VON MARCO GUETG UND FLORENCE VUICHARD

Herr Ganz, nach dem Film «Der Untergang», in dem Sie Adolf Hitler spielten, haben Sie gesagt, dass von jeder Rolle etwas kleben bleibe. Was meinten Sie damit?
«Der Untergang» war eine absolute Ausnahmeerfahrung. Ich hatte damals das Gefühl, dass es lange dauern wird, bis ich alles hinter mich gebracht habe und nicht mehr an diese Figur denke, bis sie keine Resonanz mehr hat in mir.

Was ist vom Schweizer Bundespräsidenten kleben geblieben, den Sie im «Grossen Kater» verkörpern?
Das kann ich nicht so schnell sagen. Das merke ich erst später.

Was mussten Sie sich speziell aneignen, um einen Bundespräsidenten zu spielen?
Nichts!

Wirklich?
Nein, es ging um Psychologie. Höchstens, wie man sich in einem Frack bewegt. Aber das kann ich offenbar.

Haben Sie sich für Ihren Bundespräsidenten an einem realen Vorbild aus der Politik orientiert?
Nein. Schon bei der Lektüre des Romans war mir dieser Mann, der Kater, sehr plastisch vor Augen. Ich konnte mir vorstellen, wie er aussieht, wenn ich ihn spiele. Rein handwerklich steckt nichts darin, das ich speziell hätte lernen müssen – wie zum Beispiel bei Hitler das Zittern wegen dessen Parkinson-Krankheit und seine besondere Art der Diktion.

Sie hätten mit einem Bundesrat über seine Rolle reden können.
Persönlich kenne ich nur Bundesrat Moritz Leuenberger. Er hätte mir sein Business erklären können. Das war aber nicht nötig, da die Familienseite in diesem Film wichtiger ist als das Politische. Gefallen hat mir, dass wir im Bundeshaus drehen konnten. Dabei ist einmal relativ spät am Abend der damalige Verteidigungsminister Samuel Schmid mit seinem Weibel vorbeigekommen und hat mir die Hand geschüttelt. In diesem Moment kam ich mir schon ein wenig bundesrätlich vor.

Deshalb liessen Sie sich für diese Rolle einen Schnauz wachsen?
Das würde ich nicht mehr machen.

Wegen der Assoziation?
Ja. Das ist leider so: Die Leute denken gleich an Hitler, nur weil ich den Hitler einmal gespielt habe.

Uns haben Sie mit Ihrem Schnauz eher an Samuel Schmid erinnert.
Ehrlich? Das freut mich! Ist aber ungewollt.

Der «echte» grosse Kater, Bundesrat Hans Hürlimann, hatte keinen Schnauz. Kam Ihnen dieses Bundesratsbild nie in die Quere?
Nein.

Dennoch: Thomas Hürlimanns Roman «Der grosse Kater» handelt von seinem Vater, Bundesrat Hans Hürlimann. Es war Hürlimann, der 1979 den spanischen König in Bern empfangen hatte, während sein jüngster Sohn im Sterben lag.
Schon beim Lesen des Romans habe ich gemerkt, dass Thomas Hürlimann sehr frei mit der Biografie seines Vaters umgegangen ist. Zum Teil habe ich es auch nicht ganz durchschaut, welches Verhältnis er zu seinem Vater hatte. Ich kenne Thomas Hürlimann, aber ich wollte ihn nicht fragen. Das war mir zu intim. Zudem hat sich auch das Drehbuch ziemlich von der Biografie Hans Hürlimanns entfernt.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie jeweils versuchen, für jedes Ihrer Projekte «alles, was sich mobilisieren lässt, aufzuwenden». Wie viel Energie steckt im «Kater»?
Als ich 2005 von der Filmproduktionsfirma angefragt wurde, den «Grossen Kater» zu spielen, gab es noch kein Drehbuch. Bis schliesslich eines vorlag, das ich auch gut fand, habe ich sehr viel unternommen. Ich habe mich eingemischt und mehrere Drehbücher abgelehnt, weil sie meiner Meinung nach nichts taugten. Mir kam das nicht filmisch genug vor. Natürlich tat ich das auch, weil Fördergelder für den Film an meinen Namen gekoppelt waren.

Was hat Sie an dieser doch sehr schweizerischen Geschichte interessiert?
So schweizerisch ist sie gar nicht. Die Geschichte spielt in der Schweiz und im Bundeshaus, aber ich habe versucht, den Kater so zu spielen, dass die Story nicht heimattümelnd daherkommt. Insofern bin ich auch froh um den Frack. Mein Bundespräsident soll ein gewisses Format haben und nicht im Stall stehen (lacht). Die Schweiz gab sich ja in letzter Zeit genug Blösse, und im Ausland merkt man das. Ich meine damit nicht nur die Anti-Minarett-Initiative, sondern eine ganze Reihe von Missgeschicken – von der Libyen-Affäre bis zum Fall Polanski.

