Herr Meier, in der Schweiz stehen die Wahlen bevor. Gehen Sie am 23. Oktober an die Urne?
Dieter Meier: Nein, ich gehe nicht wählen. Ich bin in den USA gemeldet, und als Auslandschweizer ist Wählen kompliziert. Ausserdem bin ich wahnsinnig wahlfaul. Es ist eine Schande.

Interessiert Sie Politik nicht?
Doch. Ich mische mich gerne ein und bin auch einigermassen informiert. Ich lese jeden Tag mehrere Zeitungen. Aber ich hatte schon als Student Mühe, Organisationen anzugehören und «Ho-Ho-Ho Chi Minh» zu schreien. Ich bin mehr Anarchist als ein politisch organisierter Mensch. Damit meine ich nicht Bomben legen, sondern das Durchbrechen von Regeln, von Systemen, eine Art permanente persönliche Revolution, immer parat, etwas Neues zu lernen.

Was sagen Sie als 68er zu den Jugendkrawallen, die derzeit Zürich und Basel beschäftigen?
Sie scheinen mir eine komplizierte Mischung zu sein aus berechtigten Anliegen, die man vertreten kann und muss, und dem, was wir aus dem Fussball kennen – Gewaltbereitschaft aus einem Gewaltbedürfnis heraus. Das ist eine traurige Perversion, die man als Krankheitsbild unserer Gesellschaft verstehen muss.

Gewisse Kommentatoren finden, die Jungen hätten gar nichts mehr, wogegen Sie sich auflehnen müssten. Sehen Sie das auch so?
Nein, natürlich gibt es wichtige Anliegen. Sinnvoll wäre zum Beispiel, die Jungen würden der SVP die Stirn bieten. Die Schweiz soll keine Bananenrepublik werden. Ich bin froh, dass es jetzt endlich mehr Transparenz in der Finanzierung von Abstimmungskämpfen geben soll. Es kann doch nicht sein, dass einige Milliardäre aus ihrer Portokasse unsinnige Anliegen finanzieren und ein falsch verstandenes Schweizertum salonfähig machen. Ich habe übrigens nichts gegen eine rechtskonservative Partei, eine rechtskonservative Partei gehört zur Schweiz. Aber die SVP ist eine populistisch-opportunistische Volksverhetzungspartei, die mit Stammtischparolen Klamauk macht und Stimmungen schürt, die den Schweizer Werten widersprechen.

Wie meinen Sie das?
Nehmen Sie das Minarettverbot: Unsere Verfassung garantiert Religionsfreiheit. Das Verbot ist eine Schande für unser Land, ebenso wie das Argument, wir könnten ja in Muslimstaaten auch keine Kirchen bauen. Damit drücken wir uns runter aufs Niveau von Staaten, die in der Demokratieentwicklung mindestens 100 Jahre Rückstand auf uns haben. Mit diesem Vergleich könnte man ja jedes Unrecht auf der Welt rechtfertigen.

Können Sie die Angst vor dem Verlust der Identität durch die Zuwanderung nicht nachvollziehen?
Ich verstehe die Angst der Leute vor dem Fremden. Aber es wäre die Aufgabe der Politik, die Ängste abzubauen und die Integration zu stärken. Sodass auch junge Menschen, deren Name mit «ic» endet, eine Lehrstelle finden. Die SVP hingegen züchtet die Angst. Das beste Beispiel für ihr irrationales Stammtischgepolter ist ihre Familienpolitik: Sie wollen die Frau am Herd und wehren sich gegen Tagesschulen. Das Fehlen von Tagesschulen führt aber dazu, dass viele Frauen keine Kinder haben, was wiederum dazu führt, dass wir mehr Fremde in die Schweiz holen müssen. Das ist absolut widersinnig. Aber ich glaube an die politische Vernunft der Schweizer. Wir hatten schon James Schwarzenbach, und der ist sang- und klanglos wieder verschwunden. Auch Christoph Blocher wird rückblickend ein Irrlicht sein. Auch wenn er uns davor bewahrt hat, der EU beizutreten.

Teilen Sie Blochers EU-Kritik?
Grundsätzlich bin ich für einen Staatenverbund. Aber ich bin gegen die real existierende EU. Sie ist eine Fehlkonstruktion, die Euro-Krise zum Beispiel wird nicht vorbeigehen. Ohne politische Einheit kann man keine Einheitswährung haben. Die Linken wollen in die EU, sie wollen mehr zentrale Macht, verbunden mit wenig überprüfbarer Verantwortung.

Sie leben viel im Ausland. Wie hat sich das Schweiz-Bild im Ausland geändert?
Der Kapitalismus befindet sich in einer Systemkrise. Die Parallelwirtschaft in der Finanzwirtschaft, dieses abgekoppelte Casino, wo in Sekunden Milliarden verschoben werden, das lässt sich nicht zähmen. Selbstverständlich kam die Schweiz als überproportional grosser Player und Steueroase in ein schlechtes Licht.

