VON YVES DEMUTH UND SANDRO BROTZ

Herr Koopmann, wann wurde der Entscheid in Paris gefällt?
Die Auftragseingänge in der Kraftwerksparte waren in den letzten Monaten stark rückläufig. Deshalb hat sich das Management schon vor einiger Zeit über mögliche Massnahmen Gedanken gemacht. Wir hatten jedoch gehofft, dass sich der Markt wieder besser entwickelt, und deshalb zugewartet.

Was gab den Ausschlag?
Zum einen ging der Stromverbrauch weltweit zurück, zum anderen hat der Bau von neuen Kraftwerkanlagen in Europa und in den USA um 40 bis 50 Prozent abgenommen. Wir gehen heute davon aus, dass sich dieser Markt erst in mehreren Jahren wieder erholen wird. Deshalb haben wir vor rund zwei Wochen beschlossen, das Konsultationsverfahren mit dem europäischen Betriebsrat einzuleiten.

Waren Sie beim Entscheid dabei?
Es ist kein Entscheid. Wir haben bisher nur beschlossen, das übliche Verfahren mit den Sozialpartnern einzuleiten. Aber ich war dabei.

Nach welchen Kriterien bemisst sich die genannte Abbau-Zahl von 750 Stellen in der Schweiz?
Diese Zahl ist aufgrund der hier produzierten Produkte sowie der Nachfrage danach zustande gekommen. In der Schweiz sind wir sehr stark im Bereich der Gas- und Kohlekraftwerkanlagen tätig. In diesem Bereich hat es den grössten Markteinbruch gegeben. Zudem sind auch die Marktaussichten in den USA und Europa nicht gut.

Ist der hohe Abbau in der Schweiz keine Konsequenz aus dem liberalen Arbeitsrecht in der Schweiz?
Nein. Entscheidend ist allein, dass hier am meisten Mitarbeiter in diesem Bereich tätig sind. Wir haben überhaupt kein Interesse, das Know-how von Mitarbeitern zu verlieren, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.

Aber Entlassungen sind in der Schweiz billiger als in Frankreich.
Aufgrund meiner Erfahrungen kann man dies pauschal so nicht sagen. Ob es in der Schweiz billiger oder teurer ist, weiss ich nicht, da ich dazu noch keine Zahlen gesehen habe.

Die 750 Stellen sollen eine «Planzahl» sein. Das heisst, es können auch mehr sein?
Dies ist momentan unsere beste Schätzung. Wir gehen davon aus, dass dies das ungefähre Maximum sein wird. Über genaue Zahlen werden wir mit den Sozialpartnern auf europäischem und danach auf schweizerischem Niveau verhandeln.

Können Sie garantieren, dass es nicht mehr als 750 sind?
Nein, garantieren kann ich das nicht. Aber ich schätze, dass dies das ungefähre Maximum sein wird.

Wird es vermehrt Ingenieure oder Arbeiter treffen?
Dazu kann ich heute noch nichts sagen.

Die Gewerkschaften werfen Ihnen vor, sich bei der Information nicht an den im Gesamtarbeitsvertrag festgelegten Ablauf gehalten zu haben.
Alstom ist ein internationales Unternehmen mit weltweit 90000 Mitarbeitern. Dies macht es nicht einfach, überall rechtzeitig zu informieren. Ich habe persönlich so gut als möglich vorinformiert, so auch die Regierung des Kantons Aargau und andere Behörden. Aber man hätte es besser machen können und wir werden unsere Lehren daraus ziehen.

Viele Mitarbeiter sind frustriert, dass sie den Entscheid aus den Medien erfahren mussten. Tut Ihnen das leid?
Ja, das tut mir leid. Denn natürlich ist dies nicht gut. Wir haben versucht, gut zu informieren. Dies ist uns aber nicht in allen Fällen gelungen. Dass die Gewerkschaften und Medien unsere Mitarbeiter sofort bestürmt haben, obwohl diese noch nicht informiert gewesen waren, habe ich allerdings auch nicht elegant gefunden.

Wie wollen Sie das Vertrauen wieder zurückgewinnen?
Wir haben informiert, obwohl noch nicht alles im Detail bekannt ist. Dies hat den Nachteil, dass noch Unsicherheiten bestehen. Aber wir werden unseren Mitarbeitern zeigen, dass wir das Verfahren nun in einem vernünftigen Rahmen durchziehen werden.

Sie sind Alstom-Schweiz-Präsident im Nebenamt. Werden Sie nun vermehrt bei Alstom präsent sein?
Ich versuche, meine Präsenz bei Alstom den Aufgaben entsprechend anzupassen. Sollte meine Präsenz in Baden oder Birr stärker gefragt sein, werde ich vermehrt dort anzutreffen sein.

Seit der 2009 begonnen Reorganisation der beiden Power-Sparten hat Alstom Schweiz an Bedeutung verloren. Auch der Auftritt der Landesgesellschaft im Internet wurde gelöscht.
Die Schweiz hat nicht an Bedeutung verloren. Sie spielt für Alstom heute und in Zukunft eine grosse Rolle. Für Forschung und Entwicklung sind die hiesigen Standorte sehr wichtig. Der Länderauftritt im Internet hat nichts zu tun damit.

Alstom-Mitarbeiter sagen, wer auch immer an der Spitze von Alstom Schweiz sei, wäre eine «Marionette von Paris».
Nein, das ist absolut nicht der Fall. Ich werde regelmässig informiert und habe direkten Zugang zu den Direktionsmitgliedern. Ich habe gute Beziehungen zur Konzernebene aufgebaut und die Schweiz ist in Paris sehr respektiert.