Im Abstimmungskampf haben Kunstschaffende via Inserat gegen die Anti-Minarett-Initiative Stellung bezogen . . .
. . . das ist nicht mein Ding. Ich hasse Kampagnen. Die machen mich nervös. Ich habe ein Problem damit. Aber abgestimmt habe ich. Wieso sollen Künstler sich laut zu allem Möglichen äussern? Künstler sind manchmal solche Schwachköpfe.

Andererseits gibt es Künstler wie den Fotografen Michael von Graffenried, der wegen des Minarett-Entscheides nicht mehr in der Schweiz ausstellen will – oder höchstens in einer Moschee.
Michael von Graffenried ist so. Ich nicht. Er ist ein strammer Linker.

Sie werden die Schweiz also nicht meiden?
Nein. Es ist ja auch nicht die Schweiz, es ist die SVP, die eine Initiative lanciert hat, um zu zeigen, wo der Hammer hängt. Die wissen doch selbst nicht, was sie jetzt mit diesem Minarett-Verbot machen sollen. Wer zu dieser Initiative Ja gesagt hat, der schläft, der hat nicht gemerkt, dass wir in einem globalen Verbund stehen und dass dieses Verbot die Menschenrechte und die Religionsfreiheit verletzt. Da kann das Schweizervolk abstimmen, wie es will. Diese Form der Souveränität hat in einer globalisierten Welt niemand mehr. Andererseits ist es die Mehrheit, und das ist zu respektieren. Schwierig.

Durch die Minarett-Initiative ist die Religion plötzlich wieder zum Politikum geworden. So gesehen gewinnt der «Grosse Kater», in dem die katholische Kirche ein bedeutender Machtfaktor in Bundesbern ist, unverhofft an Aktualität.
Da können wir nichts dafür (lacht). Wir haben die Religion eher für ein Relikt aus dem Roman gehalten.

Gewinnen nun auch christliche Werte in der politischen Diskussion wieder an Bedeutung?
Mal schauen, wie die Politiker das machen wollen. Das Publikum wirds nicht begeistern. Die Wahrheit ist doch, dass sich die Kirchen leeren und die Leute an allen möglichen Orten, auch an den ungeeignetsten, ihre ganz persönliche Spiritualität suchen.

Wer wie Sie den Faust gespielt hat, dem müssen wir bei der Diskussion über die Religion die Gretchenfrage stellen: «Sag, Heinrich, wie hältst du es mit der Religion?»
Ich bin in Zürich Seebach als normaler Protestant aufgewachsen, hatte eine zum Protestantismus konvertierte, katholische Mutter. Ich hatte einen katholischen Jugendfreund, und der hat mich ab und zu in die Kirche mitgenommen. Dabei hat meine künstlerische Seite aber früh schon gemerkt, dass die katholische Kirche viel interessanter ist als die protestantische. Sie bot mehr Theater und mehr für die Sinne.

Das gilt in erster Linie für die vorkonziliäre Zeit, als die Messe noch auf Latein gelesen wurde.
Ja, und in diesen Gewändern und mit Weihrauch: einfach grandios. Mein erster Bühnenauftritt stand übrigens auch im Zusammenhang mit der Kirche, mit der protestantischen Kirche. Ich spielte den «verlorenen Sohn» im Restaurant Landhaus.

Und abgesehen von all dem Sinnlichen und Bunten: Wie stehen Sie zur Religion?
Ich interessiere mich für Metaphysik, für spirituelle Fragen wie auch für andere Religionen. Das sind alles Bereiche, die ich sehr achte und die für mich unantastbar sind. Gläubig im Sinne von praktizierend bin ich nicht. Und ich bin mir oft gar nicht so sicher, ob ich für mich die Frage nach der Existenz Gottes beantworten könnte.

Kehren wir zurück zum Film. Seit dem «Untergang» werden Sie mit Filmangeboten überhäuft. Wie wählen Sie die Rollen aus?
Entscheidend ist das Drehbuch.

Nicht der Regisseur?
Beim Film ist der Regisseur ein Koordinator für verschiedene Spezialabteilungen. Da kann man als Schauspieler eine Rolle nicht gemeinsam mit dem Regisseur entwickeln wie beim Theater. Im Film wird man bezahlt, damit man auf dem Set erscheint und seinen Part abliefert.

Nach dem «Untergang» hat sich Francis Ford Coppola bei Ihnen gemeldet . . .
. . . er hat mich in meiner Wohnung in Venedig angerufen und gesagt «Hi, I’m Francis». Es war unglaublich schön, Coppola kennen zu lernen und mit ihm längere Zeit in Bukarest zu arbeiten. Aber der Film («Youth Without Youth», Anm. d. Red.) funktioniert leider nicht. Es wäre wohl angenehmer gewesen, dreimal mit Coppola essen zu gehen, als diesen Film zu machen.

