Die Polemik um Steuerstreit und «Masseneinwanderung» von Deutschen täuscht darüber hinweg, dass sich die Menschen in den beiden Ländern vielleicht noch nie so nah waren wie heute. Genauso, wie deutsche Arbeitskräfte zu uns kommen, gehen Schweizer nach Deutschland – im Verhältnis zur Bevölkerung sogar noch zahlreicher. Berlin ist zu einem Hotspot für Jungunternehmer, Kulturschaffende und Studenten geworden. Und Schweizer Firmen tragen kräftig bei zu den «blühenden Landschaften». Zum Beispiel Peter Spuhlers Stadler Rail, auf deren Areal wir ein sozialistisches Denkmal entdeckten.

Schweizer schauen mehr deutsches Fernsehen denn je, fahren mehr deutsche Autos denn je, und die deutsche Fussball-Nationalmannschaft, die war uns auch schon unsympathischer. Umgekehrt hat die Bewunderung, welche die meisten Deutschen der Schweiz entgegenbringen, kaum gelitten. Das haben unsere Gespräche mit Politikern und Otto Normalverbraucher gleichermassen gezeigt.

Das Schweiz-Bild ist weit besser, als Kurzstatements deutscher Politiker am TV vermuten lassen. Genüsslich wies uns Finanzminister Wolfgang Schäuble beim Interview darauf hin, dass der Versuch einiger SPD-Politiker, mit Schweiz-Bashing bei den Wählern zu punkten, fehlgeschlagen sei: «Nun schicken sie die Kavallerie gegen die Amerikaner los.»

Meine eindrücklichste Begegnung fand im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen statt. Der 69-jährige Wolfgang Warnke sass dort ein, weil er einem Freund zur Flucht verhelfen wollte. Eine fensterlose Zelle, Schlafentzug, psychische Folter: Der Mann erzählte zwei Stunden lang von den Torturen. Erst vor 24 Jahren brach die Schreckensherrschaft der Kommunisten zusammen.

Auf Schritt und Tritt begegnet man in Berlin den Narben der Geschichte. Es sind Brüche, die in der jüngeren Schweizer Geschichte zum Glück fehlen, von denen aber auch wir lernen können. Vor allem eines: Die Freiheit, die für uns so selbstverständlich scheint, ist nicht gottgegeben. Man muss sie sich immer wieder erkämpfen. Im Grossen und im Kleinen.

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