«Es dauerte etwa eine Legislatur, bis ich vom Schweizer Fernsehen nicht mehr geschnitten wurde», sagt Norbert Hochreutener. Er war jahrelang als Journalist für Schweizer Radio DRS und das Schweizer Fernsehen SF tätig gewesen. 1995 wurde er für die CVP in den Nationalrat gewählt. «Ein Moderator sagte mir nach der Wahl ganz unumwunden, dass man sich gegenüber ehemaligen Arbeitskollegen in grosser Zurückhaltung übe. Um ja nicht in den Verdacht der Kumpanei zu geraten.»

Matthias Aebischer ist zwar erst Nationalratskandidat (für die SP des Kantons Bern). Aber auch er bekommt die «Zurückhaltung» bereits zu spüren. Am vergangenen Dienstag wurde er kurzfristig aus dem SF-«Club» ausgeladen, in dem über das Thema «Emanzipation: Sind Männer die Verlierer?» diskutiert wurde. Aebischer war von der «Club»-Leitung als Gesprächsteilnehmer ausgewählt worden, weil er Erfahrungen als Hausmann hat und als ehemaliger TagesschauModerator und «Club»-Gastgeber Prominentenstatus geniesst.

Wie SF-Chefredaktor Diego Yanez gegenüber dem «Sonntag» erklärte, liegt der «Ausladung» keine explizite Richtlinie zugrunde. Aber: «Es ist unsere Aufgabe, einen einzelnen Kandidaten nicht zu bevorzugen. Der Auftritt von Matthias Aebischer wäre eine Plattform gewesen, die inhaltlich nicht zu rechtfertigen war.» Dass die «Weltwoche» einen Artikel über Aebischers Auftritt plante, habe beim Entscheid keine Rolle gespielt. Yanez: «Wir haben vom ‹Weltwoche›-Artikel erst am Mittwoch erfahren. Also nach der Sendung.

Hätte uns die Zeitschrift um eine Stellungnahme gebeten, wäre ihr eine Ente erspart geblieben.» Das Blatt hatte sich vorauseilend über den Aebischer-Auftritt empört; die Sendung (ohne Aebischer) fand nach Redaktionsschluss statt.

Hochreutener redet von einem «Malus für ehemalige SF-Mitarbeiter». So weit will Aebischer nicht gehen: «Malus? Ich habe vor allem den Vorteil, dass man mich dank meiner jahrelangen Arbeit beim Fernsehen kennt.» Als er sich zur Nationalratskandidatur entschlossen habe, sei er davon ausgegangen, dass er von den Journalisten «eher gemieden» werde. «In Bezug auf die Printmedien kann ich aber konstatieren, dass ich sehr korrekt und fair behandelt werde.»

Und in Bezug aufs Schweizer Fernsehen? «Ich habe meine Stelle beim Fernsehen frühzeitig gekündigt, damit ich gleich behandelt werde wie andere prominente Kandidaten auch.» Aber irgendwie habe er damit gerechnet, dass er bis im Herbst von SRF nicht mehr eingeladen werde. So scheint es jetzt ja auch zu sein. Chefredaktor Yanez mag von einem «Malus» nicht reden.

Aber: «Es ist klar, dass ehemalige Kollegen keinen Bonus geniessen dürfen.»
Sollte am 23. Oktober Aebischer (und nicht der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät) den frei werdenden Sitz von Nationalrat Ricardo Lumengo erben, kann er auf bessere Zeiten hoffen. Filippo Leutenegger, ehemaliger SF-Chefredaktor und heutiger FDP-Nationalrat, sagt, dass er sich über die Behandlung durch die Ex-Kollegen beim Schweizer Fernsehen «nicht beklagen» könne. Nach anfänglicher Befangenheit habe sich das Verhältnis normalisiert.

Und auch Norbert Hochreutener berichtet von einer «Normalisierung». Er hat eine Erklärung dafür: «Das hängt auch damit zusammen, dass heute – mit Ausnahme von Hanspeter Trütsch – eine neue Journalistengeneration im Bundeshaus tätig ist, die zum Teil nicht einmal mehr weiss, dass ich einst beim Schweizer Fernsehen gearbeitet habe.»

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