Die Chefin des Luzerner Justizvollzugs, Barbara E. Ludwig, findet klare Worte: «Die Kommentare in den Online-Foren sind teilweise grenzwertig». Die Volksseele kocht, weil Daniel H., der in Rieden bei Baden AG das 16-jährige Au-pair Lucie T. bestialisch ermordete, diese Woche nur zu einer normalen und nicht zu einer lebenslänglichen Verwahrung verurteilt wurde.

Zusätzlich gehen die Emotionen hoch, weil der «Blick» diese Woche publik machte, dass Markus W.*, ein verwahrter 22-facher Vergewaltiger, freigelassen wurde. Kaum draussen, soll er in Basel wieder eine Frau belästigt haben. Seine Freiheit erstritt sich der gemeingefährliche 55-Jährige mit einer Beschwerde beim Luzerner Verwaltungsgericht – gegen den Willen der Justizbehörde.

Die Wut der Bevölkerung bekommen auch die Richter und der Anwalt des verurteilten Mörders zu spüren – in Form von Hass-Mails. Gerichtspräsident Peter Rüegg, der Daniel H. verurteilte, bestätigt: «Es gab Reaktionen. Dass diese wenig schmeichelhaft ausgefallen sind, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.» Auch der Pflichtverteidiger des Mörders, Matthias Fricker, wird verunglimpft.

Viele Hass-Mails erreichen das Luzerner Verwaltungsgericht, das dem verwahrten Serienvergewaltiger Markus W. weitgehende Freiheiten zusprach: «Es gab Beschimpfungen und Drohungen. Das ist für alle sehr belastend», sagt Mascha Santschi, Informationsbeauftragte in Luzern. Nach Recherchen des «Sonntags» nehmen die Drohungen solche Ausmasse an, dass man intern Sicherheitsmassnahmen für die Mitarbeiter prüft. Santschi: «Es geht auch um den Schutz der Gerichtsmitarbeitenden.»

Der Badener Gerichtspräsident Rüegg ist leicht genervt über die Empörung in der Bevölkerung: «Wir haben Daniel H. zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Da spielt es gar nicht so eine grosse Rolle, ob die Verwahrung auch lebenslänglich ist oder nicht. Solange einem Täter keine gute Prognose gestellt werden kann, dass er keine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt, bleibt er im Gefängnis, bis er stirbt.

Das stimmt – wurde aber in der Öffentlichkeit bisher nicht so wahrgenommen. Selbst die Rechtsgelehrten, die sich jahrelang mit der Verwahrungsinitiative beschäftigt haben, reiben sich die Augen: Eine lebenslängliche Verwahrung wird de facto überflüssig, wenn der Täter zu lebenslang verurteilt wird. Das wurde bislang nicht beachtet.

Die lebenslängliche Verwahrung wurde in der Schweiz erst zweimal ausgesprochen. Das letzte Mal vorgestern Freitag in Moutier BE – dort betrug die Freiheitsstrafe an sich nur acht Jahre.

Die Strafjustiz hat sich ganz offensichtlich zu wenig damit auseinandergesetzt, dass lebenslänglich tatsächlich lebenslänglich bedeuten kann. «Der Sonntag» konnte keinen Fall finden, bei dem eine lebenslänglich verurteilte Person ihre Strafe bis zum Tod absitzen musste. Daniel H. könnte zum ersten lebenslänglich verurteilten Mörder werden, der als untherapierbarer Wiederholungstäter wirklich nie mehr rauskommt. Ganz sicher ist das aber nicht: Theoretisch könnte er aufgrund neuer Gutachten dereinst doch freikommen.

Warum aber hat man bislang lebenslängliche Haftstrafen nicht auch lebenslänglich vollzogen?

