Am Mittwoch im Zentrum von Kairo: Das Militär hat den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi gestürzt, der Tahrir-Platz ist mit Panzern umstellt. Am Donnerstag im Zürcher Oberland: Die sieben Bundesräte fahren in Schützenpanzern vor – und winken in die Kameras. «Das war geschmacklos», sagt Regula Rytz (BE), Co-Präsidentin der Grünen. «Ueli Maurer instrumentalisiert sein Amt zu einem Werbefeldzug für das Militär. Das ist auch unfair gegenüber seinen Kollegen, die vor dem Hintergrund der Ereignisse in Ägypten auf eine Panzerfahrt sicher liebend gern verzichtet hätten.»

In der Tat: Mit der Fahrt im Schützenpanzer hat Bundespräsident Maurer seine Kollegen überrascht, sie war im Programm der von ihm organisierten Bundesratsreise nicht explizit aufgeführt. «Es war die perfekte Falle», sagt SP-Präsident Christian Levrat (FR). Maurers Bundesratskollegen blieb nichts anderes übrig als einzusteigen. Sogar die sozialdemokratischen Bundesräte machten bei der Panzerfahrt gute Miene zum bösen Spiel: Simonetta Sommaruga lächelte gequält in die Kamera des Westschweizer Fernsehens (RTS), während ihr Kollege Alain Berset, der selbst keinen Militärdienst absolviert hat, dem Sender wortreich erklärte, dass er sich auf die Wanderung mit der Bevölkerung freue.

Didier Burkhalters Aussendepartement (EDA) gibt sich diplomatisch: «Die Organisation der Bundesratsreise ist Sache des jeweiligen Präsidialdepartements», sagt Sprecher Stefan von Below. «Darüber hinaus äussert sich das EDA nicht dazu.» Anders als die Parlamentarier. «Es ist irgendwo zwischen unsensibel und lächerlich», sagt Aussenpolitiker Martin Naef (SP/ZH). «Und faktisch ist es beides.» Bedenken äussert auch Sicherheitspolitikerin Corina Eichenberger (FDP/AG), die es grundsätzlich begrüsst, dass die Armee sich zeigt. «Im Kontext mit den Ereignissen in Ägypten hingegen stimmen mich die Bilder unserer Landesregierung im Panzer nachdenklich», sagt sie. «Denn dort ist die Situation ernst.» Dennoch: Eine Absage der bundesrätlichen Panzerfahrt hätte sie als übertrieben erachtet.

SP-Chef Levrat bezeichnet die Aktion als «grosse Dummheit». Die Schweiz sei wohl das einzige Land, in dem man die ganze Zivilregierung in Panzer stecken könne. Für Josef Lang, Vizepräsident der Grünen, zeigt «die Episode im Panzer den gedankenlosen Umgang der Landesregierung mit Waffen». Und es sei «eine Propaganda-Aktion» gegen die Wehrpflicht-Initiative der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), über die am 22. September abgestimmt wird.

Es ist schon auffällig, wie stark Verteidigungsminister Ueli Maurer sein Präsidialjahr nutzt, um seine Armee in den Vordergrund zu rücken. Die Bundesratsreise samt Panzerfahrt bildet keine Ausnahme, sondern reiht sich vielmehr ein in eine Serie von Anlässen. So wollte er etwa, dass beim Neujahrsempfang für das diplomatische Korps bewaffnete Soldaten auf der Bundeshaustreppe Spalier stünden – vom Eingang bis zu den drei Eidgenossen in der Kuppelhalle des Bundeshauses. Das Bundeshaus sei zu wenig festlich geschmückt, fand Maurer. Das Parlament durchkreuzte seine Pläne aber auf diplomatische Weise. Die Anfrage sei zu kurzfristig eingetroffen, hiess es. Maurer organisierte eine Militärparade vor dem Bundeshaus.

Beim traditionellen Ausflug mit dem diplomatischen Korps hingegen hatte Maurer dann freie Hand: Er führte seine rund 150 Gäste Ende Mai in den Kanton Freiburg und ans Feldschiessen nach St. Ursen. Das Mittagessen wurde von angehenden Küchenchefs der Armee zubereitet, und am Nachmittag beteiligten sich sowohl Maurer wie seine Gäste aktiv am Feldschiessen.

Die Armee müsse die Landesverteidigung sicherstellen, heisst es im VBS. Und es sei ein Credo, die Armee und deren Geräte den Leuten auch zu zeigen. Offiziell wollte das VBS keine Stellung nehmen. Recherchen aber zeigen: Die Panzer-Idee stammt von Bundespräsident Ueli Maurer höchstpersönlich.

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