Das klingt wenig hoffnungsvoll.
Die Zeiten, in denen die Nationalstaaten dem kapitalistischen Zwang zu immer mehr Rendite etwas entgegensetzen konnten, sind vorbei. Marx hat schon gesagt, Globalisierung wird dem Nationalstaat die Bedeutung als moralisch-ethische Instanz nehmen. Das andere grosse Problem ist, dass wir nicht mehr in einer Gesellschaft leben, die das Problem hat, versorgt zu werden, sondern im Gegenteil die Produktion abzusetzen.

Wo endet das?
Der Kapitalismus ist in Zeiten von Überproduktion immer in den Krieg ausgewichen. Denn in einem Krieg erholt sich die übersättigte Wirtschaft: Alles wird kaputt geschlagen, und dann kann alles wieder von vorne beginnen. Diese Möglichkeit besteht zum Glück nicht mehr. Es wird in Europa in absehbarer Zeit keine militärischen Konflikte geben. In Zukunft wird Kapital in wirtschaftlichen Konflikten kriegsartig zerstört: über Hyperinflationen, gewaltige Abschreibungen, Bankenzusammenbrüche. Der nächste Weltkrieg wird nicht mit Waffen geführt, sondern mit Wirtschaft. Dieser Zusammenbruch wird kommen.

Sie setzten dieser ausweglosen Krise etwas Hoffnungsvolles entgegen: ein Kinderbuch.
Die Krise könnte der Anfang einer positiven Veränderung sein. Ich bilde mir nicht ein, mit meinem Kinderbuch etwas entgegenzusetzen. Wir haben vier Kinder, und dem jüngsten Sohn habe ich jeweils, wenn ich auf der Rudermaschine trainiert habe, Geschichten erzählt. Das hatte zwei Vorteile: Solange ich noch zum Rudern reden konnte, war klar, dass mein Puls richtig ist, und mein Sohn war zufrieden. Das Kinderbuch ist die Geschichte der Maus Oskar, der alle an den Pelz wollen. Deshalb lässt sie sich in einen Tiger verwandeln und merkt erst dann, dass sie nun selbst zum Raubtier geworden ist. Das passt Oskar auch nicht, und er lässt sich wieder zurückverwandeln, allerdings mit einer Einschränkung: Er behält die Stimme des Tigers und verscheucht so seine Feinde. Mit Akustik schafft er sich Freiräume.

Eine Parabel auf das eigene Leben: Mit Akustik Freiräume schaffen?
Ich war jahrelang ein Nichtsnutz, war Berufsspieler, hatte grosse Probleme, überhaupt etwas mit dem Leben anzufangen, und mehr per Zufall ist dann etwas daraus geworden.

Und zwar ziemlich viel, wie Ihr autobiografisches Bilderbuch zeigt.
Das Buch soll anderen Leuten Mut machen, selber etwas zu unternehmen, auszuprobieren. Es soll das Gegenteil einer Heroisierung sein. Wenn man mein Leben anschaut, könnte man denken, das ist ja wahnsinnig, was der alles gemacht hat, aber das ist ja alles Zufall, Glück. Es ist alles aus dem Chaos entstanden. Deshalb heisst das Buch auch «Out of Chaos».

Ist auch Yello aus Zufall entstanden?
Yello ist der grösste Zufall überhaupt. Ich kann keine Noten lesen, habe kein Instrument gespielt. In der Primarschule nahm mir der Lehrer bei einer Aufführung sogar die Blockflöte weg und steckte mir ein Lineal ins Maul, damit ich keine falschen Töne von mir geben konnte. Ich hatte immer eine Affinität zu Tönen, Klängen, zu Sprechgesang – vertonte meine ersten Experimentalfilme selber mit allerlei Gegenständen, die ich gerade vorfand. Und so stand ich plötzlich mit Punkbands auf Bühnen, hatte eine erste Single. Boris Blank hat sie gehört, hat mir dann seine Musik zum Hören gegeben. So kamen wir zusammen. Von da an bin ich in den Klangbildern von Boris aufgetreten, als Gast sozusagen.

Und schon kam der Erfolg.
Unsere zweite Maxisingle «Bostich» wurde in der Black Community in den USA ein Riesenhit, und ich weiss bis heute nicht, wie die Platte dorthin geraten ist. Wir wurden über Nacht bekannt. Ein paar tiefsinnige Musikkritiker in der Schweiz glaubten, wir hätten das alles genau geplant. Das ist vollständiger Unsinn. Wir haben am Küchentisch in der Roten Fabrik mit Tapes und Synthesizern herumgespielt, Boris war zufrieden, dass er für seine Musik leben konnte. Für ihn ist das Musikmachen lebensnotwendiger Sauerstoff. Ausprobieren, basteln – das ist Yello, das ist mein Leben.

