VON KARIN MÜLLER

Die Grippewelle ist in vollem Gang, doch die Impfbereitschaft des Pflegepersonals in den Deutschschweizer Spitälern ist an einem kleinen Ort, wie eine «Sonntag»-Umfrage zeigt. Wie verantwortungsvoll ist es den Patienten gegenüber, wenn sich Krankenschwestern und Pflegende in Kliniken nicht gegen die saisonale Grippe impfen? «Die Ablehnung begründen viele Mitarbeitenden unter anderem mit der Erfahrung des letzten Jahres: Man habe panische Angst geschürt und dann sei nichts passiert. Zusätzlich spielte die bekannte Zentralschweizer Impfskepsis eine Rolle», sagt Dr. Marco Rossi, Infektiologe des Luzerner Kantonsspitals.

Roswitha Koch vom Schweizerischen Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer (SBK) bestätigt diese Tendenz: «Die Pandemiewarnungen im letzten Jahr und was sich tatsächlich daraus entwickelte, bestätigte impfkritische Personen in ihrer Haltung.» Koch selbst ist eine Impfbefürworterin. Das Problem sei bekannt. «Und wir informieren jeden Herbst vor Anlaufen der Grippewelle die Pflegenden. Doch wehren wir uns dagegen, dass das Pflegepersonal an den Pranger gestellt wird.» Professor Beda Stadler vom Institut für Immunologie am Inselspital Bern findet deutliche Worte: «Es ist reine Blödheit und unprofessionell, sich nicht impfen zu lassen, wenn man im Spital arbeitet.» Der einzige Trost bestehe darin, dass der Prozentsatz bei den leitenden Ärzten höher sei.

Auch Professor Pietro Vernazza, Infektiologe am Kantonsspital St. Gallen, kennt dieses Problem: «Die Pflegenden lassen sich problemlos gegen Hirnhautentzündung oder Windpocken impfen. Doch bei der jährlichen Grippeimpfung spielen Ängste mit, von denen unklar ist, woher sie rühren.»

Der grosse Widerstand des Pflegepersonals macht sich in St. Gallen besonders deutlich. Zwischen sechs bis acht Prozent der Pflegefachfrauen und -männer haben sich gegen die saisonale Grippe impfen lassen. Vernazza weiss aus Erfahrung, dass diese Antihaltung in Pflegefachschulen gefördert wird. Zudem, so Vernazza, wurde eine Studie, die eher impfbefürwortende Argumente vertrat, als Artikel für das Magazin des SBK vom Vorstand abgewiesen. «Aus dieser Problematik heraus überlegten wir uns, ob wir während eines Jahres eine spitalinterne PR-Kampagne für die Grippeimpfung machen sollten», so Professor Vernazza weiter.

Die Diskussionen dazu sind noch nicht abgeschlossen. Die Immunologen sind sich einig, dass die Grippeimpfung eine verträgliche Massnahme wäre, bei der niemand Schaden nimmt. Internationale Studien zeigen, dass in Kliniken, wo 50 Prozent der Mitarbeitenden gegen Grippe geimpft werden, die Mortalität der Patienten während der Grippewelle signifikant sinkt.

Pflegefachfrau Roswitha Koch stellt einen klaren Informationsmissstand zwischen den Begriffen Erkältung und Grippe fest. «Oft ist jemand nur erkältet und sagt, er hätte die Grippe. Aus diesem Grund wird eine Grippe als harmloser empfunden, als sie ist», erklärt sie. Der SBK investiert viel Zeit in die Aufklärung. Doch ein Umdenken sei nicht von heute auf morgen möglich.

Das Berner Inselspital konnte die Rate der Impfwilligen massiv erhöhen, seit sich die Mitarbeitenden direkt auf der Abteilung impfen lassen können. Mit klinikinternen Impfpromotoren versuchte man dieses Jahr erstmals, die Impfrate zusätzlich zu verbessern. Personalärztin Bettina Lämmli: «Pro Abteilung haben wir einen Impfpromotor. Diese Mitarbeitenden wurden vor ihrem Einsatz intensiv geschult.» Das Resultat der geleisteten Überzeugungsarbeit kann sich sehen lassen: 28,8 Prozent der Mitarbeitenden sind gegen die saisonale Grippe geimpft.

In Amerika sind laut Aussagen des Berner Immunologen Beda Stadler alle von der Regierung empfohlenen Impfungen für Kinder obligatorisch. «Viele Spitäler verlangen von ihrem Personal zudem, sich gegen die Grippe zu impfen. Das Virginia Mason Medical Center in Seattle beispielsweise erreichte dadurch eine Durchimpfung von 96 Prozent. Stadlers Forderung ist klar: «Jeder, der in einem Spital arbeitet, sollte beim Antritt seiner Stelle einen Impfausweis vorlegen müssen.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!