VON SANDRO BROT UND FLORENCE VUICHARD

Manuel Löwensberg, der Film über Hugo Koblet beginnt und endet mit einer Frage, die bis heute nicht geklärt ist. Hat sich der «Pédaleur de charme» umgebracht?
Er ist mit seinem Auto bewusst in den Baum gefahren. Es gab keine Bremsspuren. Sein Coiffeur sagte mir, dass Hugo Koblet depressiv war. Und seine Frau, Sonja Koblet, konnte mit ihm im Spital noch reden. Was, verrät sie nicht, aber es sei klar: Er wollte nicht mehr leben. Offenbar gabs einen Abschiedsbrief, und der damalige «Blick»-Journalist schrieb nach Recherche am Unfallort zuerst von Selbstmord. Seine Redaktion wollte aber nichts davon wissen und man einigte sich dann auf «Unfall». Das sind alles keine stichhaltigen Beweise, aber als Schauspieler muss ich mich entscheiden. Meiner Meinung nach hat er sich umgebracht.

Der Film bezieht dazu nicht klar Stellung. Wieso?
Einerseits aus Respekt und weil das einen Teil von Koblets Mythos ausmacht. Viele Menschen glauben bis jetzt nicht, dass er sich das Leben genommen hat. Remo Pianezzi – einer seiner damaligen Teamkollegen – sagt bis heute: «Nein, das kann nicht sein.» Ich finde es gut, dass der Film kein Urteil fällt. Trotzdem tun sich viele seiner Abgründe auf.

Zum Beispiel im Verhältnis zu seiner Frau Sonja.
Die beiden haben fast nicht miteinander gesprochen. Sie hat zum Beispiel nicht gewusst, dass sein Vater Alkoholiker war, obwohl Hugo und Sonja zehn Jahre miteinander verheiratet waren. Regisseur Daniel von Aarburg hat sie gefragt, worüber sie denn mit ihrem Mann gesprochen habe. Ihre Antwort: «Wir haben nicht so viel miteinander geredet.» Sie waren sich gegenseitig eine Trophäe.

Eine Art Zweckbeziehung?
Genau. Wie bei David und Victoria Beckham: Beide profitieren davon. Seltsam war auch die Beziehung von Koblet zu seiner Mutter: Nach jedem Sieg ist er zu ihr gerannt und hat ihr den Blumenstrauss in die Hand gedrückt. Als hätte er nicht für sich selber gesiegt, sondern für sie. Als sie starb, ist er wie ein Ofenküchlein aufgegangen.

Letztlich endete Koblet als tragische Figur: vom Idol der Massen zum Tankwart in Oerlikon, der in seiner Gutmütigkeit manchen Tank gratis füllte. Hat er Ihnen leid getan oder hätten Sie ihn lieber durchgeschüttelt und aufgeweckt?
Zuerst das eine, dann das andere (lacht). Es ist heikel und anmassend, im Nachhinein über ein Leben zu urteilen. Nach dem Motto: «Hätte er doch einen Psychoanalytiker gehabt, dann hätte er seine Probleme aufarbeiten können.» Es hat mich traurig gemacht, wie er sich ausnützen liess. Koblet war für mich zu Beginn riesig – und wurde dann immer kleiner. Jeder Satz, den er sagte, hat wie eine Frage getönt: «Habe ich recht?» Wie wenn er sich dann über die Bestätigung definieren würde. Trotzdem: Ich habe Respekt vor dem, was er erreicht hat.

Wie unterschied er sich von seinem grossen Gegner Ferdy Kübler?
Koblet war nie so fokussiert wie Kübler. Kübler hatte ein Ego, einen Willen, ein Ziel – und eine Nase (lacht). Koblet scheute die Konfrontation. Er hatte etwas Weiches. Wir konnten in unserem Film nur einen Abriss dieser Psychologie machen, aber ich denke, es ist ganz gut gelungen. Er hat zum Beispiel Elvis verachtet. Dabei hatte Koblet durchaus Ähnlichkeiten mit Elvis. Auch Elvis hatte etwas Leichtes und Weiches. Auch Elvis wurde dick. Auch er wirkte, wie wenn er kein Ego hätte.

