Gestern erhielt Hugh Jackman den «Golden Icon Award» des Zurich Film Festival, kurz ZFF. Der Australier spielt im Thriller «Prisoners» einen Vater, der seine vermisste Tochter sucht und so verzweifelt ist, dass er einen Verdächtigen quält. Man kann es ihm nicht verübeln, denn ähnlich geht es dem ZFF-Besucher, der zwischen 29 Galapremieren und 4 Wettbewerbsprogrammen herumirrt und bald Lust verspürt, jemanden zu foltern.

Sicher ist: Das ZFF zeigt viele bunte Premieren. Gestern fand «Prisoners» als Premiere im deutschsprachigen Raum statt. Nur: Bereits zuvor gab es eine Premiere in Berlin. Jim Jarmuschs Vampirfilm «Only Lovers Left Alive» läuft vor dem ZFF am Filmfest Hamburg. Die Hälfte der Beiträge im deutschsprachigen Spielfilmprogramm war bereits in Deutschland zu sehen – dennoch werden die Filme als Premieren beschildert. Die Komödie «Finsterworld» wird als Europapremiere angepriesen, dabei wurde sie bereits am Filmfest München gezeigt.

Etikettenschwindel? Oder souveräne Dehnung von Wortbedeutungen? «Der Premierenstatus von Filmen kann sich rasch ändern», sagt ZFF-Pressesprecher Beat Glur. «Manchmal hält sich jemand nicht an die Abmachung. Aber im Prinzip gilt für uns ein deutscher Film, der bislang nur in Deutschland lief, als Europapremiere.» Alles klar? Nein. Aber die Verwirrung passt zu einem Festival, das Widersprüche zurechtbiegt und das Ergebnis golden anmalt.

Dabei hätte das ZFF riesige Freiheiten: Da es nicht zur Klasse der A-Festivals wie Cannes oder Venedig gehört, muss es keine internationalen Premieren programmieren. Es könnte jene eigenwilligen Filme zeigen, die an den A-Festivals für Gesprächsstoff sorgen – denn die medienträchtigen Riesenkisten kommen ohnehin ins Kino. «Wir können uns aus einer grösseren Auswahl bedienen und mehr Filme vorführen», bestätigt Glur. «Aber auch so ist die Konkurrenz stark. Locarno holt immer wieder Filme, weil das Festival international wichtiger ist als das ZFF. Dafür haben wir Locarno überholt, was Stars anbelangt.»

Dieses Jahr sind Daniel Brühl, James McAvoy und Harrison Ford geladen. Das freut in erster Linie die Major-Verleiher. Sie haben das Zurich Film Festival quasi zur Startrampe für ihre Herbstfilme umgewandelt. Das Warner-Brothers-Studio etwa vertraut auf den Festival-Buzz, um die Werbekampagne für das Weltraumballett «Gravity» loszutreten. Ähnlich bei «Prisoners» und dem Formel-1-Drama «Rush»: Das ZFF wird zum Hub für die von den Verleihern gesteuerten Aufmerksamkeitswellen.

«Hollywood Reporter», die Branchenzeitschrift, lobt Zürich: In der Stadt würden sich Investoren tummeln, das Geld liege praktisch auf der Strasse und den VIPs würde fast jeder Wunsch erfüllt. «Zürich ist eine Stadt wie vom Filmstudio Universal gebaut», sagt Susanne Jungbluth vom Zürich Film Office, das die Stadt als Drehort attraktiv machen will. «Sie bietet Urbanes, Mittelalterliches, den See und die Berge.»

Das ZFF: Diener des Exquisiten und Erfüllungsgehilfe des Mainstreams. Ein Branchenkenner, der anonym bleiben möchte, sagt: «Nüchtern betrachtet bedient das Zurich Film Festival während zehn Tagen die Zürcher Sehnsucht nach Grösse und weltstädtischem Flair. Das Kalkül geht auf, denn nur dank dem Starrummel konnte das Festival in so kurzer Zeit derart wachsen.»

Mittlerweile rangiert das Zurich Film Festival auf Platz eins einer neuen Statistik. Sie hat Schweizer Festivals verglichen und gezählt, wie viele der programmierten Filme tatsächlich ins Kino kommen. Logischerweise siegt dabei ein Festival, das mit den Megastudios zusammenspannt. Aber das ZFF hat die Studie in einem absurden Non sequitur als Bestätigung dafür interpretiert, dass es die Filmkultur bereichern würde.

Das tut es eher mit den Erstlings- und Zweitlingsfilmen in den Wettbewerben. «Bei den Stars rühren wir mit der grossen Kelle an. Davon sollen auch die Wettbewerbsfilme profitieren», betont Beat Glur. So fährt das Festival auf zwei Gleisen: Hier die Galaabende, dort die kleinen Werke im Wettbewerb. Ob das Rollmaterial halten wird?

Schon jetzt zerreisst es das Festival fast zwischen Deal und Profil. Zusammenhalten kann man die Sache mit Rechtfertigungen. Der künstlerische Leiter Karl Spoerri sagte: Die Zeiten, als sich Festivals um Weltpremieren gerissen haben, seien vorbei. Heute gehe es darum, Festivals miteinander zu verketten und damit eine gut geschmierte Startbahn für die Lancierung von Filmen zu bauen.

Das ZFF: ein Handlanger in den Kleidern des Kaisers. «Es sieht bis jetzt nicht danach aus, als habe die ZFF-Pioniercrew um Karl Spoerri das Zeug für eine Programmation jenseits gefälligen Mainstreams», sagt unser Branchenkenner. «Doch irgendwann geben Pioniere den Stab ja weiter, und dann wird aus dem ZFF vielleicht ein richtig gutes Filmfest, so wie die Viennale in Wien.»

Die Viennale nämlich foutiert sich um Premierenstatus und Galatheater. Sie hat nicht einmal einen Wettbewerb. Sondern zeigt einfach jedes Jahr tolle Filme.

Noch bis 6. Oktober. www.zff.com

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