Er war der Meister der grenzenlosen Geldvermehrung: In den Achtzigerjahren kaufte der Schweizer Finanzakrobat Werner K. Rey mit Krediten von Banken und Pensionskassen sowie der Hilfe von gutgläubigen Obligationären ein Firmenimperium zusammen. 1991 kam der Kollaps, Rey liess die Gläubiger mit einem Verlust von schätzungsweise 4 Milliarden Franken zurück.

Jetzt, 22 Jahre später, wird Reys Dachgesellschaft Omni Holding liquidiert – als letzte seines unüberschaubaren Firmengeflechts. In einem Inserat in der «NZZ» gaben die Liquidatoren diese Woche bekannt, dass den Gläubigern demnächst die Schlusszahlung ausgerichtet wird. Diese beläuft sich auf mickrige 0,41 Prozent jenes Geldes, das sie im Börsenrausch der Achtzigerjahre in Reys Firma gesteckt hatten.

«Das mit Abstand grösste Verfahren der Schweizer Wirtschaftsgeschichte ist damit beendet», bestätigt Co-Liquidator Eugen Isler. Ein Teil der Schlusszahlungen wurde bereits ausgerichtet, der Rest folgt in den nächsten Tagen.

Gläubiger der börsenkotierten Omni Holding waren 74 Banken, Pensionskassen und Firmen, die mit Rey geschäftet hatten, zudem mehrere hundert Kleinanleger, die 1989 eine Obligation gekauft hatten. Isler hat das über zwanzig Jahre dauernde Liquidationsverfahren zusammen mit Coopers & Lybrand (heute PricewaterhouseCoopers) geführt. Aus der Konkursmasse konnte er den Gläubigern zwischen 1999 und 2004 bereits fünf Tranchen von total 10,75 Prozent auszahlen. Unter dem Strich erhalten sie somit 11,16 Prozent ihres Geldes zurück, das sie Rey anvertraut hatten. Das sind 186,3 Millionen Franken.

Der Rest ist unweigerlich verloren, 1,48 Milliarden Franken müssen sich die Gläubiger ans Bein streichen. «Wir haben für die Gläubiger das Beste herausgeholt», ist Isler überzeugt. «Die Firma ist jetzt liquidiert und wird in den nächsten Monaten aus dem Handelsregister gelöscht.» Die Zustimmung der Steuerbehörde des Kantons Bern für die Löschung liege bereits vor.

«Wir stehen nun am Schluss der ganzen Liquidationsgeschichte», sagt Martin Zeier, der das Verfahren auf Seite von PricewaterhouseCoopers führte. «Damit geht ein Kapitel der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte zu Ende.» Ihren Schlussbericht werden die Liquidatoren in den nächsten Wochen dem zuständigen Regionalgericht Bern-Mittelland übergeben. Dieses muss dann formell erklären, dass die Liquidation beendet ist.

Der wundersame Aufstieg von Werner K. Rey hatte 1976 begonnen. An der Generalversammlung des Schuhherstellers Bally überraschte der völlig unbekannte 33-Jährige die Aktionäre mit der Nachricht, er besitze die Aktienmehrheit. Den Verwaltungsrat erklärte er als entmachtet. Es war die erste feindliche Übernahme in der Schweiz. In nur fünf Monaten verscherbelte Rey Vermögenswerte von 40 Millionen Franken, bevor er Bally unter dem Druck der empörten Öffentlichkeit an den Rüstungskonzern Oerlikon-Bührle verkaufte.

Mit dem Gewinn von 30 Millionen Franken und hohen Bankkrediten kaufte sich der Finanzjongleur ein Sammelsurium von Unternehmen zusammen. Dazu gehörten die Jobvermittlerin Adia, der Jean-Frey-Verlag, die Buntmetallwerke Uma und die Thuner Metallwerke Selve. Rey ging nach dem immer gleichen Strickmuster vor: Er verkaufte die Filetstücke der Übernahmeopfer, zum Beispiel die Immobilien. Der Gewinn floss in die nächste Übernahme oder in seine Geheimkonten und eine Tochterfirma auf den Cayman Islands. Den grössten Coup landete Rey, als er 30 Prozent des Winterthurer Traditionskonzerns Sulzer erwarb. Plötzlich wurde der einstige Aussenseiter geachtet, das Schweizer Wirtschafts-Establishment lag ihm zu Füssen.

Umso härter war der Fall. 1991 brach Reys Imperium unter der Schuldenlast von rund 4 Milliarden Franken zusammen. Der Spuk war vorbei, als die Aktienkurse fielen und die Schuldzinsen stiegen. Es folgten sieben atemberaubende Jahre. Rey flüchtete auf die Bahamas, um sich dem Strafverfahren wegen Betrugs, Urkundenfälschung und betrügerischen Konkurses zu entziehen. 1996 wurde er verhaftet, zwei Jahre später an die Schweiz ausgeliefert. 1998 wurde er wegen betrügerischen Konkurses zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Doch wieso dauerte die Liquidation mehr als zwanzig Jahre? «Es war ein grosser und äusserst komplizierter Zusammenbruch», erklärt Martin Zeier. «Der weit verzweigte, verschachtelte und miteinander verquickte Komplex von weltweit über hundert Unternehmen und Beteiligungen musste schrittweise aufgelöst werden, bevor die Liquidation der an der Spitze stehenden Gesellschaften abgeschlossen werden konnte.»

Rey hatte die Tochterfirmen der Omni Holding dermassen ineinander verflochten, dass sie zum Teil ebenfalls zu Gläubigern der Muttergesellschaft oder von ihm selbst wurden. Deshalb musste zuerst sein Privatkonkurs abgewartet werden, anschliessend mussten die Tochterfirmen im In- und Ausland, die ihrerseits mit schätzungsweise 2 Milliarden Franken verschuldet waren, liquidiert werden. Das nahm Jahre in Anspruch. Erst dann war klar, wie viel Geld bei der Omni Holding noch übrig blieb. Der Aufwand sei «extrem gross» gewesen, sagt Zeier. Wie hoch die Rechnung der Liquidatoren war, will er aber nicht sagen.

Bereits im November 2011 hatten die Liquidatoren die wichtigste Tochtergesellschaft von Reys Firmenimperium abgewickelt, die Omni Beteiligungen AG. Die Gläubiger dieser Gesellschaft erhielten 84,1 Millionen Franken zurück, was einer Konkursdividende von 23,11 Prozent entspricht. Den Rest ihrer Forderungen, 280 Millionen Franken, mussten sie abschreiben. Betroffen sind 15 Banken, Pensionskassen und Partnerfirmen. Die Firma wurde im Februar vergangenen Jahres aus dem Handelsregister gelöscht.

Reys Ankläger, der leitende Berner Staatsanwalt Beat Schnell, begrüsst den jetzigen Schlussstrich unter das Omni-Debakel. «Ich bin froh, dass es nun endlich auch auf der Seite der Firmenliquidation zu einem Ende kommt.» Aber, sagt Schnell: Rey schuldet dem Kanton Bern immer noch Verfahrenskosten von 4,3 Millionen Franken. Und er vermutet, dass Rey nach wie vor auf einem grossen Vermögen sitzt, von dem die Gläubiger nie etwas sehen werden.

Werner K. Rey ficht das alles nichts an. Er lebt seit dem Jahr 2000 in London, im noblen Viertel südlich der Kensington Gardens, unweit des Luxuseinkaufstempels Harrods. Im Oktober feiert er seinen 70.Geburtstag. Die «Schweiz am Sonntag» versuchte vergeblich, ihn auf seiner alten Swisscom-Nummer zu erreichen.

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