Hugo Koblet wurde Doping fast zum Verhängnis. Vermutlich ohne sein Wissen wurde ihm während der Tour de Suisse 1952 eine Spritze mit Amphetaminen verabreicht. Wie denken Sie über Doping im Radsport?
Es ist doch logisch, dass gedopt wird. Und es ist nur eine Definitionsfrage, wo das Medikament aufhört und wo Doping beginnt. Ich verstehe auch nicht, weshalb man den Spitzensport als etwas Gesundes darstellt. Wie dumm sind denn die Leute? Es geht doch um eine Extremleistung, die man dem Körper abverlangt. Es ist klar, dass ein Hochleistungssportler langfristig Schäden davonträgt. Da wird viel geheuchelt.

In Ihrer Logik müsste man Doping konsequenterweise freigeben.
Nein, denn es braucht einen Schutz für die Sportler. Sonst artet es aus und die Menschen sterben an ihren Höchstleistungen. Im Kohlebergwerk ist man auch dafür, dass die Arbeitszeiten so geregelt sind, dass man sich zumindest ansatzweise regenerieren kann.

Interessieren Sie sich eigentlich für Radsport?
Für den Radsport hatte ich nie ein Interesse. Ich habe nie die Tour de France, den Giro d’Italia oder die Tour de Suisse geschaut. Aber ich bin immer Velo gefahren. Ich habe in Zürich auch bei einem Velokurier gearbeitet. Das Velo bedeutet in meinem Leben eine Selbstverständlichkeit.

Koblet scheint mit viel Talent, aber wenig Disziplin über die Runden gekommen zu sein. Wie sieht dieses Verhältnis bei Ihnen aus?
Hugo Koblet hatte mehr Disziplin, als man meint. Er hat das auch zur Imagepflege betrieben. Seine Voraussetzungen waren aber schon von der Grösse und dem Muskelaufbau her gut. Vielleicht steckt hier der Kern: Wenn einem alles zufällt, entwickelt man weniger Ego.

Nochmals: Wie ist das bei Ihnen?
Autsch (lacht). Es ist wechselhaft. Ich entwickle immer mehr Fleiss. Und auch eine Leichtigkeit. Ich glaube, es wächst gerade beides. Talent habe ich auf jeden Fall. Aber dass es sichtbar wird und sich entfalten kann – dafür muss man üben, diszipliniert und fleissig sein.

Wer steht Ihnen näher? Der unvernünftige, talentierte Koblet oder der vernünftige Streber Kübler?
Kübler ist mir teilweise näher. Er gibt auch im Film viel von sich preis. Er hat seine Ziele klar formuliert und steht auch dazu. Durch das macht er sich angreifbar. Dafür habe ich grossen Respekt. Koblet war eher wie ein Fisch.

So richtig bekannt wurden Sie mit «Lüthi und Blanc». Ein biederes Debüt für einen jungen Wilden wie Sie.
Ich habe mich zu Beginn nicht mit der Serie identifizieren können und habe sie auch privat nicht geschaut. Ich habe lange überlegt, ob ich das wirklich machen will. Jetzt bin ich aber sehr froh, es gemacht zu haben. Es war eine gute Zeit, in der ich viel gelernt habe. Ich wurde lockerer, entspannter und habe gelernt, mich in einen solchen Betrieb einzubringen. Ich schäme mich überhaupt nicht dafür.

Eine Folge ist, dass Sie nun zur Cervelat-Prominenz im Land gehören. Stört Sie das?
Bis anhin habe ich das immer negativ bewertet. In der Zwischenzeit akzeptiere ich es, gehe offensiver mit den Medien um. Ich nehme mich nicht mehr so ernst. Früher hätte ich aus Prinzip nie für die «Glückspost» in die Kamera gelacht, jetzt habe ich es gemacht. Es ist doch egal. Die Publizität verhilft mir vielleicht zu mehr Rollen.