Seit bald 20 Jahren kommt es immer wieder zu brutalen Verbrechen von gemeingefährlichen Tätern. 1993 ermordet Eric Hauert, der wegen elf Vergewaltigungen und zwei Sexualmorden zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt worden war, im Hafturlaub die junge Pasquale Brumann. Kein Einzelfall. In erschreckender Regelmässigkeit kommt es zu Rückfällen von gefährlichen verwahrten Tätern, die zur Resozialisierung Hafterleichterung erhalten haben.

Dem «Sonntag» liegt aus Justizkreisen eine interne Liste mit Namen von acht Tätern vor, die nach der Freilassung rückfällig geworden sind. Auf der Liste finden sich auch Täter, die noch freikommen sollen, obwohl sie als stark rückfallgefährdet gelten. Das erschreckende Resultat: Die Rückfallquote beträgt bei den Freigelassenen 100 Prozent! Das heisst, ausnahmslos alle wurden wieder straffällig.

Gestützt wird das Resultat durch eine Erhebung von Frank Urbaniok, dem Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD) des Zürcher Amtes für Justizvollzug. Zwischen 1997 und 2005 stufte er neun Straftäter als extrem gefährlich ein. Alle wurden nach Verbüssung ihrer Strafe freigelassen. Einer wurde ins Ausland abgeschoben. Die acht, die in der Schweiz blieben, wurden alle wieder rückfällig. 7 innerhalb eines Jahres. 24 Menschen wurden Opfer ihrer Gewalttaten.

Die Untersuchung zeigt aber auch auf, dass bei den Sexualstraftätern nur rund zwei Prozent als hoffnungslose Fälle gelten – die aber begehen die brutalsten Verbrechen. Diese Gruppe von Männern stuft Urbaniok als nicht therapierbar ein. Deshalb muss man sie für immer wegsperren.

Doch die Realität sieht noch immer anders aus: Unter der Aktennummer 6B_404/2011 wartet mit Werner K. einer der brutalsten Verbrecher der Schweiz auf seine Freilassung. Er wehrte sich bisher durch alle Gerichtsinstanzen erfolgreich gegen eine nachträgliche Verwahrung, welche die Zürcher Staatsanwaltschaft fordert. Jetzt liegt sein Fall vor Bundesgericht. Seine Chancen stehen gut, dass er aus formaljuristischen Gründen demnächst freikommt. Dies, obwohl Werner K. ebenfalls auf der erwähnten internen Liste der gemeingefährlichen und untherapierbaren Straftäter steht.

Seine Verbrechen: Werner K. wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, weil er eine Leiche zerstückelte und sie in einen Bach warf. Zudem war er daran beteiligt, als einem Mann die Kehle durchgeschnitten wurde.

Werner K. hat schon während der Haft auf seine Freilassung hingearbeitet. Sollte er sein Leben hinter Gittern beenden, kann ihn niemand identifizieren: Werner K. heisst nicht mehr so. Er hat ganz legal seine Identität geändert, indem er im Gefängnis geheiratet und den Namen seiner Frau angenommen hat.

Kein Zweifel: Der Schweizer Justizvollzug steckt in einem Dilemma, was gemeingefährliche Täter wie Daniel H. betrifft. Der Badener Gerichtspräsident Rüegg bringt es auf den Punkt: «Der Schweizer Justizvollzug ist darauf ausgerichtet, dem Täter nach Verbüssung seiner Haft die Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen.» Dieses Prinzip gilt auch für verwahrte und gemeingefährliche Verbrecher.

Ein hoher Justizbeamter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will: «Es ist an der Zeit, dass man sich bei der kleinen Zahl von gemeingefährlichen, nicht therapierbaren Tätern vom Resozialisierungsprinzip verabschiedet. Man muss akzeptieren, dass es kranke Menschen gibt, vor denen man die Öffentlichkeit ein Leben lang schützen muss.»

Für die Eltern von Lucie steht nach dem Prozess von dieser Woche heute Sonntag ein weiterer qualvoller Tag bevor. Genau vor drei Jahren, am 4. März 2009, wurde ihre Tochter Lucie ermordet. Ihr Wunsch: Daniel H. soll für immer im Gefängnis bleiben.

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