Nennen wir ihn Kaspar Liebig, 45-jähriger Banker bei der Credit Suisse im Rang eines Managing Directors. Er arbeitet im Handelsraum beim Üetlihof in Zürich, betreut ein kleines Team von spezialisierten Tradern und verdient deutlich mehr als ein Bundesrat. An den Stress hat er sich längst gewöhnt, doch in den letzten Jahren seit Ausbruch der Finanzkrise ist die Belastung anders geworden, viel härter und brutaler. Diesen Frühling liess er sich medizinisch untersuchen. Der Befund war ein Schock für ihn: Zu viel Stresshormone im Blut, eigentlich müsste er wegen erhöhter Cortisol- und Corticotropin-Werte sofort in die Ferien. Doch das kann er sich nicht leisten, weil die Märkte dies einfach nicht zulassen.

Viele Bankangestellte leiden unter zu viel Stress und Druck. Sinkende Margen, neue regulatorische Vorschriften, das Ende des Bankgeheimnisses rütteln das hiesige Bankwesen durch. Seit Ausbruch der Finanzkrise vor fünf Jahren leben viele der gut 100 000 Bankangestellten in ständiger Angst, den Job zu verlieren oder auf einen Schlag deutlich weniger zu verdienen.

Die Grossbank Credit Suisse reagiert nun auf die angespannte Lage und hat ein bankweites Programm gestartet, um die sogenannte Work-Life-Balance zu verbessern. Es umfasst im Kern drei Punkte:

Flexibilisierung der Arbeitszeiten: Später kommen und später gehen. Um Stress im Rushhour-Verkehr zu umgehen.

Home-Office-Day: Mitarbeiter können einen Tag zu Hause arbeiten.

Unbezahlter Urlaub: Mitarbeiter können zusätzlich zu den Ferien während zweier bis drei Wochen ausspannen.

Die Bank bestätigt auf Anfrage das neue Programm. Eine Sprecherin fügt an, dass es eine Reihe weiterer Angebote für die Mitarbeitenden gibt, wie etwa Gesundheitsförderung und Sport.

Denise Chervet, die Zentralsekretärin des Schweizerischen Bankpersonalverbands (SBPV), fordert mehr Transparenz. Sie ärgert sich, dass die Banken nach wie vor ein Geheimnis um den tatsächlichen Gesundheitszustand ihrer Mitarbeiter machten. Der Verband werde sich nun auf das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz fokussieren und fordert, dass die Personalkommissionen mehr Mitspracherecht erhalten.

Dass hier Handlungsbedarf besteht, untermauern die Erfahrungen von Martin Keck, ärztlicher Direktor der Klinik Schlössli in Oetwil am See. Die Klinik ist spezialisiert auf Erschöpfungssyndrome. «Seit etwa 2007 kommen zu uns immer mehr Mitarbeiter aus Banken.» Ihre Patienten aus den Banken haben auf allen Hierarchiestufen gearbeitet. Auf den unteren Stufen sei das Problem der Druck von oben, aber vor allem der Reputationsverlust von Bankangestellten im Allgemeinen, denn sie müssten als Erste die Kritik der Kunden aushalten.

Im mittleren Kader stehe das Dilemma im Vordergrund, dass durch politische Vorgaben wie der Weissgeldstrategie Margen wegbrechen, die Mitarbeiter aber mit ständig höheren Zielvorgaben Gewinne erwirtschaften müssten. Der Druck auf den oberen Hierarchiestufen, wie dem Investmentbereich, sei schon immer hoch gewesen.

«Hier beobachten wir einen zunehmenden Missbrauch von diversen Substanzen, je älter die Mitarbeiter werden», sagt Keck. Tagsüber brauche es Kokain, um sich für die erforderlichen Leistungen aufzuputschen, und abends folge der Alkohol, um sich wieder zu beruhigen. «Für alle gilt gleichermassen, dass sie sich einem Druck ausgeliefert sehen, der von aussen auf sie einwirkt, ohne dass sie die Kontrolle darüber behalten können.»

Die Symptome, mit denen die Patienten in die Klinik kommen, reichen von der Erschöpfungsdepression über das Burn-out bis zur Depression und schliesslich Suizidgedanken. Wenn Stress zum Dauerzustand werde, fange der Teufelskreis langsam an. Es liessen sich durchaus erste Warnzeichen beobachten wie Schlafstörungen, sozialer Rückzug, Selbstzweifel. Eine Steigerung sei, dass Ferien keinen Erholungswert mehr haben, die Person leicht reizbar, ungeduldig und aggressiv sei, gleichzeitig müde und erschöpft kaum mehr durch den Tag komme.

Laut Keck dauert eine stationäre Therapie vier bis acht Wochen. Eine erste Übung mit den Patienten sei, dass diese wenigstens für zehn Minuten nichts tun. Ziel der Therapie sei, die bisherigen krankmachenden Muster völlig zu ändern. In der folgenden ambulanten Begleitung müsse dann darauf geachtet werden, dass der Patient nicht in alte Muster zurückfalle. «Auch wenn das sehr schwer ist, sind die Prognosen meist gut», sagt Keck.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO prognostiziert, dass bis 2030 in den entwickelten Ländern Stressfolgeerkrankungen die wichtigsten seien, die volkswirtschaftlichen Schaden verursachen werden. «Das erkennen die Firmen zunehmend», sagt Keck und verweist auf seine Beobachtung, dass sich Arbeitgeber zunehmend offen zeigen würden, wenn es um möglichst frühe Beratung gefährdeter Mitarbeiter gehe. Eine solche Erkenntnis mag auch hinter den flexibleren Arbeitszeitlösungen der CS stehen.

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