusst.»

Das zeigte sich auch, als die «Weltwoche» im März die Romands als «die Griechen der Schweiz» bezeichnete und behauptete, in jeder Negativstatistik lägen die Welschen vorn. Noch in den Neunzigerjahren hätte dies am Genfersee Wut und Irritation ausgelöst. Doch die Romands reagierten erstaunlich gelassen auf die Attacke aus Zürich. Sie liessen sich mit den Füssen auf dem Tisch und mit einem Glas Weisswein in der Hand fotografieren. Das zeigt, wie selbstbewusst sie nach zehn Jahren Wachstum geworden sind.

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