Herr Bundesrat, sind Sie persönlich eigentlich in einem Ärztenetzwerk?
Alain Berset: Nein. Denn es gibt bei mir im Dorf kein Netzwerk, auch in der weiteren Umgebung nicht. Aber ich verhalte mich schon so, wie wenn ich in einem Netzwerk wäre.

Das heisst?
Ich habe seit über 20 Jahren den gleichen Hausarzt, der hat seine Praxis drei Dörfer weiter weg. Und wenn mir was fehlt, gehe ich zuerst zu ihm. Mein Hausarzt schickt mich dann zum Spezialisten, wenn es nötig ist. Ich bin nicht der Einzige, der sich so verhält, viele machen das freiwillig so.

Wieso wollen Sie es denn als obligatorisch erklären, wenn es freiwillig offenbar schon funktioniert?
Heute gibt es noch zu wenig Ärztenetzwerke, aber häufig existieren sie schon informell. Wir wollen Anreize setzen, damit die Ärzte und andere Leistungserbringer Netzwerke bilden. Genau deshalb braucht es diese Vorlage. Dann wird sich wohl auch mein Arzt einem Netzwerk anschliessen oder eines mitgründen. Zudem: Die Krankenkassen dürfen dann keine Netzwerke mehr betreiben – im Gegensatz zu heute.

Selbst Ihr Vater ist gegen die Vorlage.
Haben Sie mit ihm über dieses Thema gesprochen?

Nein, aber wir wissen es trotzdem.
Wie das? Ich werde ihn fragen.

Als Ständerat waren Sie gegen die Vorlage, jetzt als Bundesrat sind Sie dafür. Ist das nicht etwas opportunistisch?
Nachdem ich mich vertieft mit der Vorlage auseinandergesetzt habe, ist mir klar: Diese Reform ist wichtig. Sie geht in die richtige Richtung, bringt ein notwendiges Steuerungsinstrument für die obligatorische Krankenversicherung. Mit der integrierten Versorgung erhöhen wir die Qualität der Behandlung – insbesondere für die Chronischkranken – und verbessern die Sicherheit für die Patienten. Darin sind sich ja alle einig: Alle sagen, es brauche Netzwerke. Einige Kreise, welche die Vorlage bekämpfen, haben Sonderinteressen.

Sie meinen die Spezialisten, die Angst um ihre hohen Einkommen haben?
Das haben Sie gesagt. Klar ist, dass bei der integrierten Versorgung der Patient in der Regel zuerst den Hausarzt konsultiert.

Wie viel sparen die Prämienzahler?
Ich bin mit Kostenschätzungen vorsichtig. Konservative Studien rechnen mit Einsparungen von 9 Prozent. Wenn 60 Prozent der Versicherten einem Netz beitreten, sparen wir rund 1 Milliarde Franken. Die engere Zusammenarbeit und Koordination sowie die Vermeidung von Doppelspurigkeiten verbessern die Qualität und verhindern unnötige Kosten. Bereits heute verzichten rund 3,7 Millionen der Versicherten – also fast die Hälfte – auf die gänzlich freie Arztwahl.

Die Vorlage ist komplex. Nicht einmal Parlamentarier verstehen sie richtig, wie soll sie das Volk verstehen?
Das Gesundheitswesen ist komplex. Die Verantwortlichkeiten sind aufgeteilt zwischen Bund, Kantonen, Spitälern und Ärzten, was es nicht einfacher macht. Aber das Ziel der Vorlage ist eigentlich einfach: Mit Managed Care gehen die Patienten zuerst zu ihrem Hausarzt. Er ist die Eingangstür in die Gesundheitsversorgung und koordiniert die Behandlung – zum Beispiel mit den Spezialisten. Bei Chronischkranken kann diese Funktion ein Spezialist übernehmen. Das ist doch viel besser, als wenn ein Patient auf sich gestellt zu fünf Spezialisten geht und jedes Mal den gleichen Test macht. Wer aber auch in Zukunft lieber frei von einem Spezialisten zum anderen geht, kann das weiterhin tun.

Er muss aber für diese Freiheit einen höheren Selbstbehalt zahlen.
Ja, aber maximal 300 Franken pro Jahr oder rund 80 Rappen pro Tag. Und wer einem Netzwerk beitritt, kommt billiger weg und kann bis zu 200 Franken Selbstbehalt im Vergleich zu heute sparen. Schon heute nutzt die Mehrheit der Bevölkerung solche Möglichkeiten. Aber sie wird dabei weder unterstützt noch dafür honoriert.

Netzwerk klingt nach Billigmedizin, nach schlechterer Qualität.
Das Gegenteil ist der Fall. Die Qualität ist besser, die Sicherheit höher. In einem Netzwerk werden nicht zwei Ärzte Medikamente verschreiben, die nicht zusammenpassen. Oder zweimal die gleiche radiologische Untersuchung machen und den Patienten doppelt der Strahlung aussetzen.