Was machen Sie als Nächstes?
Derzeit spiele ich in Chur Tennessee Williams’ «Endstation Sehnsucht» – in einem winzigen Theater. Je kleiner das Theater, desto grösser ist die Herausforderung. Denn man kann nicht schummeln, das Publikum sieht alles. Das ist sehr wertvoll.

Und was kommt danach?
Das weiss ich noch nicht. Ich habe mir Züge von Kübler angeeignet: Ich formuliere jetzt meine Ziele – und setze alles daran, sie zu erreichen. Ich möchte zum Beispiel gerne in Zürich am Neumarkttheater spielen oder am Schauspielhaus. Es gibt auch in Deutschland mehrere Bühnen, die mir gefallen würden. Freiburg zum Beispiel hat ein tolles Theater.

Können Sie von der Schauspielerei leben? Oder müssen Ihre Eltern Sie finanziell unterstützen?
Ich habe mein Geld immer selber verdient. Vor der Schauspielschule habe ich noch als Velokurier gearbeitet, aber schon während der Schule beim Fernsehen einen Vertrag gehabt. Seitdem kann ich vom Theaterspielen leben und muss keine Nebenjobs mehr annehmen. Aber ich brauche natürlich auch sehr wenig zum Leben. Ich habe in Zürich und Wien je ein billiges Zimmer, habe keine Kinder. Ein Leben lang möchte ich aber nicht so leben. Ich kann mir vorstellen, dass jetzt ein neues Kapitel anfängt.

Wo soll denn dieses neue Kapitel beginnen?
Das ist fremdbestimmt: in der Stadt, in der ich ein Engagement bekomme. Mich würde es reizen, jetzt für ein paar Jahre nach Deutschland an ein gutes Theater zu gehen. Ich habe in der Zwischenzeit auch das Gefühl, dass ich das könnte.

Für Sie kommt also Theater vor Film?
Beim Theater kann ich mich bewerben, beim Film kann man nicht viel tun. Entweder wirst du angefragt oder nicht. Ich habe deshalb bis anhin immer mit Leuten gearbeitet, zu denen ich einen Draht hatte. Es waren schöne Produktionen, aber nicht riesige. Selber Regisseure angehen, das liegt mir einfach nicht. Netzwerken fällt mir schwer.

Da könnten Anlässe der Cervelatprominenz helfen.
Ich weiss nicht, wie das geht. Ich kann nicht mit Champagner in der Hand herumstehen und alle ansprechen. Ich finde es unangenehm – und habe solche Anlässe bis jetzt immer gemieden. Ich denke, es bringt wohl auch nichts, wenn man sich nicht wohlfühlt dabei.

Wollen Sie in Zukunft auch selber Stücke schreiben und Regie führen?
Ich habe in der letzten Zeit wieder angefangen zu schreiben, aber es fällt mir schwer. Ich kann gut mit Kollegen Rollen, Dialoge und Stücke entwickeln, mich einbringen. Aber alleine zu Hause kommt mir nichts in den Sinn. Ich bin nun kein Alphatier, ich bin wohl eher einer, der in einem Team gut mitarbeiten kann.

Sie haben gesagt, Sie seien heute bereit, für die «Glückspost» in die Kamera zu lachen. Sind Sie auch nicht mehr verärgert, wenn die Medien mit Ihnen vor allem über Ihren Vater reden wollen, über Bundesrat Moritz Leuenberger?
Nein, ich nerve mich nicht mehr. Zu Beginn dachte ich ja, die Medien wollten mich interviewen, weil ich ein toller Schauspieler bin. Aber dann habe ich schnell gemerkt: Viele meiner Kollegen, die gleichviel arbeiten wie ich, werden nie interviewt. Medial attraktiv war die Konstellation: Bundesratssohn und Schauspieler. Das hat mich skeptisch gemacht, ich war verkrampft. Ich wollte kämpfen, dass ich für meine Arbeit geschätzt werde. Jetzt sehe ich es nicht mehr so eng.

Die Zeiten sind jetzt vorbei: Leuenberger tritt als Bundesrat zurück. Sind Sie froh darüber?
Ich glaube nicht, dass sich für mich viel ändert. Jetzt heisst es einfach «Noch- Bundesratssohn», dann wirds «Sohn von Altbundesrat» heissen! Wie lange das hält, werden wir sehen. Aber dass wir uns verstehen: Privat habe ich eine gute Beziehung zu ihm. Und ich habe keine Rolle bekommen, weil mein Vater Bundesrat war.

