VON NADJA PASTEGA

Der Verkauf von Ritalin und anderen Methylphenidaten ist in der Schweiz erneut um 10 Prozent gestiegen – vor allem bei Erwachsenen nimmt der Konsum massiv zu, und sogar Senioren werden damit behandelt. In 189 Fällen führten Methylphenidate zu Zwischenfällen – bis hin zu Hospitalisationen («Sonntag» vom 4. Juli). Jetzt werden nationale Politiker aktiv: Sie verlangen Auskunft von Gesundheitsminister Didier Burkhalter.

«Wir werden Bundesrat Burkhalter in die Kommission einladen und ihn fragen, wie er die Verschreibungspraxis einschätzt», sagt der Zürcher SVP-Nationalrat Jürg Stahl, Mitglied der nationalrätlichen Gesundheitskommission. «Geklärt werden muss vor allem die Abgabe von Ritalin an Erwachsene», so Stahl. Falls Burkhalter nicht von sich aus aktiv werden wolle, werde geprüft, ob man Swissmedic zu Gesprächen einlade oder ob es «eine parlamentarische Intervention» brauche. «Wir werden das Thema an unserer nächsten Kommissionssitzung von Anfang September diskutieren.»

Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat die boomenden Psychopillen, mit denen Hyperaktivität (ADHS) behandelt wird, im Visier: «Die Gesundheitsbehörden müssen die Entwicklung der Ritalin-Verschreibung im Auge behalten», sagt Mona Neidhart vom BAG.

Die EuropäischeArzneimittelagentur hat bereits reagiert – alarmiert von Berichten über erhöhte Gesundheitsrisiken wie Herzrhythmusstörungen, Schlaganfälle, Wachstumsstörungen und Psychosen. Die Behörde hat die Zulassung von Methylphenidaten bei ADHS eingeschränkt. Es gelten diese Richtlinien: «Die Behandlung muss unter Aufsicht eines Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen erfolgen.»

«Methylphenidat ist nicht zugelassen für die Behandlung von Erwachsenen mit ADHS. Sicherheit und Wirksamkeit sind in dieser Altersgruppe nicht nachgewiesen worden.»
«Methylphenidat darf nicht bei älteren Patienten angewendet werden.»

Das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel hat die Zulassung von Methylphenidat bereits eingeschränkt: Spezialisten müssen eine Ritalin-Behandlung überwachen. Swissmedic war auf Anfrage nicht in der Lage, zu klären, ob die Schweiz die europäischen Richtlinien ebenfalls umgesetzt hat. Klar ist: Ritalin wird hierzulande auch an Erwachsene und Senioren abgegeben – obwohl es keine Langzeitstudien gibt.

«In der Schweiz gilt Therapiefreiheit, jeder Arzt darf Ritalin verschreiben», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel. Das müsse sich ändern, fordert die Gesundheitspolitikerin: «Die Schweiz muss die internationalen Standards umsetzen. Nur Spezialärzte sollen Ritalin verschreiben dürfen.»

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