Atemberaubend: Schanghai von oben, die Wolkenkratzer der Halbinsel Pudong magisch beleuchtet. Im Dach-Swimmingpool zieht einer allein seine Längen vor der Skyline der futuristischen Stadt der Welt. Bond, James Bond, ist in seinem Element. Wer «Skyfall» gesehen hat, muss zugeben: Die Macher der Bond-Filme wissen, wo Glamour und Fantastik zu holen sind, wo Visionen Bild geworden sind.

«Skyfall» spielt nicht nur in China, um das Publikum in den USA zu entzücken, sondern auch um auf dem chinesischen Markt mehr Chancen zu haben. Der allerdings gibt sich abwartend. Der offizielle Start wurde von den Behörden erst auf Januar oder Februar 2013 festgelegt, um inländische Blockbuster-Produktionen wie die Historienfilme «Back to 1942» von Feng Xiaogang oder «The Last Supper» von Lu Chuan nicht zu konkurrieren. Das ist Politik und eben auch Kulturpolitik à la China – strikter Protektionismus mit gezielt gesetzten offenen (wirtschaftlichen) Fenstern zum Westen.

In der Kultur gilt seit der wirtschaftlichen Öffnung Chinas, das gleiche Prinzip wie bei Autos, Uhren und Champagner: China ist ein riesiger Absatzmarkt. Aber anders als in der Warenwirtschaft ist China kein Billig-Produktionsland für Kultur. Der Markt lief primär in einer Richtung: Architekturbüros aus Europa bauen für Milliarden, westliche Orchester machen ihre Tournee in China, weil sie gut bezahlt sind und die neuen Superreichen Chinas sind die besten Kunden des internationalen Kunstmarktes.

Doch das ändert. China nimmt das Heft selber in die Hand – das mächtige Land ist drauf und dran, auch in der Kultur zur Supermacht zu werden. Das Jahr 2012 zeigt das eindrücklich: Diese Woche bekam Mo Yan den Literatur-Nobelpreis, Wang Shu wurde als erster Chinese mit dem renommiertesten Architekturpreis, dem Pritzker-Preis, ausgezeichnet und der dissidente Schriftsteller Liao Yiwu wurde im Oktober mit dem viel beachteten Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt.

Die Auszeichnungen gingen aber nicht ohne Miss- und Nebenklänge über die Bühne. Mo Yan wird zu grosse Nähe zum Regime vorgeworfen und er beschönige die Zensur. Im eigenen Land aber wird er gefeiert, das Dorf Gaomi, wo er aufwuchs und wo seine Romane spielen, wird zum Pilgerort für die begeisterten Landsleute. In der offiziellen Wahrnehmung Chinas ist Mo Yan der erste chinesische Literatur-Nobelpreisträger. In Beijing wird nicht nur ausgeblendet, dass der Nobelpreis 2010 an Liu Xiaobo ging.

Bei der Vergabe gab es harsche Proteste aus China und der Preis führte zu politischer Verstimmung. Denn Liu sitzt im Gefängnis, er war 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Ihm wurde vorgeworfen, Hauptverfasser der Charta 08 zu sein, mit der über 300 chinesische Intellektuelle die Einführung freier Wahlen, der Gewaltenteilung und föderaler Strukturen forderten.

China lässt gezielt locker. Für Filmer sei vieles offener geworden, erklärt Regisseur Wang Quan’an («Tuan Yuan») in der «Zeit». «Das Problem ist nicht mehr die Zensur, sondern die riesige Kommerzwelle.» Das meint: Einerseits werden immer mehr ausländische Filme importiert und auf der anderen Seite wird immer mehr chinesisches Kapital in ausländische Filme investiert. Oder auch ins Kino. So kaufte dieses Frühjahr Wanda die US-Kinokette AMC für 2,6 Milliarden Dollar. Der chinesische Unterhaltungs-Konzern wird damit zum weltweit grössten Kinobetreiber.

