Es hat meist etwas Niedliches, wenn wir in der Schweiz über Hochhäuser reden. Es ist das Understatement des Kleinen, der sehr wohl weiss, was hinter der scheinbaren Bescheidenheit steckt. Im Moment scheint jedenfalls zu gelten, dass eine ordentliche Stadt im 21. Jahrhundert auch hierzulande dringend ihr Hochhaus braucht – oder lieber deren zwei, drei.

Kommentare erinnern an den Besuch in der etwas schwierigen Kunstausstellung. Vor manchem Kunstwerk ertönt die Frage: «Wie gefällt dir das?» Beim anspruchsvollen Kunstwerk und beim Hochhaus führt die Frage nach dem Gefallen aber auf den Holzweg. Ein Hochhaus ist als gebautes Objekt an sich eigentlich gar nicht zu beurteilen. Entscheidend ist, was mit dem Kraftpaket an Volumen und Technik im konkreten Umfeld städtebaulich angestellt wird. Und ob sich das auch rechnet?

Es wird öffentlich zurzeit viel über Hochhäuser verhandelt. Das «Hochparterre» diagnostiziert in der Augustausgabe einen eigentlichen «Stimmungsumschwung gegenüber dem Hochhaus». An der ETH widmet sich diesen Herbst ein Seminar dem Thema. Und das Zürcher Museum für Gestaltung zeigt gerade die Ausstellung «Hochhaus – Wunsch und Wirklichkeit».

Es ist natürlich viel Mode mit im Spiel und die Tatsache, dass gerade ein paar grosse Namen der Schweizer Architektur in diversen Städten vertikal überragend ihre Potenz bestätigen: Scheitlin-Syfrig und Partner in Zug, Marques und Bühler in Luzern, Max Dudler, Diener & Diener und Gigon-Guyer in Zürich. Am höchsten hinauf will Basel mit dem Roche-Turm von Herzog und De Meuron.

Medial feiern im Schlepptau solcher Debatten meist die hartnäckigsten Klischees Urstände. Wie das schiere Mantra wurde in den letzten Jahren heruntergebetet, heroisch in den Himmel ragende Hochbauten seien dem demokratischen Geist unseres Landes nicht zuträglich. Exoten seien hier unbeliebt.

Die unverdächtig tiefstapelnde Horizontale, das war unser raumplanerisches Credo. Die Devise erweist sich zunehmend als Bumerang. Statt mutiger Setzungen wuchert im Schweizer Mittelland ein Siedlungsbrei, der von Schaffhausen bis Genf ästhetisch zwischen purer Katastrophe und ödem Mittelmass flattert. Hauptsache: Jedem sein Häuschen, solange es die Bank bezahlt.

Überdrehte Heilserwartungen ans Hochhaus sind aber nicht minder schief. Der Dreisatz des gesunden Menschenverstandes scheint zwar einfach. Da ist ein kleines Land mit hoher Bevölkerungsdichte und hat wenig freies Bauland. Ergo: Es muss in die Höhe bauen. Bald jeder Städteplaner des Landes wird im Anblick der rasenden Zersiedelung regelmässig das Gebot der Verdichtung anrufen.

Am diesjährigen Städtetag des hiesigen Städteverbands von letzter Woche in Neuenburg forderte auch die Direktorin Renate Amstutz, dass das unbestrittene Postulat des «verdichteten Bauens» nun endlich zu konkretisieren sei. Siedlungspolitisch schiene die Rechnung also schnell gemacht. Bodenknappheit und Bevölkerungswachstum sind künftig nur noch himmelwärts beizukommen.

Hört man dieser Tage nun aber etwas detaillierter, wer gerade daran ist, sich in den neuen Hochsitzen einzunisten, wird schnell klar, dass da nur rein kommt, wer das grosse Geld hat. Eine nachhaltige Hochhauspolitik wird nur vorlegen können, wer die Investoren erster Güte im Boot hat. Darum benennen sich die neuen Hochbauten auch allesamt in Anlehnung an Big Business und International Style.

Was hoch hinaus will, muss nach 9/11 zwar nicht mehr zwingend ein World Trade Center sein, aber ein Tower auf jeden Fall. In meinem Kopf überlappen sich da gleich zwei Dinge, die eigentlich gar nicht zusammengehören, aber im Hirn doch merkwürdig nahe beieinander lagern – «too big to fail.» Warum wohl? Die Himmelsstürmer unter den Städtebauern werden nur flott weiterbauen, solange unsere zwei prominentesten Finanzinstitute erfolgreich wirtschaften.

Ganz gewiss wird es aber noch lange dauern, bis der portugiesische Steinhauer, der während Wochen kniend das Kopfsteinpflaster vor dem Tower gesetzt hat, in eine der obersten Wohnungen des Hochhauses einziehen kann – «too small to win». Hier wird einmal mehr nur für die Reichen gebaut, ob es uns passt oder nicht. Da kommt mir ein weiteres Postulat in den Sinn, das am Städtetag in Neuenburg hochgehalten wurde. So schrieb die NZZ: «Wo Quartiere nachträglich verdichtet werden sollen, ist Respekt vor dem Gewachsenen unabdingbar.»

Wollten jüngst nicht diverse Gemeinden spezielle Wohnzonen für Bestverdienende anlegen? Das wäre doch wunderbar. Statt der wuchernden Individualitäten in Form von Einfamilienhäusern bauen sich diese Gemeinden ein paar Hochhäuser für zugezogene Superreiche. Mit dem Formular für Pauschalversteuerung kommt quasi frei Haus auch gleich der Kaufvertrag für ein Appartement mit bester Aussicht und Roomservice. Man stelle sich Wollerau vor ohne diese üppigen Geröllhalden von Villen und Villetten. Und stattdessen präzis und gut gebaute drei, vier Hochhäuser. Das Dorf wäre wieder denen überlassen, die es auch wirklich beleben.

Oder warum nicht im Seefeld in Zürich einige Türme setzen, damit das Quartier den Familien und Kreativen erhalten bleibt, die es seit vielen Jahren bewohnen? Fazit: Wer hoch hinaus will und das nötige Kleingeld hat, soll es bekommen. Und wer unten bleiben will, weil es ihm dort gefällt, sei weiterhin willkommen.

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