VON PETER BURKHARDT

Es war eine schwarze Woche für die Mitarbeiter der Pharmabranche: Am Mittwoch verkündete die Roche in Basel, sie streiche weltweit 4500 Stellen. Am Donnerstag doppelte der deutsche Pharmariese Bayer nach: minus 4500 Arbeitsplätze.

Im Windschatten von Roche – und deshalb in der Schweiz fast unbemerkt – kündigte in dieser Woche auch der zweite Basler Pharmariese Novartis ein einschneidendes Sparprogramm an. Vor Investoren in London sagte Konzernchef Joe Jimenez am Mittwoch: «Das Unternehmen startet ein gruppenweites Programm, um das Produktionsnetzwerk zu überprüfen. Ziel des Programms ist es, die Kostenstruktur in allen Divisionen zu optimieren.» Auch solle die Kapazitätsauslastung der Fabriken, die momentan bei 50 Prozent liegt, auf 80 Prozent gesteigert werden.

Jimenez vermied es tunlichst, von Entlassungen zu sprechen. Doch ein Insider, der über beste Kontakte in die Basler Konzernzentrale verfügt, weiss, dass der Abbau Tausender Stellen geplant ist. «Es geht nicht einfach um Kosmetik, sondern um ein Sparpaket im ähnlichen Ausmass wie bei Roche. Man wird das nicht still und schrittweise vollziehen, sondern als grosses Sparpaket verkünden.» Ein zweiter Informant mit direktem Draht in die Teppichetage von Novartis bestätigt dem «Sonntag»: «Jetzt greift Jimenez zum Rotstift. Gespart wird vor allem beim Verkaufspersonal in Europa und den USA, aber auch bei den Mitarbeitern in den 86 Produktionsstätten. Novartis hat definitiv zu viele Produktionsstandorte.»

Dabei haben die Mitarbeiter das letzte Abbauprogramm erst gerade hinter sich. Novartis hatte vor drei Jahren den Abbau von 2500 Stellen angekündigt, davon 500 in der Schweiz. Dieses Programm wurde vor einem Jahr abgeschlossen. Es brachte Einsparungen in der Höhe von 1,6 Milliarden Franken.

Das genügt Jimenez offenbar nicht. Der zunehmende Preisdruck und die höheren Hürden für die Zulassung neuer Präparate drückten auf die Gewinne des Konzerns, begründete er in London das neue Sparpaket. Gleichzeitig müssten die Aktionärsgewinne weiter steigen.

Den Gürtel enger schnallen will er auch bei Marketing und Verkauf. Vor drei Jahren gab Novartis dafür noch 29,2 Prozent des Umsatzes aus. Im dritten Quartal dieses Jahres waren es noch 25,6 Prozent. Diese Ausgaben würden weiter gedrosselt, sagte der Konzernchef.

Gleichzeitig kündigte er eine Verschiebung der Schwergewichte innerhalb des Konzerns an: Einerseits soll der Anteil der Spitalmedikamente von momentan 65 Prozent des Umsatzes bis 2015 auf 75 Prozent steigen. Die Medikamente für den Massenmarkt, die über Hausärzte und Apotheken verkauft werden, verlieren also an Bedeutung. Besonders gefährdet sind also die Ärztebesucher, welche heute für Novartis in die Praxen ausschwärmen.

Anderseits machte Jimenez klar, dass er Arbeitsplätze Richtung Schwellenländer verlagern will. Dort wächst der Pharmamarkt zweistellig, während Europa und die USA unter schwachem Wachstum leiden. Es würden «Ressourcen umverteilt», sagte Jimenez verklausuliert. Laut Informationen aus dem Novartis-Umfeld bedeutet das, dass sich die Verkaufsmannschaften und Marketingleute in den USA und Europa auf einen Aderlass einstellen müssen. Keinen Stellenabbau soll es hingegen bei Forschung und Entwicklung geben.

Wann das Sparprogramm gestartet wird, welche Standorte wegfallen und wie viele Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren, ist noch offen. Auch ob der Standort Basel betroffen sein wird, könne zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden, sagt Novartis-Sprecherin Isabel Guerra. «Die Festlegung der strategischen Standorte ist Bestandteil der Analyse und erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt. Im Hinblick auf eine mögliche Reduktion der Produktionsstandorte kommen nicht nur Schliessungen, sondern auch Verkäufe an Dritte infrage.»

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