Es ist Mittwoch, 11. September, als der News-Sturm über Rolf Dobelli losbricht. Ausgerechnet über ihm, dem zusammen mit Martin Suter zurzeit erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller, der stolz von sich behauptet, keine Nachrichten zu lesen, schon gar nicht online. Und der auch den Käufern seiner Bücher «ein Leben ohne News» empfiehlt.

Am 11. September stellt ein Freund von Dobelli, mit dem er sich seit zehn Jahren austauscht, einen Blog ins Internet. Es ist der amerikanisch-libanesische Finanzmathematiker und philosophische Essayist Nassim Nicholas Taleb, Autor des Bestsellers «Der Schwarze Schwan». Titel des Blogs: «Der Fall Rolf Dobelli». Taleb bezichtigt den Schweizer des Plagiats und kündigt ihm bebend die Freundschaft, unter Abgesang nicht zitierfähiger Beleidigungen, von denen eine auf Deutsch übersetzt auch das A-Wort enthält.

Bis zu diesem 11. September ging es im Leben des 47-jährigen Dobelli, der zusammen mit seiner Ehefrau in Luzern lebt, fast linear aufwärts. Er studierte und dissertierte an der Universität St. Gallen, startete eine Manager-Karriere in der Wirtschaft, unter anderem in der Swissair-Gruppe. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er ab 1999 bekannt, als er mit Freunden getAbstract gründete, einen Verlag, der kurze Buchzusammenfassungen weltweit anbietet. Alles, was Dobelli anfasst, hat Erfolg. Das Unternehmen beschäftigt heute 125 Mitarbeiter.

Dobelli verfügt über ein seltenes Talent: Er vereinigt literarische Fähigkeiten mit unternehmerischem Denken. Diese Kombination hilft auch, seine Bücher zu Bestsellern zu machen. «Die Kunst des klaren Denkens» steht seit dem Erscheinen im Jahr 2011 praktisch ohne Unterbruch in der «Spiegel»-Bestsellerliste, mehr als eine Million Exemplare wurden insgesamt verkauft. Zeitgleich schafft es nun auch das Nachfolgewerk «Die Kunst des klugen Handelns» in die Top Ten.

Wenn Dobelli nicht bereits vor zwei Jahren durch den Verkauf von getAbstract Multimillionär geworden sein sollte – er ist es spätestens dank den Büchern. Aus dem einstigen Rolf Döbeli, wie er ursprünglich hiess, ist die globale Marke Dobelli geworden.

Jetzt aber erlebt der Midas der Schweizer Literatur seinen ersten Rückschlag. Er wirkt am Telefon ungewohnt bedrückt, denn er weiss, auch wenn Talebs Plagiatsvorwürfe höchst fragwürdig und von Eigeninteressen getrieben sind: «Das werde ich nie mehr loswerden.»

Taleb behauptet, er habe in 23 Textabschnitten von Dobellis soeben auf Englisch übersetzten Buch «The Art of Thinking Clearly» Abschriften entdeckt.

Der No-News-Mann Dobelli muss schnell darauf reagieren, denn er weiss: Wenn ein Welt-Star wie Taleb einen Star zumindest im deutschen Sprachraum angreift, hat es das Potenzial zu einer Story, die auch die von Dobelli geschätzten Wochenmagazine interessieren dürfte.

Schnell versucht Dobelli am Donnerstag – ironischerweise auf den sonst boykottierten Online-Plattformen von «Tages-Anzeiger» und «20 Minuten» – die Vorwürfe aus der Welt zu schaffen. «Lächerlich oder absurd» sei die Mehrheit der Anschuldigungen, er habe «keine Ahnung», wieso Taleb auf einmal mit dieser Breitseite komme. Er habe ihn in seinem Buch 30-mal zitiert.

Doch nun erfährt Dobelli am eigenen Leib, wie sich im Zeitalter der Online-Medien eine unkontrollierbare Eigendynamik entwickelt. In der Theorie kennt er den «Story Bias», wie er den «Denkfehler» nennt, gut. Er beschreibt ihn im Buch so: «Klar ist, dass sich die Menschen die Welt zuerst durch Geschichten erklärten, bevor sie begannen, wissenschaftlich zu denken. Die Mythologie ist älter als die Philosophie. Das ist der Story Bias: Geschichten vereinfachen und verdrehen die Wirklichkeit. Sie verdrängen alles, was nicht so recht hineinpassen will.» Und weiter heisst es: «In den Medien wütet der Story Bias wie eine Seuche.»

Die Geschichte «Dobelli ist ein Plagiator» ist einfach zu gut. Am Freitag melden sich zwei weitere Wissenschafter zu Wort. Die US-Psychologie-Professoren Christopher Chabris und Daniel Simons schreiben, Dobelli habe fünf Textstellen aus ihrem Bestseller «The Invisible Gorilla» aus dem Jahr 2011 kopiert, ohne Quellenangabe.