Weil die Ärzte im Netzwerk aber fürs Budget mitverantwortlich sind und einen allfälligen Verlust riskieren, haben sie doch ein Interesse, den Patienten möglichst günstig zu behandeln.
Bereits heute haben 90 Prozent der Netzwerke Budgetmitverantwortung und das ist offensichtlich problemlos. Die Budgetmitverantwortung stärkt die Zusammenarbeit zwischen Kassen und Netzwerken, sie schafft mehr Transparenz und bringt Anreize für die Ärzte, auch langfristig gesunde Patienten zu haben.

Und wenn das Budget Ende Oktober aufgebraucht ist?
Es gibt keinen Ausgabenplafond, jeder Patient wird behandelt. Das ist garantiert. Viele Netze schliessen übrigens Versicherungen ab für Grossrisiken – also für Patienten, die wider Erwarten eine teure Behandlung brauchen.

Dennoch besteht der Anreiz, dem Patienten eine billigere Behandlung oder ein billigeres Medikament zu geben, weil sonst der Verlust grösser wird.
Ich hoffe doch, dass ein Arzt bei identischem Wirkstoff das billigere Medikament verschreibt. Eine billige Behandlung wird es aber im Netzwerk nicht geben. Wer schlecht behandelt wird, wird nicht gesund, muss zehnmal zum Arzt statt nur einmal. Mit Managed Care haben die Ärzte ein Interesse, dass ihr Patient so schnell wie möglich gesund wird und bleibt.

Die Managed-Care-Vorlage war ein Kompromiss im Parlament. Jetzt steigen nach und nach immer mehr Partner aus: Zuerst Ihre SP, jetzt die BDP und SVP. Alle verlassen das sinkende Schiff. Bald sind Sie allein an Bord.
Der Bundesrat betritt und verlässt nicht so schnell ein Schiff. Er unterstützt diese Reform und setzt sich dafür ein. Ich stelle mit Erstaunen fest, dass jetzt plötzlich eine Mehrheit der Parteien, die diese Reform im Parlament unterstützt hat, es nicht mehr tut. Natürlich ist es unter solchen Bedingungen schwierig, Reformen zu machen.

Die Befürworter von Managed Care haben aufgeben. Die Vorlage ist verloren.
Die Kampagnen sind erst richtig am Anlaufen. In dieser Vorlage steckten acht Jahre Arbeit, sie ist ein Kompromiss – und sie ist gut.

Was passiert bei einem Nein?
Alles bleibt, wie es ist. Wir verpassen die Chance, ein Zukunftsmodell zu fördern.

Bei einem Nein steigt die Chance, dass die Initiative für eine Einheitskasse durchkommt.
Das hat nichts miteinander zu tun: Bei den Netzwerken geht es um die Organisation der Versorgung, die Qualität der Leistungen. Da steht die Gesundheit der Patienten im Zentrum. Bei der Einheitskasse geht es um die Struktur: Sollen die Ärzterechnungen von 70 Kassen oder einer einzigen Gesundheitskasse beglichen werden.

Politisch sind die Fragen verbunden.
Der Risikoausgleich zwischen den Kassen ist ein inhaltliches Verbindungsglied zwischen den beiden Vorlagen. Mit der Managed-Care-Vorlage erhält der Bund die Möglichkeit, den Risikoausgleich zu verfeinern, womit die Jagd der Krankenkassen nach den Jungen und Gesunden eingedämmt wird. Bei einem Nein kann der Bundesrat hier nichts machen.

Ihre Schonfrist ist abgelaufen, jetzt kommt die Kritik an Ihrer Arbeit. Können Sie damit umgehen?
Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich eine Schonfrist hatte. Natürlich kann ich mit Kritik umgehen. Wenn ich nicht die Leidenschaft für die öffentliche Debatte hätte, dann hätte ich nie Exekutivpolitiker werden dürfen. Wenn Kritik die Debatte befruchtet, Probleme aufzeigt, ist sie positiv. Nur so kommen wir weiter.

Unzufrieden mit Ihnen ist derzeit die Pharma. Sie beklagt, dass Sie mit der Senkung der Medikamentenpreise den Schweizer Standort gefährden.
Das sehe ich nicht so. Die gefundene Lösung ist ausgewogen und ich bin mit der Pharmabranche im Gespräch.

Ihre SP-Vorgängerin im Departement, Ruth Dreifuss, hat vor allem Abwehrschlachten gegen Reformen geführt. Wollen Sie ihre Politik weiterführen?
Damals war ich noch im Kindergarten! (Lacht.)