Wenn das nächste Mal ein Filmregisseur anruft: Wen hätten Sie denn gerne am Draht?
Da gibt es einige. Ich nenne jetzt Michael Mann oder Martin Scorsese. Aber es gibt auch viele unbekannte Leute, die wunderbare Sachen machen. Andererseits muss ich zugeben: Ich bin gerne Teil eines tollen Films – und das hängt wiederum vom Regisseur ab. Nicht jeder kriegt das hin.

Welcher Film aus jüngster Zeit hat Ihnen besonders gut gefallen?
«There will be Blood», dieser Erdöl-Film von Paul Thomas Anderson mit Daniel-Day Lewis, der dafür den Oscar als bester Hauptdarsteller erhielt. Und dann gefällt mir alles, was Denzel Washington macht. Manchmal nicht so sehr die Filme, aber er immer.

Es gibt sicher auch einen Film, in dem Sie gerne mitgespielt hätten.
Ja, in Julian Schnabels «Le Scaphandre et le Papillon». Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der vollkommen gelähmt ist und nur noch mit dem linken Augenlid mit der Umwelt kommunizieren kann. Überwältigend! Diese Rolle hätte ich gerne gespielt.

Ihre eigenen Filme sehen Sie sich in der Regel nicht mehr an. Werden Sie sich den «Grossen Kater» anschauen?
Ich habe ihn schon gesehen. Was mich betrifft, halte ich ihn für einen meiner besseren Filme.

Ihren letzten Bühnenauftritt hatten Sie 2006 in Bochum mit Botho Strauss’ «Schändung». Seither haben Sie vor allem Filme gedreht. Heisst das, dass Sie dem Theater den Rücken gekehrt haben?
Ich hatte in den 1970er-Jahren das, was man eine grosse Zeit nennt, an der Schaubühne in Berlin. Inzwischen ist in Deutschland wie in der Schweiz eine neue Generation an der Arbeit, die ein Theater macht, mit dem ich nichts mehr zu tun habe. Ich bin einfach nicht mehr dabei. Natürlich ist das unbefriedigend, und es tut mir auch leid, dass ich mit dem Theater nicht zu einem richtigen Schluss gekommen bin.

Aber es gibt doch die Regisseure Peter Stein, Luc Bondy . . .
Ja, aber von den beiden spreche ich ja hier nicht. Was ich sonst ab und zu sehe, kommt mir so öde und so leer vor, es beschäftigt weder meinen Kopf noch mein Herz. Da helfen auch Ironie und Regieeinfälle nicht weiter.

Meiden Sie das Theater auch als Zuschauer?
Manchmal gehe ich hin – um meine Vorurteile zu überprüfen.

Und?
Leider werden sie fast immer bestätigt.

Das heisst: Wir werden Bruno Ganz nie mehr auf einer Bühne sehen.
Das ist gut möglich. Aber, ich habe mir vorgenommen, ans Berliner Theatertreffen zu gehen und mir alles anzuschauen. Vielleicht hilft das ja.

Worauf hoffen Sie?
Was das Theater betrifft, eigentlich auf nichts mehr.

Ihre Filmprojekte führen Sie in die Welt. Sie haben in den USA gedreht, in Rumänien, Italien, Griechenland . . . Wo sind Sie eigentlich zu Hause?
In Zürich – bis vor einem Jahr in Seebach, jetzt etwas ausserhalb.

Sie haben den Ort, wo sie aufgewachsen sind, nach über 60 Jahren verlassen?! Weshalb? Weil sich das Quartier Seebach zu stark verändert hat?
Seebach ist in grossen Teilen noch wie in meiner Kindheit, und das gefällt mir. Aber meine Wohnung wurde zu klein. Die Bücher stapelten sich am Boden, und so musste ich etwas unternehmen.

Sie haben auch eine Wohnung in Venedig.
Ich habe in Venedig «Pane e Tulipani» gedreht und mich gefragt: Wieso lebe ich eigentlich nicht hier? Venedig ist einfach grandios und einzigartig, diese Stadt wird auch Berlusconi überleben.

Die Novembernummer der Kulturzeitschrift «Du» ist Ihnen gewidmet. Jetzt sind Sie in den Adelsstand erhoben.
Pfff! Das ist ja sehr schön, und der Fototeil ist grandios. Aber in dieser Nummer gibt es etwas, das mich so stört, dass ich kein einziges Exemplar zu Hause habe.

Wie bitte?
Es wurde ein Artikel aufgenommen, der 20 Jahre meines Film-Lebens bewertet. Unqualifiziert und bösartig. Nicht weil er mich kritisiert, sondern weil er mich auch als Person grundsätzlich ablehnt. Das hat man nicht so gern. Und so ist die Freud dahin.

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