Sie sehen sich als Bastler?
Ich bin ein Bastler, der ein paar zehntausend Tage auf der Welt ist. Man hat keine grosse Wahl: Man ist, wer man ist, man ist sein Charakter. Ich umkreise Themen, bin wie ein Pilz. Pilze haben ein Geflecht unter der Erde, das ist die Anlage. Wenn dann tatsächlich etwas wächst, kommt mir das wie ein Wunder vor. Ich staune wie ein Aussenstehender.

Sie haben immer wieder etwas Neues gemacht: Musik, Filme, Bioweine. Wieso diese Wechsel?
Ich habe eine angeborene Neugier, ein Interesse. Schon als Kind habe ich immer gerne etwas Neues kennen gelernt. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern meinem Bruder und mir die Zuversicht gaben, auch Scheitern zu können. Wir hatten vor nichts Angst. Wir hatten auch nicht Angst davor, dass Leute schlecht über uns reden.

Wie hat sich das ausgewirkt?
Als ich mit meinen Strassenaktionen angefangen habe, war das für meine Eltern nicht einfach. Sie mussten sich immer wieder diese Frage anhören: Wie geht es denn dem Dieter? In dieser Frage steckte unterschwellig der Verdacht, ich sei schon in der Klapsmühle oder im Knast. Als ich 1976 die Metall-Zählerei gemacht habe, da hat mein Vater eine Bank geleitet. Ich war total unbekannt, dennoch berichtete die NZZ mit Bild über mich, wie ich täglich auf der Strasse sass und mit langen Haaren und dickem Mantel Schraubenköpfe abzählte. Das Bild lag überall in der Bank meines Vaters herum. Er ist dann vorbeigekommen und hat mit einem Abstand von 150 Metern geschaut, was ich mache. Das war eine enorme Provokation, dieses absolute Nichts. Jeder kann das, es ist dumm, bringt niemandem etwas. Aber, und das war das Entscheidende: Ich wollte das und habe es gemacht. Darum ist es gegangen.

Sie konnten sich die Künstlerkarriere leisten, weil Sie aus wohlhabendem Haus stammten.
Ich wusste, dass ich dank der materiellen Unabhängigkeit nicht untergehen konnte, das war sicher ein Vorteil. So gesehen hat dieser Vorwurf seine Berechtigung. Aber der soziale Zwang, sich in einer wohlhabend-bürgerlichen Oberschicht nützlich zu betätigen, ist viel stärker ausgeprägt als anderswo. Das Gefängnis im Kopf ist viel stärker.

Sie hatten aber die Freiheit, alles ausprobieren zu können.
Wenn du nichts machen musst, stellst du blödsinnige Ansprüche an dich selbst. Wenn du liefern musst, ist irgendwann Schluss mit Zweifel, denn du musst davon leben. Der Grund, warum ich als knapp Zwanzigjähriger in die Sucht der Spielerei abgetaucht bin, kam aus dieser Verzweiflung, nichts zustande zu bringen. Wenn ich am Pokertisch sass, war das «Busy surviving», ein permanenter Überlebenskampf. Das Schlimme beim Entzug von Süchten ist nicht das fehlende Gift, sondern der Entzug des Lebenssinns. In meiner Zeit als Spielsüchtiger wusste ich wirklich nicht, was sonst machen. Ich gab den Leuten sogar Geld, damit sie gegen mich spielten.

Soeben haben Yello ihre neue Single «Mean Monday» veröffentlicht. Kommt bald mehr?
Ja, wir arbeiten dran. Wir werden wohl eher häufiger Singles herausgeben. Aber sonst ist bei Yello alles wie immer: Boris lebt im Studio, ich irgendwo – und komme dann später dazu, höre das Stück und singe dann etwas dazu, bin Gast in seiner Klangwelt. Boris hat eine sehr spezielle Arbeitsmethode. Er ist wie ein Maler, der 70, 80 Leinwände gleichzeitig bearbeitet. Das Abenteuer des Malens, sich unvoreingenommen diesem Prozess auszuliefern und sich treiben zu lassen, das macht seine Musik auch so interessant. Wir haben Millionen von Platten verkauft, das Fehlen eines äusseren Zwangs macht das Abschliessen dieses Prozesses eher schwieriger. Für Boris gilt, was der Filmregisseur Kieslowski einmal gesagt hat: «Ein Film ist nie fertig, es gibt lediglich den Zeitpunkt, wo man ihn dem Regisseur wegnimmt.»

Wir hörten, Sie arbeiten auch an einer Möbel-Linie?
Ich arbeite mit einem jungen Designer an einem Projekt, das «Touch» heisst. Wir wollen billige industriegefertigte Plastikstühle aus Asien importieren und diese auf Sitzfläche und Armlehnen mit Leder veredeln. Unser Motto ist: «Wherever you get in touch with that chair, its like a Rolls Royce.» Die Idee habe ich in meinem kleinen VW Lupo ausprobiert, den ich seit 15 Jahren fahre. Der Wagen ist gut, innen hatte er jedoch ein unangenehmes Polyester-Polster. Deshalb liess ich ihn mit rotem Leder ausstatten, und so fahre ich Bentley, ohne dass es jemand sieht.

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