Eine Gruppe angehender Polizisten will im Genfer Stadtzentrum einen Diebstahl simulieren. Doch so zu tun als ob, brauchen sie gar nicht. Denn als die Aspiranten die Treppen des Wohnblocks hochsteigen, entdecken sie zwei mit Gewalt aufgebrochene Türen. Gleichzeitig hetzen unten drei junge Frauen aus dem Gebäude – sie schaffen es allerdings nur ein paar hundert Meter weit. Draussen warten bereits die Ausbilder auf die drei Frauen aus Serbien, um sie festzunehmen. Diese Szene ereignete sich am Montag – und sie gehört zum Alltag. Täglich werden in Genf 18 Personen verhaftet. Über 6500 sind es pro Jahr.

Der Kanton kämpft seit Jahren gegen die rasant ansteigende Kriminalität. Nirgends in der Schweiz werden im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Straftaten verübt (siehe Tabelle). Meistens handelt es sich um Diebstähle, Drogendelikte oder Überfälle. 41 000 Straftaten waren es 2011 – 22 Prozent mehr als 2010. Dabei war Genf schon damals mit 33 000 Straftaten negativer Spitzenreiter. Selbst die ehemalige Bundesrätin Micheline Calmy-Rey wandte sich im vergangenen Sommer an die Behörden und äusserte Sicherheitsbedenken. Sie fürchtete um den Ruf der UNO-Stadt. Nicht zuletzt, weil auch Diplomaten angegriffen wurden.

Zu den gefährlichsten Orten der Stadt zählen der Bahnhof, mehrere Parks und das Quartier L’Usine. 300 bis 400 Personen aus Nordafrika seien für rund die Hälfte aller Straftaten in der Stadt verantwortlich, sagt Polizeisprecher Eric Grandjean. Die meisten hätten die Polizei schon mehrmals verhaftet. Doch davon liessen sich die Verbrecher nicht abschrecken. Nach einem kurzen Aufenthalt in den überfüllten Gefängnissen gehe alles wieder von vorne los.

Das Genfer Rotlichtviertel im Paquis gilt hingegen als vergleichsweise sicher. Obwohl im Quartier neben dem Bahnhof an der Rue de Berne – dem Pendant zur Zürcher Langstrasse – an fast jeder Ecke eine Prostituierte wartet. Bis zu 40 Polizisten, die Hälfte in Zivil, seien in diesem kleinen Gebiet im Sommer täglich unterwegs, sagt Grandjean. Die Drogendealer werden so auf die nördliche Bahnhofseite gedrängt.

Doch nicht nur deshalb habe sich die Situation in der Paquis verbessert, sagt Grandjean und tippt auf ein grosses Schaufenster, hinter der sich ebenfalls eine Prostituierte anbietet. «Das ist neu und schützt die Frauen besser», sagt er. So müssten sie nicht auf der Strasse stehen. Noch vor einem Jahr waren solche Schaufenster, wie es sie in Amsterdam gibt, verboten. Hilfreich sei ebenfalls die Selbstkontrolle. Biete eine Prostituierte ihre Dienste ohne Bewilligung an, melden das die anderen Frauen schnell der Polizei. Unliebsame, illegale Konkurrenz wollen sie nicht.

Diebe bestehlen die Touristen nicht im Rotlichtviertel, sondern vor allem rund um die Seepromenade. Allerdings erkennt Grandjean einen neuen Trend. Früher lenkten die Gauner die Touristen ab, um sie auszurauben. «Zizou arbeitete sehr fleissig», sagt Grandjean über die Diebe, die in Anlehnung an den französischen Fussballstar Zinedine Zidane nur «Zizou» gerufen werden. Denn die Gauner zeigen zur Ablenkung Fussballtricks. Der Ausdruck ist in Genf so verbreitet, dass sich vor zwei Jahren sogar Zidanes Anwalt bei Grandjean meldete, um sich offiziell zu beschweren.

Als diese Masche an Wirkung verlor, nahmen gewalttätige Überfälle zu. Häufig wird mit dem Messer gedroht. Heute nehmen sich die Diebe aber lieber Häuser vor. Das bestätigt Gustave Jourdan, Gründer der Sicherheitsfirma Sentinel Protection, die vor allem Uhren- und Schmuckgeschäfte betreut. Fast alle der 40 Genfer Bijouterien haben heute eigenes Sicherheitspersonal. «In diesem Jahr haben uns zusätzlich 50 Personen angefragt, ihre Häuser zu überwachen», sagt Jourdan. Er verkaufe 2012 auch deutlich mehr Überwachungssysteme.

Die Diebstähle am eigenen Leib zu spüren bekommen, hat diese Woche FDP-Nationalrat Christian Lüscher (GE). Die Gauner brachen in seine Garage ein und stahlen seinen Scooter. Auf Facebook machte er sich Luft: «Verflucht sei der Schmutzfink, der meinen Scooter geklaut hat.» Mittlerweile kann er aber darüber lächeln. «Dann nehme ich eben das E-Bike zur Arbeit», sagt er. Doch die hohe Kriminalitätsrate bleibe beunruhigend. Genf brauche einfach mehr Polizisten. In einigen Quartieren sei die Lage katastrophal. «Wir müssen den Krieg gegen die Kriminalität gewinnen.» Lüscher ist überzeugt, dass dies seinem Parteikollegen Pierre Maudet gelingen wird. Maudet, der ehemalige Genfer Stadtpräsident, wurde am 17. Juni überraschend in die Kantonsregierung gewählt. Die linke Favoritin Anne Emery-Torracinta (SP) wurde eine resolute Bekämpfung der Kriminalität offenbar nicht zugetraut.

«Wir sind an einem Wendepunkt», sagt Maudet, der künftig für die Sicherheit zuständig ist. Genf sei ein regelrechter «Supermarkt für Drogen» geworden – diese seien billig und schnell zu bekommen. Er wolle deshalb enger mit den französischen Behörden zusammenarbeiten. Mehr will er noch nicht verraten. Spätestens im September wird Maudet aber seine «Vision» der Kriminalitäts-Bekämpfung präsentieren. «Nun bin ich in der Position, etwas zu ändern.» Ein echtes Konzept, das sowohl die wachsende Zahl Asylsuchender als auch die überfüllten Gefängnisse beinhaltet, habe in Genf bisher gefehlt.

Dabei dürfte auch der Grenzwache eine wichtige Rolle zukommen. Ganze Verbrecher-Banden aus Frankreich, speziell Lyon, kommen regelmässig nach Genf. Diese Woche ging das Genfer Grenzkorps deshalb erstmals per Helikopter auf Verbrecherjagd. «Der Hubschrauber ist eine hervorragende Ergänzung zu unseren Fahrzeugen», sagte Philippe Nahum, Abteilungsleiter des Grenzkorps. «Von oben hat man einen besseren Überblick.» Ob der Hubschrauber regelmässig zum Einsatz kommt, wird in den nächsten Wochen entschieden. Unabhängig davon fordert die Gewerkschaft der Zöllner und Grenzwächter aber mehr Personal für die Genfer. Das Grenzkorps müsse von 340 auf 400 Personen aufgestockt werden, sagt Zentralsekretär André Eicher, damit man der steigenden Gewalt überhaupt entgegentreten könne.

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