Zornig schreit der Elfjährige seine Eltern an, boxt beim Hinausrennen an die Wand und schlägt die Zimmertür zu. Für den Rest des Tages ist er unansprechbar. Solche Wutanfälle hat er in letzter Zeit oft, dazwischen zieht er sich still zurück und reagiert verschlossen auf Kommunikationsversuche.

«Er kommt halt in die Pubertät», hiess das bis vor kurzem. Ab dem 16. Mai ist damit Schluss, dann wird gefälligst nicht mehr zu heftig vorpubertiert. Sonst riskieren Kinder und Jugendliche zwischen Trotzalter und Pubertät, von überforderten Eltern und übereifrigen Psychiatern die Diagnose «Disruptive Mood Dysregulation Disorder» zu erhalten, «schwere Emotionsregulationsstörung», und damit in die wachsende Menge der psychisch Kranken zu rutschen. Auslöser dieses Effekts: Das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen, DSM, dessen fünfte Auflage Mitte Mai in Kraft tritt.

«DSM-5 verschiebt die psychiatrische Diagnostik in die falsche Richtung, wird neue fiktive Epidemien erzeugen und fördert weiteren Medikamentenmissbrauch», warnt der US-Psychiater Allen Frances deshalb in seinem neuen Buch «Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen», das soeben auf Deutsch erschienen ist. Auch gegenüber «Schweiz am Sonntag» äussert sich Frances deutlich: «Ich mache mir Sorgen, dass DSM-5 die laufende Diagnose-Inflation in eine ‹Hyperinflation› verwandelt und den exzessiven Gebrauch von Psychopharmaka noch verschärft», schreibt er. Seine Aussage ist umso brisanter, weil er selber federführend bei der Entwicklung des DSM-4 war und jetzt die fünfte Auflage harsch kritisiert.

«Dass für eine schwere depressive Störung fünf Symptome über einen Zeitraum von zwei Wochen vorliegen müssen, ist keine wissenschaftliche Notwendigkeit, sondern eine ziemlich willkürliche Entscheidung», stellt er beispielsweise fest und warnt: «Kleine Änderungen in der Definition können Millionen von neuen Angststörungs-‹Patienten› schaffen und die eh schon weit verbreitete Praxis von unsachgemäss verschriebenen angstlösenden Medikamenten ankurbeln.» So werde ein normales menschliches Verhalten pathologisiert.

«Darüber kann man diskutieren», sagt Wulf Rössler gelassen. Er ist emeritierter Professor für Sozialpsychiatrie an der Universität Zürich und bezeichnet seinen US-amerikanischen Kollegen als «renommierten und seriösen Psychiater». Dennoch wird er ihm an einer Podiumsdiskussion in Zürich entgegenhalten: «Wir suchen ja die Leute nicht und erklären sie für krank, sondern sie kommen zu uns, weil sie an einem psychischen Problem leiden und Hilfe suchen», lautet sein Haupt-Gegenargument. «Da ist es schon gut, wenn wir dank einer Diagnose auch Therapiemöglichkeiten bieten können.» Tatsächlich, sagt Rössler, habe nicht die Zahl der psychisch Kranken in den letzten 20 Jahren rapid zugenommen, «sondern immer mehr Menschen suchen Hilfe». Dasselbe mit der Menge der Diagnosen: 1950 standen an die 30 Diagnosen zur Verfügung, heute ungefähr 350. «Das bedeutet nicht, dass es mehr Krankheiten gibt, sondern dass die Diagnosen verfeinert wurden.»

Die Medikalisierung, die Allen Frances so harsch kritisiert, sei zudem bei uns ein nicht annähernd so brisantes Thema wie in den USA. Frances spricht von 20 Prozent aller US-Bürger, die Psychopharmaka einnehmen, und sagt: «Mehr Leute sterben an einer Überdosis von verschriebenen Medikamenten als an Strassendrogen.» In der Schweiz, beruhigt Wulf Rössler, sei das kaum ein Thema, weil bei uns Psychopharmaka nur rund 2 Prozent der Gesamtkosten für psychisch Kranke ausmachen, «während in Amerika die Krankenkassen gerade mal zwei Gespräche und vor allem ein Rezept für Psychopharmaka bezahlen». Der Psychiater behauptet daher, das neue DSM-5 werde in der Schweizer Psychiatrie «absolut nichts verändern».

