«Du schreist, was du in deinem Herzen hast!», ruft der Mann auf der Bühne. Seine Stimme wird weinerlich, aber laut: «Jesus Christus, rette meine Seele! Jesus, errette mich jetzt!» Die 6500 Besucher, die am vergangenen Wochenende ins Zürcher Hallenstadion gekommen waren, jubeln, klatschen, schreien. Rote Luftballons steigen in die Luft, dann tritt eine Band auf die Bühne, es ertönt laute Rockmusik. Die Macher des International Christian Fellowship, kurz ICF, sind Meister der Inszenierung.

Immer ganz vorne dabei: Leo Bigger, einer der Gründer der Freikirche und die wohl schillerndste Figur im ICFFührungsteam. Der 42-jährige gelernte Offset-Drucker, der seinen Anhängern schon mal den Teufel austreibt, ist der Hauptgrund, warum aus dem kleinen Verein ICF mittlerweile ein Millionen-Unternehmen geworden ist, das jeden Sonntag mehrere Gottesdienste in einer Halle auf dem Maag-Areal in Zürich veranstaltet.

Der ICF produziert CDs, vertreibt Bücher und unterhält ein eigenes College. Einer der Songs aus dem ICF-Imperium schaffte es vergangene Woche sogar als Nummer 1 in die Hitliste des Online-Shops iTunes. «Der ICF ist eine Luxuskirche», sagt der Religionsforscher Georg Otto Schmid.

So viel Luxus kostet. Doch der ICF muss sich um Geld kaum Sorgen machen. Rund 4 Millionen Franken hat die Freikirche im vergangenen Jahr eingenommen. Gut 90 Prozent davon sind Spenden der Mitglieder. Sie geben ihr Geld als so genannten «Zehnten» – also freiwillig. Und das nicht zu knapp. Nach Angaben des ICF spenden rund 1000 Anhänger 3,6 Millionen pro Jahr – das macht jährlich 3600 Franken pro Kopf. Zum Vergleich: Die Kirchensteuer bei den Reformierten beträgt etwa rund 0,5 Prozent des Einkommens – und damit ein Vielfaches weniger als das, was die meist jungen Anhänger dem ICF zahlen.

Auch die ICF-Gemeinde in Bern hat offenbar keine finanziellen Sorgen: Wie vergangene Woche bekannt wurde, hat sie für 4 Millionen Franken zwei Stockwerke in einer Liegenschaft an guter Lage in der Stadt Bern gekauft – und vermietet Teile davon nun an die Universität weiter.

«Wenn bei uns ein grosses Projekt ansteht, dann sage ich meinen Leuten: Geht in diesem Monat weniger ins Kino, geht weniger Essen und kauft eine Jeans weniger. Und schon habt ihr Geld, das ihr uns spenden könnt», erklärt Pastor Leo Bigger seine Finanzierungs-Strategie. Auch er selbst verdient nicht schlecht: Pro Monat erhält er einen Bruttolohn von 8500 Franken. Hinzu kommt eine ICF-interne Kinderzulage von 600 Franken. Ausserdem erhält der Pastor grosszügige Spesenzulagen.

Nach Abzug aller Auslagen versteuerte Bigger 2009 ein Einkommen von 83 900 Franken – 8700 Franken mehr als im Vorjahr. Sechs Jahre zuvor, im Jahr 2003, waren es sogar nur 26 600 Franken gewesen. Je grösser die Kirche wurde, desto grösser fiel auch Biggers Verdienst aus.

«Am Ende bleiben mir und meiner Familie im Moment etwa 7500 Franken im Monat», sagt Bigger dem «Sonntag». Schliesslich habe er grosse Auslagen, etwa die Kleidung und das Make-up für seine zahlreichen Fernseh-Auftritte. Auch wenn er einen Gottesdienst hält, geht der Pastor zuvor in die Maske. Alles muss perfekt sein. «Ausserdem spende ich mehr als nur 10 Prozent der Gemeinde», so Bigger. Auch der Erlös aus seinen Büchern, seinen Fernseh-Predigten und Honorare für Trauungen gingen restlos an den ICF. Bigger: «Ich selbst verdiene daran keinen Franken.»

Dennoch arbeitet er mit vollem Einsatz daran, das ICF-Imperium weiter zu vergrössern: Mittlerweile kommen jeden Sonntag bis zu 10 000 Menschen in die Gottesdienste der Freikirche, die an 16 Standorten in der Schweiz präsent ist. Dabei hat jede Gemeinde ihr eigenes Budget. Auch in Deutschland, Tschechien, Spanien, Österreich und Albanien ist der ICF aktiv. Weitere Ableger sind in Rom und Mailand geplant.

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