«Wo haben Sie gedient?» Eine Frage, die früher an Vorstellungsgesprächen unweigerlich kam. Die richtige Antwort darauf beflügelte oftmals eine Karriere. Anders heute. Nach dem militärischen Grad fragen Firmen nur noch selten. In einer Umfrage der Militärakademie (MILAK) an der ETH Zürich gaben 43 Prozent der Personalchefs an, nie danach zu fragen. Noch vor 20 Jahren erkundigten sich 80 Prozent der Personalleiter danach.

«Oft sind sie überzeugt, dass es aussagekräftigere Kriterien gibt und ein Dienstgrad wenig über zivile Fähigkeiten aussagt», sagt Tibor Szvircsev Tresch, Verfasser der Studie und Militärsoziologe an der MILAK. Allerdings zeigt sich: Je höher die zu besetzende Position, desto mehr Beachtung erhält die militärische Ausbildung.

Als grösster Vorteil bei einem Bewerber aus dem Militärkader wird die früh erlangte Führungserfahrung gewertet. Dagegen sehen nur 40 Prozent der Personalchefs im Beziehungsnetz einen Pluspunkt. Szvircsev Tresch ist überzeugt: «Dieser Nutzen wird verkannt.» Der Soziologe sieht den Grund einerseits beim hohen Frauenanteil im Personalwesen und andererseits bei den ausländischen Personalleitern. «Ihnen fehlt der Zugang zum Militär und dem dort gelernten Wissen.» Deshalb zeige sich auch: Personalmanager sehen in der jährlichen Abwesenheit den grössten Nachteil. «Dieser Fakt ist klar messbar.»

Sind die Zeiten vorbei, als Unteroffiziere und Offiziere bevorzugt eingestellt wurden und die Militärausbildung ein fixer Wert im Curriculum war? Ein Blick in die Lebensläufe von Schweizer CEOs von SMI-Firmen zeigt: Keiner erwähnt heute mehr seinen Dienstgrad.

Die MILAK-Umfrage kommt zum Schluss, dass heute vor allem öffentliche Verwaltungen Offiziere bevorzugen. KMU entscheiden sich mehr für Bewerber ohne Militärverpflichtungen. Und bei Grossunternehmen fallen Abwesenheiten zwar weniger stark ins Gewicht, doch: «Die globale Tätigkeit erfordert Flexibilität. Dies ist oftmals schwer mit den ein Jahr im Voraus geplanten militärischen Verpflichtungen zu vereinbaren», sagt Szvircsev Tresch.

Drei Viertel der Soldaten sind im Verzug mit ihrem WK. Und auch beim Kader sieht es nur minim besser aus. Der Soziologe schlägt deshalb vor, vermehrt durchzudienen und eine Miliz mit erhöhter Bereitschaft aufzubauen. Auch eine Online-Plattform, auf der Armeeangehörige untereinander WK-Dienste abtauschen können, sei prüfenswert.

Die Gewichte im Rennen um die Besten scheinen sich zuungunsten der Armee zu verschieben. Dabei steht für den emeritierten Professor für Personalwesen, Norbert Thom, fest: «Können militärische Kader ihr erlerntes Wissen in der Privatwirtschaft richtig anwenden, bringt das für jede Firma Vorteile.» Denn Durchsetzungsvermögen und Sozialkompetenz sowie die Fähigkeit zur raschen Lagebeurteilung und verantwortungsvolle Entschlussfassung seien besonders gefragte Eigenschaften.

Hinzu kommt: «Im Militär wird alles stufenweise erlernt und angewendet. Es spült niemanden einfach hoch, ohne dass er alles von der Pike auf erlernt hat. Und die Kader erhalten laufend Feedbacks zu ihrem Führungsstil.» Deshalb gelte es, das Erlernte besser zu verkaufen.

Thom plädiert dafür, Führungsschulungen der Armee wie zivile Managementausbildung zu zertifizieren. «Adaptiert ein Militärkader das Erlernte situationsspezifisch in die Privatwirtschaft, ist er manchem MBA-Absolventen ohne Führungserfahrung voraus.»

Avenir Suisse sieht im Milizsystem einen zentralen Erfolgsfaktor der Schweiz. Darum sprach sich die Denkfabrik kürzlich für eine Umwandlung der Wehrpflicht in eine allgemeine Dienstpflicht für Frauen und Männer aus. Zur Wahl ständen Militär, Bevölkerungsschutz oder Zivildienst. Auch Ausländer würden zu einer zivilen Tätigkeit verpflichtet.

Damit löste Avenir Suisse Wirbel aus. Doch sie scheint mit ihrem Vorschlag einen Nerv der Zeit und auch der Wirtschaft zu treffen. «Die Reaktionen gerade von Seite der Unternehmen sind auf der wohlwollenden Seite», sagt Patrik Schellenbauer von Avenir Suisse. Das zeige ihm: «Die Zeiten, als die berufliche mit der militärischen Karriere aufs Engste verwoben war, sind vorbei.»

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