Herr Scheidegger, im Herbst erwarteten Sie für 2013 noch ein Schweizer Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent. Neu sind es nur noch 1,3 Prozent. Warum?
Eric Scheidegger: Die Rezession im Euroraum dürfte sich noch ins nächste Jahr hineinziehen. Zudem haben sich in den letzten Monaten die Konjunkturaussichten in anderen Räumen eingetrübt. Ich denke da vor allem an die USA, die nach wie vor nur ein ziemlich verhaltenes Wachstum aufweisen, aber auch an den asiatischen Raum.

Wie gross ist die Gefahr, dass die Schweiz 2013 in eine Rezession abstürzt?
Ich sehe im Moment keine Anzeichen einer Rezession. Es ist aber nicht auszuschliessen, dass wir noch ein oder zwei schwache Quartale mit geringem Wachstum haben werden.

Falls es die europäischen Länder nicht schaffen, ihre Schulden abzubauen, wird das aber die Schweiz in Mitleidenschaft ziehen.
Man schaut jetzt stark auf Europa, ist beeindruckt von den herkulischen Hausaufgaben, die Europa machen muss. Mich besorgt aber ebenso, dass auch andere Wirtschaftsräume schwere Schuldenlasten bewältigen müssen. Die USA und auch Japan werden noch jahrelang mit der Sanierung ihrer Haushalte zu kämpfen haben. Dies wird die weltwirtschaftlichen Aussichten trüben.

Wie stark wird die schlechtere Wirtschaftslage im Hauptexportland Deutschland die Schweiz belasten?
Wir rechnen damit, dass Deutschland im nächsten Jahr die Konjunkturdelle überwindet, sodass die Schweizer Exporte nach Deutschland wieder anziehen.

Die Arbeitslosenquote von derzeit 2,9 Prozent steigt laut Ihrer Prognose im nächsten Jahr auf einen Jahresschnitt von 3,3 Prozent. Wann ist der Höhepunkt erreicht?
Die Arbeitslosigkeit steigt im Verlauf des ersten Halbjahrs auf vielleicht 3,5 Prozent an. Erst im zweiten Semester wird es eine Stabilisierung geben. Der Peak sollte also im Sommer oder Herbst 2013 erreicht werden. Im ersten Halbjahr 2014 sollte die Arbeitslosigkeit beginnen, sich zurückzubilden.

Welche Branchen sind am stärksten vom Anstieg der Arbeitslosigkeit betroffen?
Die Branchen, die schon in diesem Jahr unter dem starken Schweizer Franken und der lauen Auslandnachfrage gelitten haben, etwa die Maschinenindustrie, die metallverarbeitende Industrie, die Textilindustrie, die Papierindustrie und die Tourismuswirtschaft.
In welchen Branchen wird dagegen die Arbeitslosigkeit sinken?
Positive Impulse erwarte ich von der Pharma- und der Uhrenindustrie, von der öffentlichen Verwaltung, dem Hochbau und vom Gesundheitssektor. Diese Branchen haben immer wieder in den letzten Jahren die Rolle eines Stabilisators erfüllt.

Die Banken sind stark unter Druck, planen Massenentlassungen. Wird die Arbeitslosigkeit auch hier zunehmen?
In dieser Umstrukturierung gibt es nicht nur Verlierer: Die Gross- und die Privatbanken waren in den letzten Jahren stark davon betroffen, die Kantonal-, Regional- und Raiffeisenbanken haben hingegen profitiert. Es ist also nicht gesagt, dass der Bankensektor als Ganzes Arbeitsplätze abbauen wird. Weltweit nehmen die Vermögen und der Wohlstand zu, in den Schwellenländern entstehen neue Mittelschichten, die Vermögensverwaltungsbedürfnisse haben. Da gibt es neue Chancen für die Schweizer Banken.

Im Herbst nahm die Kurzarbeit erstmals wieder deutlich zu. Kommt es 2013 zu einer neuen Kurzarbeitswelle?
Ich gehe davon aus, dass im aktuellen Umfeld der Verunsicherung Unternehmen dieses Instrument vermehrt brauchen werden.

Wird die Industrie weitere Stellen ins Ausland verlagern oder sogar ganze Fabriken schliessen?
Die Franken-Problematik hat sich entschärft. Wir sind nicht mehr in der bedrohlichen Situation wie vor einem Jahr. Der Mindestkurs der Nationalbank gibt den Unternehmen Planungssicherheit. Und der Schweizer Franken hat sich seit dem Höhepunkt der Aufwertung im Sommer 2011 handelsgewichtet um immerhin etwa 10 Prozent abgewertet. Deshalb glaube ich, dass sich viele Unternehmen gut überlegen, ob sie den guten Standort Schweiz verlassen wollen. Sie wissen, dass sie hierzulande von ausgezeichneten Rahmenbedingungen profitieren, die im Vergleich zu ausländischen Alternativen auch Bestand haben.

Die Schweiz kam bisher überraschend glimpflich durch die Eurokrise, obwohl wir hochgradig von Europa abhängig sind. Was ist der Hauptgrund?
Einen erheblichen Impuls gab die Zuwanderung, die neben dem tiefen Zinsniveau den privaten Konsum und die Wohnbautätigkeit antrieb. Gleichzeitig haben wir in der Exportwirtschaft Weltmeister wie die chemische Industrie, die Pharma- und die Uhrenindustrie, die es geschafft haben, selbst in den schwierigen Jahren erfolgreich zu sein. Das erklärt zum Teil, dass die Exportnachfrage nicht so stark eingebrochen ist, wie man noch vor einem Jahr vermutete.

Die Lohnverhandlungen brachten bisher ein durchzogenes Ergebnis: Im Schnitt steigen die Nominallöhne um 1 Prozent, es gibt aber in vielen Branchen und Firmen Nullrunden. Wird das den Binnenkonsum bremsen?
2013 werden die Reallöhne wahrscheinlich weniger ansteigen. Das wird zusammen mit der steigenden Arbeitslosigkeit auf die Konsumentenstimmung durchdrücken. Wir rechnen mit einer Abflachung des privaten Konsums.

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