Die Aargauer Regierung und die Gewerkschaften fordern Sie auf, Kurzarbeit ernsthaft zu prüfen. Werden Sie dies tun?
Selbstverständlich. Wir haben bereits im Februar in Birr Kurzarbeit bei 40 Personen eingeführt. Diese könnte ausgeweitet werden, sofern die Marktaussichten längerfristig gut sind. Sind die Langfristaussichten aber negativ, können wir das Überbrückungsmittel Kurzarbeit nicht anwenden.

2004 strich Alstom Schweiz schon mal 650 Stellen, um zwei Jahre später wieder 250 Personen einzustellen. Sie glauben nicht daran, dass diese Stellen so schnell wieder zurückkommen?
Das ist zumindest unsere heutige Einschätzung. Wenn absehbar wäre, dass sich Europa und Nordamerika früher erholen, gäbe es das eingeleitete Verfahren nicht.

Es findet also eine Verlagerung der Arbeitsplätze statt.
Es ist keine Verlagerung. Diese Kraftwerkanlagen kann man nicht in der Welt herumschicken. Deshalb gehen wir dorthin, wo die Nachfrage ist. Es findet eine Anpassung der Firma an die Marktgegebenheiten statt.

Trotzdem: Bei Alstom wird es in Europa künftig weniger Arbeitsplätze geben.
Wenn es mit dem Energie- und Stromverbrauch so weitergeht, wird das so sein. Die Tätigkeit von Alstom in Europa wird eher stagnieren und in den anderen Ländern viel stärker wachsen.

Oft wird der starke Schweizer Franken ins Feld geführt. Ein vorgeschobenes Argument?
Nein, die Entwicklung verschlechtert die Situation von Exportunternehmen. Wir exportieren 90 bis 95 Prozent unserer Produkte, unter anderem in den Euro- und Dollar-Raum. Die Währungsentwicklung macht die Produkte teurer und schmälert die Marge. Aber wir bestimmen nicht aufgrund von Währungsschwankungen, dass wir eine Fabrik in China oder Indien eröffnen.

Welchen Euro- oder Dollar-Kurs braucht Alstom, um in der Schweiz profitabel zu produzieren?
Alstom war in der Schweiz immer profitabel, zumindest in den meisten Tätigkeiten. Es gibt keine Kurslimite.

Und wenn der Euro-Kurs bei 1.30 bleibt?
Laut der Nationalbank liegt der Realwert des Euro gegenüber dem Franken bei etwa 1.30. Das ist in der Tat ein Mittelwert für die Zukunft. Damit kann Alstom leben.

Was, wenn der Euro weiter fällt?
Es käme darauf an, wie lange der Euro auf so einem Niveau bleiben würde und wie die Aussichten sind. Nochmals: Rein währungsbedingte Strukturanpassungen wird es nicht geben. Das Wichtigste ist die Marktentwicklung.

Muss die Nationalbank intervenieren?
Die Nationalbank hat gemacht, was sie konnte. Wir müssen aufpassen: Die Schweiz kann nicht alles von der Nationalbank verlangen. Ich glaube nicht, dass die Nationalbank im Moment noch mehr machen kann. Da sind stärkere Marktkräfte im Spiel.

Die Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Alstom im Zusammenhang Korruptions- und Geldwäscherei-Vorwürfen. Welche Rolle spielte dies beim jetzigen Entscheid?
Das hatte absolut keinen Einfluss. Wir haben immer gesagt, wir möchten, dass die Untersuchung so rasch wie möglich abgeschlossen wird. Wir erwarten, dass Alstom von der Bundesanwaltschaft und wenn nötig auch vom Gericht fair behandelt wird.

Das Verfahren zieht sich schon seit Jahren hin. Wie gross ist Ihr Ärger?
Das würde jeden ärgern. Die Untersuchung begann 2004. Jetzt sind wir bald am Ende von 2010 und die Untersuchung ist immer noch nicht abgeschlossen. Das ist einfach zu lang. Egal, ob es Alstom, eine Schweizer oder eine ausländische Firma betrifft. Wir bedauern das.

Wird etwas hängen bleiben?
Das wissen wir nicht. Die Untersuchungen laufen. Schauen Sie: Alstom hat eines der besten internen Systeme eingeführt, um Geldwäscherei und Korruption zu vermeiden. Was vorher passiert ist, wissen wir nicht. Wir müssen jetzt warten, was dabei herauskommt.

Ob Geldwäschereivorwürfe oder Stellenabbau: Haben Sie beim Amtsantritt im Februar mit solchen Turbulenzen gerechnet?
Von der Untersuchung habe ich gewusst. Da helfe ich auch, dass es vorwärtsgeht, soweit man das überhaupt beeinflussen kann. Der Stellenabbau war sicher nicht vorgesehen. Wir müssen jetzt mit den Sozialpartnern die besten Lösungen ausarbeiten. Schon die BBC und ABB hatten vor Alstom schwierige Zeiten. Das ist nicht neu. Wir werden auch diesen Sturm überleben.

Was bieten Sie den Mitarbeitern an,die ihren Job verlieren?
Wir werden alles Mögliche tun, um die Mitarbeiter zu unterstützen, welche ihre Stelle leider verlieren werden.

Wie viele Entlassungen wird es geben?
Wir hoffen, dass es so wenige wie möglich sind.

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