Das Freihandelsabkommen zwischen der Volksrepublik und der Schweiz ist noch nicht ganz in trockenen Tüchern. Da scheint Chinas neuer Premierminister Li Keqiang mit der Schweiz bereits die nächsten Pläne zu haben. Kurz vor seinem Besuch in Bern kündigte Li in einem Gastbeitrag in der NZZ an, die Zusammenarbeit im Finanzsektor intensivieren zu wollen. China sei gerade dabei, die Reform und Öffnung seines Finanzwesens zu vertiefen. Und die Schweiz könnte eine wichtige Rolle dabei spielen.

Li spricht ausdrücklich die «Konvertierbarkeit» der chinesischen Währung Yuan an, im Volksmund auch Renminbi genannt. Der erst seit März amtierende Regierungschef lobte die Schweiz für ihre «reichen Management-Erfahrungen» im Bankensektor. Er wolle Chinas Banken auch stärker dem Wettbewerb aussetzen und den Zinssatz reformieren. Da könne die Schweiz ein Vorbild sein.

So sehr sich China in den vergangenen dreissig Jahren den globalen Märkten geöffnet hat – das Finanzsystem der Volksrepublik ist nach wie vor fest in kommunistischer Hand. Nicht nur ist die chinesische Währung ausserhalb der Landesgrenzen nicht frei umtauschbar. Bis zum heutigen Tag werden in China auch die Zinsen zentral festgelegt. Das heisst: Was die Banken bei Krediten für Zinsen kassieren und für Guthaben ausgeben, legt ganz allein der Staat fest.

Mit dieser restriktiven Haltung ist China bislang weitgehend gut gefahren. Der Staat kontrolliert nahezu uneingeschränkt seinen Finanzsektor, weiss ausufernde Kapitalzu- und -abflüsse zu verhindern und damit auch exzessive Spekulationen der internationalen Hochfinanz, die 2008 die Finanzkrise in den USA und Europa auslöste.

Zugleich hat die Regierung kräftig an diesem System verdient. Denn bei jeder Handelstransaktion sackt sie sämtliche Auslandsdevisen ein und gibt sie im Inland zu einem von ihr festgelegten Kurs in Yuan aus. Auf diese Weise konnte sie in den vergangenen Jahren einen Devisenberg von gigantischen 3,4 Billionen US-Dollar anhäufen.

Der Einheitszinssatz hat es der chinesischen Führung zugleich ermöglicht, ihre Banken und Staatsfirmen zu den grössten und profitabelsten der Welt zu machen. Kreditklemmen wie derzeit in Europa sind chinesischen Staatsfirmen unbekannt, da sie günstig und in grossen Mengen an Kapital herankommen. Die Banken wiederum verdienen gut an diesem System, weil sie sich von der chinesischen Zentralbank Geld quasi zum Nulltarif beschaffen können. Und da es für Sparer in China ausser Immobilien nur wenig Anlagemöglichkeiten gibt, fällt es den Banken leicht, die Sparguthaben der Chinesen einzusammeln und sie als Kredite wiederum weiterzureichen.

Schattenseiten hat dieses System dennoch. Da die Banken beim Einheitszinssatz über keinen Spielraum verfügen und anders als in einem freien Bankenmarkt keine Risikoaufschläge erheben können, verleihen sie ihr Geld lieber Grosskonzernen und Staatsfirmen. An risikoreicheren mittelständischen und kleinen Unternehmen sind sie nicht interessiert.

Die Folge: Kleine Unternehmen in China haben mit Kreditengpässen zu kämpfen. Sie müssen auf Schattenbanken ausweichen, die jedoch horrende Zinsen verlangen. In Zeiten sinkender Gewinnerwartungen auch in China gehen viele dieser kleinen Unternehmen nun pleite. Und auch private Kunden kommen kaum an Konsumkredite und vereiteln damit das Ziel der Regierung, die Binnenkonjunktur anzukurbeln.

Bei den grossen Staatsunternehmen und den Behörden wiederum hat das für sie billige Kapital zu einem ausufernden Investitionsrausch geführt und im ganzen Land gewaltige Überkapazitäten geschaffen. «Das System stösst an seine Grenzen», kritisiert der in Peking lebende US-Ökonom Michael Pettis.

Mit der Zinsliberalisierung will sich die chinesische Führung zwar noch etwas Zeit lassen. Die Internationalisierung des Yuan ist aber in vollem Gang. Immer mehr Länder schliessen mit der Volksrepublik Verträge ab, die es ihnen erlauben, ihren Handel direkt in der chinesischen Währung abzuwickeln – bislang jedoch zumeist Länder in Asien. Die USA halten sich zurück, da sie mit dem Aufstieg des Yuan den Bedeutungsverlust des Dollars befürchten.

Zürich, London, Frankfurt, Paris und Luxemburg buhlen aber eifrig um Peking und hoffen, als Erste zur Handelsdrehscheibe für Chinas Währung in Europa ausgewählt zu werden. Dass Li Keqiang bei seinem Antrittsbesuch als erstes Land in Europa die Schweiz besucht, könnte als Zeichen gewertet werden, dass Zürich keine schlechten Karten hat.

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