Unter den pubertierenden Wiener Stehplatzbesuchern gab es früher ein Spiel, das uns Schweizer Gäste staunen machte. Kaum war nach Schlussakkord im Beisl das erste Bier getrunken, stellte man sich die Aufgabe, Verdis «Don Carlo» immer wieder neu zu besetzen. Hatten die Opernfanatiker ihre Zettel mit den Sängernamen verglichen, begann die wilde Diskussion: Domingo besser als Carreras? Abbado packender als Muti? Niemals!

Die Wiener Staatsoper ist auch Alexander Pereiras Opernheimat, der 1947 geborene Diplomatensohn hört dort «Don Carlo». Noch lieber, als ihn neu und besser zu besetzen, möchte er allerdings im «Don Carlo» den Philipp singen. Doch das Gesangsstudium rückt auf Wunsch der Eltern in den Hintergrund, er soll sich in Marketing und Verkauf ausbilden. In der Folge arbeitet er für die Fremdenverkehrswerbung, schliesslich für Olivetti. Zeitgleich besinnt er sich aber aufs Musikgeschäft.

Erst sind es «nur» die Bachkonzerte in Frankfurt, ab 1984 aber diejenigen der Wiener Konzerthausgesellschaft. Obwohl seine konzertanten Opernaufführungen dort legendär werden, ists 1991 zum Opernhausdirektor in Zürich ein Riesenschritt. Er riskiert Kopf und Kragen, fordert immer mehr Budget – und gewinnt das Machtspiel. Er baut sich seine Opern-Spielwiese. Pereira wird zum Sänger- und Dirigenten-Jongleur. Er lockt Stars der 1970er- und 1980er-Jahre nach Zürich und hat Glück, dass sein Vorgänger die Bartoli, die Gruberova, die Kasarova oder Thomas Hampson bereits ans Haus binden konnte. An der Jahrespressekonferenz lässt er sich jeweils die Namen seiner Stars genüsslich auf der Zunge zergehen. Selbst von Wien sitzen Opernfreunde im Parkett.

Wird er nun Opernintendant in Mailand, darf er sich wieder täglich mit solchen Spielereien vergnügen. Er wird viel mehr als in Salzburg Gehör finden. Nirgends wird mehr auf Sänger und Dirigenten geachtet als in Mailand. Pereira muss geradezu sein Feuerwerk zünden. Rastlos wird Pereira zudem zwischen Tokyo, Peking und Moskau pendeln, um neue Sponsoren an Land zu ziehen. Ob auch noch Zeit bleibt für den Kampf mit den Gewerkschaften, wird sich weisen.

Ruhe kennt dieser Spieler nicht. Selbst in der Oper – ob in Salzburg oder 21 Jahre lang in Zürich – steht Pereira oft, anstatt bequem im Logensessel zu sitzen: halb dirigierend, halb singend. Pereira ist ein Opernfan, wie man sie auf den Stehplätzen findet: fanatisch, parteiisch, besserwisserisch, nimmersatt.

Auch seinem Hobby, der Pferdezucht, ist das Rastlose naturgemäss eigen. Auf dem Rennplatz feuert er seine Tiere – Amico Fritz, Baronesse Daniela und wie sie alle heissen – fanatisch an. Das Rastlose sieht man ihm mit den Jahren an. Seine Augenringe sind bisweilen erschreckend. Der Anzug von bestem Tuch, die stolze Uhr und das Poschettli aus feinster Seide geben Gegensteuer. Ein englischer Gentleman alter Schule. Den Handkuss hat er in Zürich salonfähig gemacht. Wer Pereira aber nur einmal schimpfen hörte, wird es nie vergessen und das schöne Wort vom Nobelmann sofort vergessen. Dass er bei offener Bürotüre jeweils schamlos wie ein Teenager mit seiner Geliebten spricht, erzählen Opernhaus-Mäuschen immer wieder schmunzelnd.

Den einen Pereira gibt es nicht. Sucht man eine Opernfigur, die zu ihm passt, kommt man ins Grübeln. Von sich selbst sagt er, er sei immer schon der Kaspar gewesen. Als Papageno geht er denn auch mit den Wirtschaftsführern zum Lunch, als König Philipp kommt er zurück ins Büro – neues Geld in der Tasche. Pereira weiss: Wer ihn unterschätzt, der hat sein Geld schon verloren, wird hohe C dafür bekommen. Warme Luft. Und so steckt in Pereira auch Jago: Er ist unheimlich berechnend, wenn auch nicht bösartig.

Pereira ist aber auch Falstaff, der alternde, sich selbst übertreffende Feinschmecker, dem alle eine Grube graben, in die sie zum Schluss selbst hineinfallen. Mit Verdis «Falstaff» beendete Pereira seine Zürcher Ära. «Tutto nel mondo è burla» – «Alles in der Welt ist Spass», heisst es dort zum Schluss. Pereira stand am 8. Juli 2012 selbst singend und lachend auf der Zürcher Bühne.

Sein Spass hört dort auf, wo ihm ein anderer in seine Geschäfte dreinredet. In Zürich sichert er sich die absolute Macht. Alle im Haus zittern vor ihm. Politiker und Sponsoren hingegen sonnen sich im Licht des Tausendsassas. Sonnenkönig Pereira kann tun und lassen, was er will. Seine Freundin trägt die schönsten Kleider, seine Rennpferde sind vom besten Blut. Doch wer auf Pereiras Pferde setzt, ist nicht schlecht beraten.

Auch im Berufsleben zockt er. Als ihm 2005 in Zürich ein Angebot der Mailänder Scala vorliegt, nutzt er es, um die Budgetkürzung abzuwehren. «Ich bleibe, aber ihr dürft mir kein Geld wegnehmen», lautet die opernreife Erpressung. Später heisst es, Pereira wäre für die Scala ohnehin zu teuer gewesen.

Die Budgetspiele gehen in Zürich auf, den Salzburgern hingegen wird es schnell zu bunt. Und kaum dort 2012 begonnen, fragt Pereira, ob man ihm seinen Vertrag verlängert. Falls nicht, müsse er sich in Mailand bewerben, er wolle schliesslich ab 2016 nicht arbeitslos sein. Die Salzburger gehen darauf nicht ein.

Hat sich Pereira also verzockt? Er kehrt als Scala-Intendant jedenfalls zurück in den «Klubfussball», vorbei die sommerliche Festspielfrische. Die Scala ist wie Real Madrid und die AC Milan zusammen: riesig, unübersichtlich, viele Probleme in der Gegenwart – und erdrückend legendär die Vergangenheit. Aber mit Geld(versprechungen) scheinen sich hier die Dinge einfacher lösen zu lassen als in Salzburg. Und somit ist Pereira – der Spieler, der Charmeur, der Polterer – am richtigen Ort. Gefährlich ist nur, dass er in Mailand auf andere Spieler trifft, auf andere Männer mit jungen Frauen, auf Lügner und auf Bluffer, die den Kaspar machten und dann Staatspräsident wurden. Pereira muss aufpassen, nicht der Berlusconi der Oper zu werden.

PS: Am 7.12.2015 steht Pereiras erste Premiere an. Vielleicht «Don Carlo»? Seine Besetzung könnte lauten: Elisabetta: Anna Netrebko. Carlo: Piotr Beczala. Philippe II: René Pape. Posa: Thomas Hampson. Stimme vom Himmel: Edita Gruberova. Dirigent: Daniele Gatti. Regie: Damiano Michieletto.

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