Die Nachricht: Im Gastkommentar der vorletzten «Sonntag»-Ausgabe äusserte sich Martin Wagner, ehemaliger Verleger der «Basler Zeitung», über die «wahltaktische Europafeindlichkeit» der SVP im Allgemeinen und Christoph Blocher im Speziellen. Wagner störte sich insbesondere an Blochers «schaurigem Prinzip, das er bis zum Exzess auslebt» und dessen Motto: «Die Menschen sind Mittel zum Zweck». Rocklegende Chris von Rohr («Meh Dräck») sieht das anders. Eine Replik.

Der Kommentar: Eines gleich vorweg – ich gehöre keiner Partei an. Ich stehe weder links noch rechts, bin weder rot, schwarz noch grün. Ich bin Rock ’n’ Roller! Was heisst das? Ich gehe konsequent meinen Weg, folge leidenschaftlich meinem Instinkt, mache mir selbst ein Bild der Gegebenheiten und des Gelesenen. Ich weiss, dass jede These eine Antithese, jede Münze zwei Seiten hat. Auch glaube ich langsam zu wissen, ob das, was gewisse Menschen sagen und dann auch tun, im Einklang ist – wem ich trauen kann und wem nicht. Körpersprache, Dekor und Humor verraten vieles.

Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Gute Politiker sind die, die für uns Geld sparen und das uns abgenommene Geld sinnvoll und weitsichtig einsetzen. Ich kenne nur wenige Politiker, die glaubwürdig gegen alle Widerstände für eine Idee oder die Anliegen des Volkes kämpfen. Oft stehen leider Amtserhaltung, Sold oder Eitelkeit im Vordergrund. Dieses Jahr können die Schweizer wieder ihre Favoriten wählen – diejenigen, denen sie zutrauen, die Politgeschäfte für sie in die Hand zu nehmen –, auf dass es uns allen gut geht und wir noch freudiger Steuern und Abgaben bezahlen. Es ist mir voll bewusst, dass wir uns hierzulande auf einem sehr hohen Niveau bewegen, und zwar was Kosten und Wohlstand angeht. Dies zu halten, wird ein Kraftakt sondergleichen.

Nebst der Absichtserklärung zum Atomausstieg durften wir in letzter Zeit wieder vermehrt Anti-Blocher-Hasstiraden lesen. Unter der Gürtellinie wird sogar auf Familienmitglieder geschossen. Sein Führungsstil sei fern jeder Demokratie, unwürdig, faschistoid, Gift für dieses Land und seine Gesellschaft! Nun, diese Verteufelungen hab ich früher auch zu Coca-Cola, Ketchup und den Rolling Stones gehört! Sie haben mich nicht beeindruckt, eher neugierig gemacht. Meist kommt die durchsichtige Güllenhetze von Verletzten, Neidern, Windeiern, gescheiterten oder frustrierten Ex-Weggefährten, die damit auf Stimmenfang gehen. Sie alle bekommen dafür eine Woche volles Scheinwerferlicht und glauben, das Anti-Blocher-Ticket sei schon ein Wahlprogramm und Freifahrtschein für die kommende Polit-Theater-Saison. In Wahrheit erreichen sie damit genau das Gegenteil. Die Wähler sind zwar beeinflussbar, oft etwas träge, aber sicher nicht blöd.

Was wurde über diesen Christoph Blocher schon alles geschrieben, erzählt und heraufbeschwört. Nebst seinen Hassern gibts auch Bewunderer. Viele dürfen es aber öffentlich nicht sagen, da sie ungünstige Konsequenzen befürchten. Klar ist, wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Kamel. Fakt ist: Ohne Blocher wären wir wohl heute schon in der EU, wo plötzlich im Wahljahr verdächtig viele Politiker nicht mehr hin wollen. Der deutsche Schriftsteller Martin Walser, der Blocher ein «Monument der Richtigkeit» nannte, äusserte mal: «Ich habe durch politische Stimmungen Freunde verloren. Wenn ich aber mit jemandem befreundet bin, kann der politisch denken und sagen, was er will. Ich bin mit einem Menschen und nicht mit seiner politischen Meinung befreundet. Warum darf ich Christoph Blocher nicht bewundern? Ich habe so viel Imponierendes über ihn erfahren, von ihm. Neulich wieder so ein Satz, dass die schweizerische Demokratie gerade das institutionalisierte Misstrauen gegenüber Politikern sei. Das sagte er zustimmend. Oder dass es keine schlechten Angestellten gäbe, sondern nur schlechte Chefs. Oder wie er seine Albträume preisgibt. Das würde kein deutscher Politiker je tun. Seine Albträume sind den meinen sehr ähnlich. So etwas verbindet, wenn sie gestatten.»

Die Politik sei durch und durch verludert, meinte einst Max Frisch. Das mag sein. Ich plädiere dafür, dass die wenigen Medien, die sich noch unabhängig der seriösen Recherche verpflichtet fühlen, dies auch vermehrt tun, und zwar bei ALLEN Protagonisten! Ihre Worte, ihre Taten, ihre Leistungsausweise sollten mit der gleichen Elle gemessen und SICHTBAR kritisch unter die Lupe genommen werden. Das würde unserer vielgepriesenen Demokratie, die zunehmend keinerlei Kostentransparenz mehr aufweist und so zur Worthülse verkommt, sehr gut tun.

Wir leben in einer verrückten Zeit, da scheint niemand mehr im Cockpit des Flugzeuges zu sitzen. Kluge Menschen zucken nur mit den Achseln und geben zu, dass sie verwirrt sind. Die horrende Überschuldung der USA und gewisser EU-Länder sowie ihr Währungszerfall und die groben Fehler der Nationalbank werden auch die Schweiz voll treffen. Machen wir uns nichts vor: Anschnallen, dieser Flug wird sehr turbulent.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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