Abt Martin, wie beurteilen Sie die Verschärfungen im Asylrecht, die der Nationalrat beschlossen hat?
Abt Martin Werlen: Heute ist der Flüchtlingssonntag, und da ist es die Aufgabe der Kirche, in aller Öffentlichkeit zu zeigen, wie wichtig die Wertschätzung gegenüber jedem Menschen ist, unabhängig davon, aus welcher Kultur er kommt. Als ich die Debatte im Nationalrat verfolgt habe, erschrak ich, wie wenig diese Wertschätzung spürbar ist. Die Kirche muss unablässig darauf aufmerksam machen, dass die Achtung vor anderen Menschen ein hohes Gut ist – leider scheint das im Nationalrat nicht mehr selbstverständlich zu sein.

Der Nationalrat hat die Sozialhilfe für Asylbewerber abgeschafft, neu sollen sie nur noch Nothilfe erhalten – 8 Franken für alle Mahlzeiten pro Tag. Was halten Sie davon?
Es ist nicht fair, wenn wir Asylbewerber auf eine Art behandeln, wie wir selber nie behandelt werden möchten. Das ist beschämend – ebenso, wenn argumentiert wird, es gebe auch Schweizer, die mit wenig Geld auskommen müssten. Das ist ein Missstand, den wir in unserem Land angehen sollten – aber nicht, indem wir denselben Missstand auf Fremde anwenden!

Es herrscht in der Bevölkerung doch die Meinung vor, dass die Schweiz heute für Asylsuchende zu attraktiv ist.
Wir sollten dankbar sein, dass es den meisten Menschen in unserem Land gut geht – auch dank denjenigen, die aus anderen Kulturen gekommen sind und hierzulande ihren Beitrag leisten. Ohne sie hätten wir nie diesen Lebensstandard. Wir dürfen nicht nur kurzfristig auf unseren eigenen Vorteil bedacht sein. Das kann langfristig nicht aufgehen in einer Welt mit offenen Grenzen. Wir alle tragen Verantwortung.

Was meinen Sie mit Verantwortung?
Erstens sollte die Schweiz dazu beitragen, dass auf dieser Welt weniger Menschen aus ihrer eigenen Heimat flüchten müssen. Und sie sollte zweitens diejenigen würdig behandeln, denen nur die Flucht bleibt. Das kann jedem Menschen passieren – auch uns Schweizerinnen und Schweizern!

Ist dieses Bewusstsein verloren gegangen?
Ja, die Bereitschaft ist leider geschwunden, nach Lösungen zu suchen, die möglichst allen gerecht werden – und nicht nur kurzfristig für uns selber vorteilhaft scheinen. Es lässt sich in der Politik die populistische Tendenz beobachten, dass Scheinlösungen beschlossen werden, die im Moment Wählerstimmen bringen, aber nicht langfristig und nachhaltig angelegt sind.

Die Asyl-Verschärfungen wurden mehrheitlich von den CVP-Nationalräten mitgetragen. Sind auch diese dem Populismus verfallen?
Ich betone, dass es auch CVP-Politikerinnen und -Politiker gibt, die gegen diese Verschärfungen Stellung nahmen. Aber leider ist es schon so: Man glaubt, es sei erfolgversprechender bei der Wählerschaft, sich gegen die eigenen Prinzipien zu stellen. Das halte ich für bedenklich: Es wird versucht, sich auf Kosten von Menschen in Not zu profilieren. Vor dem Hintergrund unserer Glaubenstradition kann ich das nicht nachvollziehen. Man muss doch einem Menschen erst mal Wertschätzung entgegenbringen und ihm vertrauen – und nicht reflexartig misstrauisch sein. Eine Partei, die sich christlich nennt, ist hier besonders herausgefordert.

Viele Politiker sind der Meinung: Es ist genug, wenn ein Asylsuchender ein Dach über dem Kopf hat, Verpflegung und medizinische Versorgung bekommt. Reicht das denn nicht?
So spricht nur jemand, der sicher zu sein glaubt, dass er selber nie in eine solche Situation kommt. Haben wir schon vergessen, dass im vorletzten und letzten Jahrhundert viele Schweizer aus wirtschaftlichen Gründen ausgewandert sind – zum Beispiel in die USA und nach Argentinien? Sie konnten neue Existenzen aufbauen, weil man ihnen das dort ermöglicht hat.

Die Kirche wird oft kritisiert, wenn sie sich in die Politik einmischt und sich für Flüchtlinge einsetzt. Warum tun Sie es trotzdem?
Die Achtung vor dem Menschen ist ein Kernthema der Kirche. Da darf sie nicht schweigen. Papst Johannes Paul II. hat gesagt: Die Liebe zu den Geringsten, zu den Fremden, zu den Kranken – darin zeigt sich die Treue der Kirche zu Christus nicht weniger als in der Rechtgläubigkeit.

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