So jung sind Sie nun auch wieder nicht.
Ich will in diesem Departement, das zentral ist für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft, nicht einfach die Hände in den Schoss legen und nichts tun. Es gibt Reformbedarf in der Gesundheits- und in der Sozialpolitik. Das ist unbestritten. Uneinig sind sich die Akteure darüber, wie dringend die Reformen sind. Ich will handeln. Aber zuerst müssen wir die Probleme durchleuchten, Lösungen aufzeigen – und dafür Mehrheiten finden. Seit der Revision von 1997 sind alle grossen AHV-Reformen gescheitert. Das war vor 15 Jahren! Deshalb gehe ich mit grosser Sorgfalt und Respekt vor – aber ich bin an der Arbeit.

Das klingt, als ob Sie sich für diese Reformen viel Zeit lassen wollen?
Nein. Aber wir dürfen die Augen vor der Realität nicht verschliessen, zum Beispiel in der Sozialpolitik: Jede Reform der 1. oder 2. Säule ist in den letzten Jahren gescheitert. Ich will nicht jahrelang an einem Projekt arbeiten, das schliesslich beim Volk chancenlos ist, weil die Leute Angst um ihre Rente haben. Das bringt nichts. Reformen müssen die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellen.

Das heisst?
Wir müssen die beiden Säulen zusammen betrachten. Erst dann lassen sich Antworten auf nötige Reformen finden.

Wollen Sie die erste und zweite Säule zusammenlegen – oder die erste Säule auf Kosten der zweiten stärken?
Ich bin ein Verfechter des 3-Säulen-Prinzips, wie es heute existiert. Aber vielleicht wird es Reformen geben, deren Folgen nicht für alle gleich sind. Wenn wir zum Beispiel technische Reformen – wie die Anpassung des Umwandlungssatzes – realisieren wollen und damit künftige Renten kürzen, dann braucht es für Menschen mit kleinen Renten einen Ausgleich, einen Beitrag aus der AHV. Nur so finden wir Mehrheiten.

Sie räumen also ein: Der Umwandlungssatz muss gesenkt werden?
Es besteht Reformbedarf beim Umwandlungssatz. Und es geht sicher nicht darum, ihn anzuheben. Am Schluss muss das Gesamtpaket der Leistungen stimmen. Die Leute müssen darauf vertrauen können, dass sie im Alter die versprochene Altersvorsorge erhalten.

Mischen Sie sich eigentlich auch in die Dossiers anderer Bundesräte ein?
Das ist meine Pflicht! Ich investiere viel Zeit und Energie in die Bundesratsgeschäfte. Das ist wichtig für das Funktionieren unserer Kollegialbehörde. Es macht mir grosse Freude, mit meinen Bundesratskollegen zusammenzuarbeiten.

Wie ist die Stimmung im Bundesrat?
Sie ist gut, ich verstehe mich gut mit meinen Kollegen. Ich war bei meinem Start sehr beeindruckt von der Offenheit und Qualität der Debatte.

Obwohl die Sitzung sehr formalisiert ist.
Die Sitzungen sind nicht so formalisiert, wie man glaubt. Die Diskussionen verlaufen viel offener. Es sind Arbeitssitzungen: Nicht das Protokoll dominiert, sondern die Suche nach Lösungen.

Mit wem verstehen Sie sich eigentlich am besten?
Einige Bundesratsmitglieder kenne ich schon länger, ich habe mit manchen schon als Parlamentarier zusammengearbeitet ...

Zum Beispiel mit Didier Burkhalter. Geben Sie ihm Ratschläge in der Aussenpolitik?
Er hat keine Ratschläge nötig. Wenn ich ihm etwas zu sagen habe, tue ich es -- und er macht dies umgekehrt auch.

Was haben Sie als Bundesrat unterschätzt?
Bundesrat werden ist wie Vater werden. Man weiss in etwa, was auf einen zukommt, aber in der Realität ist es dann doch ganz anders. Es bedeutet auch viel Arbeit, ich bin an einem «normalen» Tag um 7.30 Uhr im Büro und um 20 Uhr zu Hause. Dazu kommt viel Arbeit ausserhalb des Büros.

Kommt Ihre Familie nicht zu kurz?
Es ist eine Frage der Organisation. Ich nehme mir Zeitfenster heraus, die ich für meine Frau und meine Kinder reserviert habe.

Alain Berset (40) hat eine steile Politkarriere gemacht: Mit 36 Jahren wurde der Freiburger zum Ständeratspräsidenten gewählt, mit 39 zum Bundesrat. Seit Anfang Jahr leitet der Sozialdemokrat das Innendepartement – und er zeigt sich bereit, die notwendigen Reformen in der Gesundheits- und Sozialpolitik anzupacken. Wenn er reüssieren will, braucht er die Unterstützung von SP-Chef Christian Levrat, seines ehemaligen politischen Weggefährten. Denn gesundheits- und sozialpolitische Reformen sind in den vergangenen Jahren in der Regel am Widerstand von links gescheitert. Berset ist verheiratet, hat drei Kinder – Antoine (8), Achille (6) und Apolline (4) – und wohnt in Belfaux FR.

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