Gondo liegt am Ende der Schweiz. Irgendwo hinter dem Simplonpass, einen Kilometer vor der Grenze zu Italien. Die meisten Schweizer würden den kleinen Ort nicht kennen, wäre nicht 2000 eine Schlammlawine durch das Dorf gedonnert.

Einst gab es Gold in Gondo. Heute lebt der Ort vom Wasser, denn auf dem Gebiet der Gemeinde, die offiziell Zwischbergen heisst, liegt ein Stausee, dessen Wasser durch Turbinen fliesst. 180 Gigawattstunden Strom produzieren diese jedes Jahr, genug für 45 000 Privathaushalte. Pro Einwohner nimmt Gondo jährlich rund 9000 Franken Wasserzinsen ein. Die Steuern liegen etwas unter dem Walliser Schnitt, die Gebühren sind tief. «Nächstes Jahr werden Abfallgebühren eingeführt», sagt Gemeindepräsident Roland Squaratti. «Weil wir müssen.» Den Abfall kostenlos abzuführen hat das Bundesgericht verboten.

Die Wasserzinsen sind nur ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Jahrzehnten kommt. Denn dann laufen in den Alpen die Konzessionen der Wasserkraftwerke aus. Viele von ihnen wurden im 20.Jahrhundert von Elektrizitätsunternehmen aus dem Unterland gebaut. Dort wurde Strom gebraucht. Und dort war das Kapital, das den Berggebieten fehlte. Und so gehören die Walliser und Bündner Kraftwerke heute zu rund 80 Prozent Unternehmen, die von ausserhalb des Kantons kommen.

Für die Dörfer in den Alpen bedeutet das Auslaufen der Konzessionen eine Sonderdividende. Denn sie können den «Heimfall» geltend machen: Damit gehen die imposanten Bauten an die öffentliche Hand über. Teilweise ganz an die Gemeinden, teilweise auch an den Kanton. Wollen die Stromkonzerne ihre Kraftwerke weiterhin betreiben, müssen sie sich dieses Recht neu erkaufen.

Auf 20 Milliarden Franken schätzt Berater Peder Plaz vom Unternehmen BHP Hanser & Partner den Wert der Walliser Konzessionen. Der Bündner Energiedirektor Mario Cavigelli ist etwas vorsichtiger und beziffert den Wert des dortigen Wasserkraftwerkparks auf «über 10 Milliarden». Zusammen produzieren die beiden Wasserkantone einen Drittel des in der Schweiz verbrauchten Stroms.

Erste Neukonzessionierungen haben die Fantasie beflügelt. In die kleine Gemeinde Finaut im Unterwallis flossen 112 Millionen Franken, als die SBB die Bewilligung für ihr Kraftwerk Emosson verlängern mussten – 300 000 Franken für jeden der 370 Einwohner. BHP hat den Wert aller Walliser Konzessionen geschätzt: Die Einwohner der Gemeinde Eisten im Saasertal könnten mit 1,5 Millionen Franken pro Kopf rechnen. Ähnlich ist der Fall in Gondo. Oder in St. Niklaus.

Doch die Bergkantone haben grössere Pläne: Sie wollen ins Stromgeschäft einsteigen. «Wir wollen die Beteiligung der öffentlichen Hand von heute rund 18 Prozent deutlich ausbauen», betont Cavigelli. Einen Zielwert gibt es in Graubünden nicht. «Wir werden in jedem Einzelfall prüfen, ob eine Mehrheitsbeteiligung sinnvoll ist.» Angriffslustiger ist sein Walliser Amtskollege, Jean-Michel Cina: Er will mindestens 60 Prozent der Wasserkraft halten.

Viele Ablaufdaten der grossen Kraftwerke liegen zwischen 2040 und 2050. Doch hinter den Kulissen sind bereits heute alle am Verhandeln. Besonders nervös sind Axpo, Alpiq und BKW. Denn sie könnten auf einen Schlag gleich zwei profitable Einnahmequellen verlieren: die AKW und wegen des Heimfalls auch die Wasserkraftwerke.

Spricht man die Konzerne auf die Problematik an, geben sie sich wortkarg. Doch auf der politischen Bühne versuchen sie zu retten, was noch zu retten ist. Bis anhin jedoch ohne Erfolg: Ein entsprechender Vorstoss des BDP-Nationalrats und BKW-Präsidenten Urs Gasche wurde im Nationalrat mit 153 gegen 18 Stimmen wuchtig verworfen. Dabei hatte er im Vorfeld aus dem Bundesrat wohlwollende Signale erhalten.

Im Bundesamt für Energie weiss man nur zu gut, dass die Wasserkraftwerke eine wichtige Rolle im Atomausstieg spielen. Wird die Wasserkraft aufgrund eines unkontrollierten Heimfalls nicht ausgebaut oder bleiben die nötigen Investitionen wegen grosser Unsicherheit aus, könnte das die Energiestrategie von Doris Leuthard gefährden. Gelassener reagieren die Kantone: Dort sei der Heimfall «bis anhin kein Thema gewesen», sagt der Präsident der Energiedirektorenkonferenz, Beat Vonlanthen. «Die Wasserkantone haben versprochen, auf die Versorgungssicherheit für die ganze Schweiz zu achten.»

Sich selber haben die Bergkantone vor allem eines versprochen: Die Erträge aus dem Stromgeschäft zu erhöhen. Eine Arbeitsgruppe der Walliser Regierung rechnete vergangenes Jahr vor, dass im von hohen Strompreisen geprägten Jahr 2008 dem Kanton 560 Millionen Franken entgangen seien, weil das Stromgeschäft hauptsächlich von ausserkantonalen Unternehmen betrieben werde. Es gelte daher, «Heimfälle so auszuüben, dass eine optimale Wertschöpfung für die Volkswirtschaft anfallen kann».

Die Walliser Regierung hat drei Szenarien entworfen, die derzeit diskutiert werden. Allen gemein ist, dass das Flachland an Einfluss verliert. Und sie hat ein Moratorium für neue Konzessionen erlassen, damit nicht einzelne Wassergemeinden noch rasch vollendete Tatsachen schaffen. Ihr Ziel ist es, Streit zu verhindern. Nicht nur sollen die Stromkonzerne weiterhin eingebunden sein, sondern auch jene Gemeinden mit Erträgen aus dem Wassergeschäft beglückt werden, die keine Kraftwerke beheimaten. So will es zumindest das Szenario, das derzeit von den Oberwalliser Wassergemeinden unterstützt wird.

Die Bergkantone wissen: Schlagen sie über die Stränge, besteht die Gefahr, alles zu verlieren. Dann nämlich, wenn sich Bundesbern einschaltet. «Plötzlich haben wir eine nationale Debatte», warnt Gondos Präsident Squaratti.

Vielleicht spricht er auch deshalb nicht so gerne über die Millionen, die auf die Gemeinde mit ihren 100 Einwohnern zukommen. Zudem will er im Dorf «keine Begehrlichkeiten» wecken. Viel lieber als eine einmalige Zahlung wäre ihm ein Ausbau des Kraftwerkbetriebs. Zusammen mit der Betreiberin Energie Electrique du Simplon plane man den Ausbau zum Pumpspeicher-Kraftwerk, sagt er. Zwar liegt das Gelände in der Naturschutzzone. Doch Energieministerin Leuthard hat bereits signalisiert, dass man Einschnitte in Kauf nehmen müsse, um den Atomausstieg zu schaffen.

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