Die bisher ausschliesslich in Deutschland und Österreich operierende Ameos-Gruppe will in die Schweiz expandieren. «Unser Ziel ist, in der gesamten Schweiz öffentliche Spitäler zu übernehmen», sagt Unternehmenschef Axel Paeger. «Wir prüfen laufend Übernahmen, auch in kleineren Kantonen. Im Vordergrund stehen breit aufgestellte Versorgungsspitäler einschliesslich Notfallversorgung sowie psychiatrische Kliniken.» Bei dieser Art von Privatisierung geht es also nicht um Privatpatienten wie bei den Schweizer Anbietern Hirslanden und Genolier.

Die zwei grössten deutschen Anbieter Fresenius und Rhön-Klinikum stehen ebenfalls in den Startlöchern, um Kantonen und Gemeinden defizitäre Spitäler abzukaufen. «Wir wissen, dass diese Ketten interessiert sind, in den Schweizer Markt einzutreten», sagt Hansjörg Lehmann, Leiter Spitalplanung des Kantons Zürich. «Sie wollen am liebsten mittelgrosse Spitäler mit mindestens 200 bis 300 Betten übernehmen.» Der Gesundheitsexperte einer grossen Schweizer Beratungsfirma bestätigt diese Information. «Es haben Vorgespräche dieser Ketten zur Übernahme defizitärer öffentlicher Spitäler in der Schweiz stattgefunden.»

Fresenius ist in der Schweiz bereits mit einer Rehabilitationsklinik im Kanton Thurgau vertreten. Zu den weiteren Plänen in der Schweiz schweigen sich beide Unternehmen aus.

Am weitesten fortgeschritten sind die Schweiz-Pläne der Ameos-Gruppe, die ihre deutschen Spitäler von Zürich aus betreibt. Sie traf sich wiederholt mit den Eigentümern öffentlicher Spitäler, mit einer Ausnahme alle in der Deutschschweiz. «Wir haben mehreren Spitalträgern ein Betriebskonzept vorgestellt, das aufzeigt, wie wir ihr Spital weiterbetreiben würden», sagt Axel Paeger.

Bei der Expansion in die Schweiz will er auf seine Erfahrungen in Deutschland und Österreich zurückgreifen. 56 unrentable Spitäler, Psychiatrien, Reha- und Pflegekliniken hat er dort bislang dem Staat abgekauft und sie profitabel gemacht. Das Rezept: Wegen der grösseren Einkaufsmacht sinken die Sachkosten um 10 bis 15 Prozent, gleichzeitig steigen die Erlöse mit neuen Angeboten um durchschnittlich 33 Prozent. Vor allem aber spart Ameos durch effizientere Arbeitsabläufe und einen besseren Personaleinsatz 10 Prozent der Personalkosten ein. Beispielsweise bringen nicht mehr die vergleichsweise teuren Pflegekräfte das Essen ans Patientenbett, sondern weniger gut bezahlte Hotellerieangestellte.

Zu einem Stellenabbau sei es jedoch noch nie gekommen, zerstreut Paeger die Befürchtungen. Im Gegenteil habe Ameos den Personalbestand nach einer Übernahme stets ausgebaut. Die Schliessung kleiner Spitäler kommt für ihn nicht infrage. In der Schweiz will er jedoch die vielen kleinen Spitäler mit unter 100 Betten zu Verbünden zusammenschliessen. Jedes Spital bietet dann noch die Grund- und Notfallversorgung an, aber nicht mehr jedes Fachgebiet.

Auslöser des deutschen Interesses an den Schweizer Spitälern ist die Einführung der Fallpauschalen Anfang 2012. Während früher die Kosten eines Spitals ohne Rücksicht auf seine Wirtschaftlichkeit erstattet wurden, bekommen nun alle Spitäler für die gleiche Leistung einen gleich hohen Betrag. Damit rutschen unwirtschaftlich geführte Spitäler in die roten Zahlen. Heinz Locher, Präsident der Allianz Schweizer Krankenversicherer, schätzt, dass dies einen Drittel der Spitäler treffen wird.

Die Gretchenfrage ist, ob und wie lange die Besitzer – Kantone, Gemeinden, Zweckverbände – bereit sind, das Defizit zu tragen. Gestützt auf die Erfahrungen in Deutschland, rechnet Axel Paeger damit, dass es schon in wenigen Jahren zu einer Privatisierungswelle kommt. Vor der Einführung der Fallpauschalen lag der Anteil der öffentlichen Spitäler in Deutschland bei 46 Prozent, danach schrumpfte er stark. «Diese Entwicklung wird nicht an der Schweiz vorbeigehen.»

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