Da mag Rössler recht haben, was die Erwachsenen anbelangt. «Unsere Asperger-Sprechstunde für Erwachsene ist überfüllt und hat viele Menschen entlastet: Endlich haben sie einen Namen für ihr Leiden», sagt er beispielsweise. Wie das die vielen Kinder erlebten, die nach dem Erscheinen von DSM-4 die neue Diagnose Asperger aufgedrückt bekamen und fortan in der Schule eine Sonderbetreuung erhielten, oder all jene Erwachsenen, die von Verwandten und Bekannten gegen ihren Willen in der Psychiatrie abgeliefert werden, ist fraglich.

Bekommt Allen Frances recht, wird nach ADHS schon bald die Emotionsregulationsstörung DMDD der neue Star unter den Diagnosen. In einer Studie der University of Pittsburgh Schools of Health Sciences haben Psychiater 700 Kinder untersucht und festgestellt, dass die Diagnose DMDD auf ungefähr einen Viertel von ihnen zutrifft. Allen Frances moniert: «Es geht nicht an, dass wir jeden unbequemen oder anstrengenden Aspekt der Kindheit als psychische Störung etikettieren!»

Nicht nur Kinder, sondern auch Trauernde gelten ab Mitte Mai schneller als krank, neu leiden sie schon nach zwei Wochen Kummer an einer «schweren depressiven Störung». Werner Strik, Direktor der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD), teilt deshalb Allen Frances’ Befürchtungen und sagt: «Es macht keinen Sinn, die Diagnosen so auszuweiten, dass damit ein Grossteil der Bevölkerung als krank eingestuft wird.» Wenn sich immer öfter Profis um ausgeprägte emotionale Reaktionen kümmern, befürchtet er eine «Verschiebung von Verantwortung». Diese Entwicklung stuft er als ungünstig ein, weil Familie und Freunde die Betroffenen oft mindestens so gut unterstützen könnten wie Fachpersonen. Und weil bei Kindern die Erziehung nicht durch Medikamententherapie ersetzt werden dürfe. Argumente «für eine Gesellschaft, die nicht verlernen sollte, mit seelischen Problemen umzugehen».

Wulf Rösslers Replik dürfte Allen Frances’ Sorgen schwerlich beschwichtigen. Frances erwartet nämlich einen ganzen Katalog an neuen Diagnosetrends: «Warten Sie einfach auf ein Alphabet an diagnostischen Mode-Torheiten: ADD, DMDD, MDD, BED, PTSD», schreibt er. Übersetzt: Aufmerksamkeitsstörungsdefizit, schwere Emotionsregulationsstörung, schwere depressive Störung, Fressgelage-Störung und Posttraumatische Belastungsstörung. Werden also viele von uns am 16. Mai unversehens mit einer neuen Krankheitsdiagnose aufwachen? Der Berner Psychiater Werner Strik glaubt nicht, dass grosse Sorge angebracht ist: «In der Schweiz bedeutet eine Diagnose nicht gleich Behandlung», sagt er. «Die konkreten Folgen werden dadurch wohl abgedämpft.» Und Buchautor Allen Frances rät per Mail: «Der einfachste Weg ist, dass alle DSM-5 einfach ignorieren – und damit auch gleich die Pharmaindustrie, die daraus Vorteile ziehen will.»

Buchpräsentation mit dem Autor Allen Frances – mit einer Replik von Wulf Rössler: Mittwoch, 24. April 2013, 18.15 bis 20 Uhr, im Collegium Helveticum, Meridian-Saal, Schmelzbergstr. 25, 8006 Zürich.

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