Normalerweise würden zu dieser Jahreszeit Primeli, Osterglocken, Narzissen und Stiefmütterchen von den Balkonen und Heimgärten grüssen. Doch das kalte und graue Wetter macht den Hobby-Gärtnern und Pflanzenverkäufern einen Strich durch die Rechnung. «Die Umsätze liegen bis zu 30 Prozent im Minus», sagt Carlo Vercelli, Geschäftsführer von Jardin Suisse, dem Verband des Schweizerischen Gartenbaus.

Die Einbussen schmerzen, kreiert doch die Gartenbaubranche laut Jardin Suisse eine Bruttowertschöpfung von über 1,8 Milliarden Franken pro Jahr. «Momentan ist es eine Katastrophe», sagt Vercelli. «Die Ware staut sich, und die Sommerpflanzen rücken nach.» Das hat auch bei der Migros Folgen: «Nach heutigem Stand werden zirka 30 Prozent der Frühjahrsblüher entsorgt werden müssen», so Sprecherin Monika Weibel. Ähnlich sieht es Erwin Meier vom Garten-Center Meier in Dürnten ZH. «Viele Frühlingspflanzen landen leider im Kompost.»

Umso mehr ruhen nun die Hoffnungen der Gartencenter und Grosshändler auf dem Trend «Urban Gardening». «Dieser Begriff ist vor allem in Australien, England und in den USA in Mode», sagt Meier. In der Schweiz habe es schon immer viele Hobby-Gärtner gegeben. «Die Medien haben den Hype aber auch hier zum Trend erklärt, was sich durchaus positiv auf die Umsätze auswirkt und viele Leute dazu animiert, Gemüse anzupflanzen.»

Vor drei Jahren habe die Balkon-Kundschaft erst etwa 20 Prozent ausgemacht im Vergleich zu Kunden mit einem kleinen Garten, sagt Meier. «Heute sind es sicher schon 50 Prozent.» Er erklärt sich die Entwicklung hin zu einem grünen Stadtbild mit einer Rückbesinnung der urbanen Bevölkerung auf greifbare Werte in unsicheren Zeiten.

Auch bei der Migros heisst es, dass sich dieser Trend bereits seit Jahren positiv entwickle. Zu den wichtigsten Produkten zählt sie Anzuchttöpfe, Anzuchterde, Frühbeet-Kästen und vor allem Saatgut. Dieses Jahr hat die Migros Anzuchtkästen im Sortiment, die gleich fertig bestückt sind mit Erde und Anzuchttöpfen. «Ausserdem haben wir dekorative Zinktöpfe, welche Erde und Saatgut enthalten», sagt Sprecherin Monika Weibel.

Coop macht Urban Gardening im Monat Mai gar zum Thema in seinen Bau-und-Hobby-Filialen. «Wir bieten Hobbygärtnern in dieser Zeit beispielsweise Pro-Specie-Rara-Gemüsesetzlinge und -samen an», sagt Sprecherin Nadja Ruch. Dabei handelt es sich um Kulturpflanzen, die in der Schweiz Tradition haben und zum Teil bedroht sind. Gefragt sei bei den Urban Gardeners auch das sogenannte Nasch- oder Snackgemüse – fruchttragende Gemüse- und Obstpflanzen wie Cocktailtomaten, Chili oder Hänge-Erdbeeren. «Sie sind beliebt, weil man bereits wenige Wochen nach dem Pflanzen erste Früchte und Gemüse ernten kann», sagt Ruch. Auf Neu-Deutsch heisst das «Convenience Gardening».

Abgesehen von diesen Trends würden Primeli, Veilchen und Geranien immer noch am häufigsten verkauft. Zudem betreibt Coop auch selber Urban Gardening: Die Detailhändlerin bepflanzt seit längerem die Flachdächer ihrer städtischen Filialen für einen besseren Energiehaushalt. Und Städte wie Zürich verteilen ihren Einwohnern gar «Samen-Bomben», damit sie diese in der Stadt verstreuen. Das nennt sich dann staatlich gefördertes «Guerilla Gardening».

Der Baumarkthändler Jumbo beobachtet die Entwicklung in Richtung städtisches Gärtnern ebenfalls schon seit einiger Zeit und stellt deshalb Pflanzenkisten, Hochbeete für Balkons und Terrassen und Balkontreibhäuser in seine Geschäfte. «Wir denken, dass wir hier im zweistelligen Bereich wachsen werden», sagt «Jumbo»-Sprecher Massimo Moretti.

Zudem hofft er auf den Nachholbedarf bei der Kundschaft, sobald das Wetter etwas wärmer und trockener wird: «Innerhalb kurzer Zeit werden dann Einkäufe getätigt, welche sonst bei einem frühen Saisonstart über vier bis sechs Wochen stattfinden.»

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