Schlagartig ändert Dobelli nach diesem Blog seine Kommunikation: von der Zu-Guttenberg-Strategie zur Doris-Fiala-Strategie. Er wendet sich auf seiner Facebook-Seite an die «lieben Freunde und Leser». Es folgen die Bekenntnisse des Rolf Dobelli: Alle Vorwürfe von Chabris/Simons würden zutreffen, schreibt er mit weisser Schrift auf schwarzem Hintergrund. «Für alle Fehler und Unterlassungen trage allein ich die Verantwortung.» Auch zwei Vorwürfe von Taleb lässt Dobelli gelten, die anderen weist er weiterhin zurück.

«Dobelli’s Case» (Taleb) ist inzwischen auch zu einem Fall für die Zürcher Kommunikationsagentur Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten geworden. Ein befreundeter Berater hilft Dobelli, den Imageschaden so gut wie möglich zu begrenzen. Ein Ansatzpunkt: Der US-Star Taleb ist ein gekränkter alter Mann. Im Schweizer Fernsehen spricht auf einmal Michael Krüger, Chef des Carl Hanser Verlags in München, der früher Talebs Bücher verlegte. Er sagt: «Taleb beschwerte sich immer, er müsste noch viel bekannter sein. Er ist ein sehr eitler Mensch, dass er neidisch ist auf den Erfolg von Dobelli, das ist klar.»

Hinzu kommt, dass Talebs Bücher längst keine Selbstläufer mehr sind. Der «schwarze Schwan» verkauft sich kaum noch, ebenso wenig das Werk «Antifragile». Dobelli hat inzwischen die besseren Verkaufszahlen. Just in zwei Monaten kommt Talebs neues Buch «Kleines Handbuch für den Umgang mit Unwissen» auf den deutschen Markt. Dass er sich mit seiner Attacke auf Dobelli gerade jetzt ins Gespräch bringt – kaum Zufall. Ausserdem ist Dobelli nicht Talebs erstes Opfer, wie jener nun sagt, wo die Freundschaftsbande unwiderruflich durchschnitten sind: Auch andere Grössen wie Karl Whelan (University College Dublin), Richard Dawkins (Oxford University) und Steve Pinker (Harvard) kriegten ihr Fett ab.

Entlastend für Dobelli ist vor allem eines: Taleb kennt das Buch seit Februar, ja er trat damals sogar gemeinsam mit Dobelli an der Vernissage in New York auf. «Nur er und ich waren auf der Bühne, alles war gut – und jetzt diese Attacke aus heiterem Himmel», sagt Dobelli.

Und trotzdem: Am Erfolgsmenschen Dobelli scheint sich eine Schadenfreude zu entladen, die sich über all die Jahre bei Kritikern angesammelt haben muss. In den Wirtschaftsteilen der Zeitungen war Dobelli schon immer beliebter als in den Kulturbünden; in den Online-Foren tönt es nach dem Plagiatsvorwurf nun so: «Finanz-Bünzli in aller Welt schenken sich die Ergüsse gegenseitig zu Weihnachten, um auch etwas im Glanz der ‹Philosophen› und ‹Ökonomen› zu stehen. Herzig.» Dieser Kommentar bekam besonders viele «Likes».

Tatsächlich sind Dobellis Bücher bei Managern beliebt, ein HP-Kadermann bezeichnete sie in der «HandelsZeitung» als «unverzichtbar für jeden Manager». Viele Fans hat der gut aussehende Dobelli auch bei Frauen zwischen 30 und 50. Sie himmeln ihn an, so wie über 60-jährige Frauen Peter von Matt an Lesungen anhimmeln. Dobelli, immer gut gekleidet, beim Hemd oft die obersten beiden Knöpfe offen, hat den Vorteil, dass er nie nach dem linken Mief roch, der vielen Schriftstellern den Weg in die Bestsellerlisten verbaut.

Seine Nähe zu den Mächtigen aus Wirtschaft und Wissenschaft zeigt sich nirgendwo besser als bei der von Dobelli 2008 gegründeten Veranstaltung «Zurich.Minds», laut «Bilanz» einem der exklusivsten Wirtschaftsevents der Schweiz, an der auch Taleb schon aufgetreten ist und wo bekannte Persönlichkeiten aus Forschung, Unternehmen und Kunst referieren.

Lange Zeit bewundert, kippte die öffentliche Wahrnehmung beim jüngsten Anlass im Dezember 2012. «Die bedeutendste Konferenz seit Einstein», titelte der «Tages-Anzeiger» spöttisch. Dobelli hatte die Teilnehmer mit den Worten begrüsst: «Wir sind der Club der smartesten Leute dieses Planeten. Wir glauben nur, was wir durch die Augen der Wissenschaft sehen, und vielleicht durch die Augen der Künstler.»

Das war wohl too much. Für diesen Denkfehler hätte Dobelli womöglich auch ein Fachwort bereit. Schwerer wiegen sicher die Plagiatsvorwürfe. Der Erfolgsmann ist erstmals als Krisenmanager in eigener Sache gefragt. «Jetzt heisst es: Helm anziehen», sagt er. Es würde nicht überraschen, wenn der wendige Dobelli einen Weg aus dem Sturm fände. Jedenfalls hat er bereits eine Idee für ein neues Buch. Mehr will er nicht sagen: «Ich bin daran, Notizen zu machen.»

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