In der Musik ist Tastensprinter Lang Lang nur die Vorhut der Chinesen – dahinter steht eine Legion von anderen Künstlern. Es gibt Schätzungen, nach denen 50 Millionen chinesische Kinder das Klavierspiel lernen, mit dem einen Ziel: so gut und so berühmt zu werden wie Lang Lang. Bei Wettbewerben gewinnen sie die technischen Fingerfertigkeitsdisziplinen: Klavier und Geige.

China ist die seit zehn Jahren die grösste Baustelle der Welt, fast ein Fünftel aller Bauprojekte weltweit werden hier realisiert. Das riesige Land mit seinen Boom-Städten im Osten ist ein Versuchslabor für Architekten. Aufsehenerregende Aufträge wie das Olympia-Stadion an Herzog & de Meuron, der Flughafenterminal in Beijing an Norman Forster oder der konstruktiv mehr als gewagte Entwurf für China Central Television von Rem Koolhaas zeigen, wie gierig das Land nach architektonischen Aushängeschildern ist. Kaum ein renommiertes Gross-Büro ist heute ohne Filiale in China. Umgekehrt herrscht Funkstille. Die chinesischen Architekten sind (noch) auf der Suche nach ihrem Weg. Die Moderne des 20. Jahrhunderts fehlt, die chinesische Architektur muss direkt ins 21. Jahrhundert springen. Der Pritzker-Preis 2012 an Wang Shu war deshalb eine Überraschung, hat er doch ausserhalb Chinas noch kein Bauwerk realisiert.

Im Kunsthandel ist China bereits die Weltmacht Nummer eins. Die Zahlen sind eindrücklich. 2010 überholte der chinesische Auktionsmarkt die Allzeit-Leaderin USA, 2011 lag der Anteil bereits bei 41,4 Prozent des weltweiten Umsatzes. Fünf chinesische Städte zählen zu den zehn bedeutendsten Kunstmarktplätzen der Welt und sechs chinesische Künstler rangierten 2011 unter den zehn umsatzstärksten Künstlern. Sogar Pablo Picasso, Umsatzleader seit Jahren, wurde durch Zhang Daqian (1899–1983) und Qi Baishi (1864–1957) entthront.

Den riesigen chinesischen Markt wollen die westlichen Kunsthändler nicht den chinesischen Kollegen alleine überlassen. Sotheby’s und Christie’s sowie Kunsttycoon Gagosian haben Filialen eröffnet. Fuss fassen will auch die Art Basel. Sie hat die Kunstmesse Hongkong übernommen, im Mai 2013 wird erstmals die Basel Art Hong Kong stattfinden. Kein Wunder also haben etliche Schweizer Galerien schon im letzten Jahr die Hongkonger Messe erfolgreich getestet.

In der Schweiz ist chinesische Kunst oft in Museen zu sehen. Dank Uli Sigg. Der Schweizer Ex-Botschafter in China ist einer der weltweit besten Kenner und einer der grössten Sammler zeitgenössischer chinesischer Kunst. Künstler wie Ai Weiwei, Yue Minjun, Zeng Fanzhi oder Zhang Xiaogang sind nicht nur seine Lieferanten, sondern auch seine Freunde. Sie gehören zu den gefragtesten Künstlern.

China selber nutzt heute ihre Ausstrahlung gerne – sofern sie nicht kritisch sind. Der Fall Ai Weiwei ist exemplarisch. Die Verhaftung des engagierten Künstlers im letzten Frühjahr sorgte international für Schlagzeilen. Mit dem Slogan «Free Ai Weiwei» auf roten Taschen protestierte die Kunstschickeria an der Biennale Venedig und der Art Basel. Die Welt war entsetzt, dass internationale Berühmtheit Ai Weiwei ebenso wenig wie Literatur-Nobelpreisträger Liu Xiaobo vor dem Zugriff des Regimes schützen konnte. Aber eben, was können rote Kunst-Taschen schon gegen eine Supermacht ausrichten.

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