Nach den beiden Rücktritten im Bundesrat gibts vielleicht bald eine Frauenmehrheit in der Regierung. Was halten Sie davon?
Das Geschlecht wird oft überschätzt. Es gibt Männer, die weibliche Positionen übernehmen, Frauen, die männliche Positionen vertreten.

Fünf Frauen fänden Sie in Ordnung?
Ja, auf jeden Fall.

Interessiert es Sie denn überhaupt, wer in den Bundesrat gewählt wird?
Ja, ich lese darüber. Aber derzeit gibt es noch so viele Spekulationen und Optionen, da will ich mich nicht so genau damit auseinandersetzen. Ich habe auch nicht in der Gruppenspielphase bei der WM jeweils alle Möglichkeiten durchgerechnet. Irgendwann steht die Partie fest, und ich schaue sie.

Das Taktieren gehört nun mal zur Politik. Haben Sie denn gestaunt, dass Ihr Vater das ausgehalten hat?
Ja. Die Medien nörgeln jetzt oft an ihm herum, ohne konkreten Vorwurf. Er hat sieben Tage die Woche für das Amt gearbeitet, er hat seine ganze Energie hineingesteckt, hat sich nichts zu- schulden kommen lassen – und jetzt sagt man: Sein Glanz sei weg. Aber wir sind doch hier auch nicht bei «Glanz & Gloria». Ich staune schon, wie er damit umgeht.

Hat Sie die Kritik persönlich getroffen?
Ja, schon.

Bei den Bundesratswahlen lassen Sie sich vom Resultat überraschen. Und sonst: Gehen Sie wählen?
Ja, ich gehe wählen. Und ich finde es übrigens gut, dass der Bundesrat nicht vom Volk gewählt wird. Es wäre schrecklich, wenn in der Schweiz die ganze Zeit nur noch Wahlkampfstimmung herrschen würde.

Was halten Sie davon, dass kurz darüber debattiert wurde, ob die Todesstrafe in der Schweiz eingeführt werden soll?
Das ist jenseits! Das hat mich sehr wütend gemacht. Ich kann ja die Rachegelüste der Familienangehörigen von Opfern verstehen. Aber ein Rechtsstaat soll nicht Rachegelüste befriedigen, sondern den Rahmen schaffen für eine möglichst gewaltfreie Gesellschaft. Man weiss doch, dass man mit Repression tendenziell die Gewaltbereitschaft verschärft. In Kanada beispielsweise ist die Gewaltbereitschaft seit der Abschaffung der Todesstrafe markant gesunken.

Darf das Volk über alles abstimmen?
Ich denke schon. Aber die Leute sollten sich bewusst sein, was für eine Verantwortung sie haben. Sie sollten Bescheid wissen, über was sie abstimmen, sollten Zeitungen lesen, Bücher lesen, sich informieren.

Würden Sie sich als prominenter Schauspieler von einer Partei einspannen lassen?
Elvis hat mal gesagt, er interessiere sich nicht für Politik. Wie bescheuert ist das denn! In einer Demokratie ist jeder Fussgängerstreifen, jeder Kindergarten das Resultat von Politik. Ich interessiere mich für Politik, aber ich masse mir nicht an, irgendwelche Meinungen herauszuposaunen. Ich habe zu wenig Kompetenz, da würde ich mich überschätzen. Es gibt viele Schauspieler, die überschätzt werden: Nur weil sie fremde Texte aufsagen können, hat man das Gefühl, es seien ihre eigenen Gedanken.

Zum Schluss: Wie gefällt Ihnen eigentlich der Film «Hugo Koblet»?
Jetzt habe ich mich mit ihm versöhnt.

Wieso versöhnt?
Zu Beginn habe ich nur auf mich geschaut – und gesehen, was ich alles hätte anders machen können. Jetzt glaube ich, der Film ist recht gut.

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