VON MARTIN MEIER

«Unser geliebter Sohn, Ehemann und Familienvater darf nicht an die Schweiz ausgeliefert werden», fordert Ded Gecajs Familie in einem an Menschenrechtsorganisationen versandten E-Mail, das dem «Sonntag» vorliegt. «Er hat seine Strafe in Kosovo verbüsst.» Die Familie spricht von einer «Rache-Kampagne» der Schweizer Behörden: «Gegen uns Gecajs.» Die Familie beklagt sich auch, dass sie Deds Tochter, die heute 25-jährige Besarta, nicht mehr sehen dürfen. Ihren Lehrer hat Gecaj 1999 umgebracht.

Auch Gecajs Anwalt in Pristina, Universitäts-Professor Kole Krasniqi, ist empört: Ded Gecaj sei mit Zustimmung der Schweizer Behörden in seinem Heimatland verfolgt und verurteilt worden. Jedes neue Verfahren gegen ihn sei ein Verstoss gegen die Grundprinzipien des Internationalen Rechts.

Dreimal wird der Lehrermörder in Kosovo verhaftet. Dreimal wird er in Auslieferungshaft genommen. Jedoch immer wieder auf freien Fuss gesetzt. Auch diesmal verschanzt sich der Lehrermörder nach seiner Ausschreibung vor dem Zugriff der Polizei in seinem riesigen Anwesen in Janosh. Alleine der Empfangsraum bietet fünfzig Personen bequem Platz.

Der Weg zum Lehrermörder ist lang und steinig. Er führt von Pristina in den Südwesten von Kosovo, nahe an die albanische Grenze. Vorbei an unzähligen Grabstätten, die an den Krieg erinnern. Über die damals zerbombte Terzijski-Brücke, die den Fluss Erenik überspannt, hinein nach Gjakoves, einer Industriestadt mit 90000 Einwohnern. Von hier aus weist kein Wegweiser weiter ins Dorf Janosh, dafür spricht man hier Schweizerdeutsch. «Janosh? Weisch muesch fahre Richtig Flughafä.» Die Fahrt scheint an einer Brücke zu enden. Ein Schild weist auf Einsturzgefahr hin. Darauf steht: 0km/h. Dem Fahrer ists egal. Janosh ist kein Dorf, Janosh ist eine Handvoll weit zerstreuter Häuser, die alle etwas Gemeinsames haben: riesige Mauern. Hinter solchen Mauern taucht der Lehrermörder Ded Gecaj immer wieder unter.

Die St.Galler Staatsanwaltschaft wirft Ded Gecaj vor, seine Tochter misshandelt, sexuell missbraucht und ihren Lehrer Paul Spirig getötet zu haben. Des Weiteren wird Gecaj beschuldigt, seine Tochter unter schweren Drohungen gezwungen zu haben, ihren Lehrer anzuschuldigen.

Zweimal schon hat Anwalt Krasniqi seinen Mandanten im Gefängnis besucht: «Es geht ihm den Umständen entsprechend gut.» Das Gleiche gelte für Gecajs Familie, sagt Krasniqi. Diese kämpft seit Monaten gegen die Auslieferung ihres «geliebten Sohnes, Ehemannes und Familienvaters». Die Familie drückt den Angehörigen des Opfers zwar ihr Mitleid aus. «Aber Ded Gecaj war gezwungen, in St. Gallen diese strafbare Handlung auszuführen.» Die Familie beharrt darauf, dass Lehrer Paul Spirig ihre damals 14-jährige Tochter Besarta vergewaltigt hat. Als Ded Gecaj darüber informiert wurde, habe er Strafanzeige bei der Kantonspolizei St. Gallen erstattet und die Schulbehörden informiert.

Die Familie beklagt sich, dass die Polizei «nichts unternommen hat, um die Strafsache zu klären». Das Gegenteil sei der Fall gewesen. Sie habe Ded Gecaj ignoriert und das Handeln des Lehrers verharmlost. «Dieses Verhalten der Polizei hat er als sehr beleidigend empfunden», sagt die Familie. «Unter diesen Umständen wurde Ded Geecaj in einen solchen geistigen Zustand gebracht, dass er zur Tatzeit nicht mehr in der Lage war, sich zu steuern», so die Familie. So sei er in die Schule gegangen und habe den Lehrer umgebracht.

Tatsächlich folgten auch die Richter in Kosovo bis anhin diesen Äusserungen. Ded Gecaj habe in der Meinung gehandelt, Spirig habe seine Tochter missbraucht. Zudem sei er vor der Tat vom St.Galler Lehrer provoziert worden, hielt das Gericht fest.

Wird Lehrermörder Gecaj einmal mehr die Freiheit geschenkt? Oder wird er diesmal ausgeliefert? Sein Anwalt: «Es ist alles möglich.»

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