Das wird am kommenden Dienstag in der Gerichtskommission der Räte für Gesprächsstoff sorgen: Wenn sich die Parlamentarier über die rund ein Dutzend Bewerbungsdossiers beugen, werden sie auf zwei Kandidaten stossen, die bisher öffentlich nicht bekannt waren. Es sind brisante Namen, wie Recherchen des «Sonntags» zeigen:

Lienhard Ochsner (58) war Ankläger gegen den Zürcher Privatbankier Oskar Holenweger. Der von Ochsners Chef Beyeler zum Paradeverfahren emporstilisierte Fall wurde für die Bundesanwaltschaft (BA) zum Waterloo. Ochsner scheiterte mit seiner Anklage vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona vollumfänglich. Holenweger erhielt im vergangenen April einen Freispruch auf der ganzen Linie, dazu gar 35000 Franken Genugtuung und 385000 Franken als Ersatz für seine Kosten. Acht Jahre dauerte das Verfahren und endete in einem beispiellosen Flop. Bereits eine Schlappe einstecken musste Ochsner vor zwei Jahren im bisher grössten Verfahren gegen das organisierte Verbrechen in der Schweiz. Das Bundesstrafgericht verurteilte in einem Zigarettenmafia-Prozess nur zwei der neun Angeklagten wegen Unterstützung einer kriminellen Organisation. Sieben Angeklagte wurden freigesprochen.

Das hält den ehemaligen Könizer SP-Gemeinderat und früheren Berner Gerichtspräsidenten nicht davon ab, sich als einen Kandidaten mit dem nötigen Standvermögen und Kommunikationsgeschick anzupreisen. Ochsner ist seit 2003 bei der BA tätig und wurde von Valentin Roschacher eingestellt. Als Credo für die Zukunft der BA sieht er, dass diese einen berechenbaren Kurs steuern müsse. Von ihm war keine Stellungnahme zur Bewerbung erhältlich.

Lucienne Fauquex (51) war Staatsanwältin im aufsehenerregenden Fall Hells Angels. Trotz jahrelangen Untersuchungen konnte der Motorradklub nicht als kriminelle Organisation enttarnt werden. Der Anfangsverdacht musste fallen gelassen werden. Die Verfahren gegen 11 der ursprünglich 17 Beschuldigten wurden eingestellt. Seither wird nur noch gegen einzelne Mitglieder vorgegangen. Bei einem ersten Urteil im vergangenen Mai durch das Bundesstrafgericht ging es um illegalen Hanfanbau, der mit milden 13 Monaten Gefängnis bestraft wurde. Fauquex ist leitende Staatsanwältin des Bundes in der Zweigstelle Zürich und war zuvor bei der Bezirksanwaltschaft V für den Kanton Zürich, die sich um Gewaltdelikte kümmert.

Weiter im Rennen um die Nachfolge bleibt Beyelers erster Stellvertreter Rudolf «Ruedi» Montanari (45). Im kleinen Kreis hat das CVP-Mitglied mehrfach angekündigt, bei einer Wahl «Tabula rasa» in der BA zu machen und Altlasten abzubauen. Er verspricht laut den Quellen aus seinem Umfeld eine engere und strengere Führung der BA mit ihren rund 200 Mitarbeitenden und einem jährlichen Budget von 5 Millionen Franken. Weiter sucht Montanari die Nähe zu den Parteispitzen, wie zuverlässige Quellen berichten. In den Gesprächen geht er auf Distanz zum erfolglosen Beyeler.

Die nötige Souveränität und Ruhe für einen obersten Ankläger des Landes fehlte Montanari indes noch beim Auftritt in der SF-«Arena» zu Beyelers Nicht-Wiederwahl. Als ihn SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli darauf hinwies, wie lange gegen Privatbankier Holenweger ermittelt wurde, streckte ihm Montanari ein Taschentuch zum Trocknen der Tränen hin. Dennoch bleibt er ein aussichtsreicher Kandidat – obwohl ihm die SVP im Fall des ehemaligen eidgenössischen Untersuchungsrichters Ernst Roduner, der sich selber einen Drohfax sandte, Vertuschungsvorwürfe macht.

An die Spitze der BA drängt es auch die zweite Stellvertreterin Maria-Antonella Bino (44). Die Genferin war Leiterin der Bundesanwaltschafts-Filiale in Lausanne und ist FDP-Mitglied. Bino läuft Gefahr, dass ihr unangenehme Fragen zur Rolle beim Verfahren gegen den tschechischen Kohlekonzern MUS gestellt werden. Dabei soll für die Begründung eines Anfangsverdachts auch der Schweizer Botschafter in Prag eingespannt worden sein. MUS-Topmanager sollen Hunderte von Millionen unterschlagen, in die Schweiz verschoben, dann Aktien ihrer Firma gekauft und mit Gewinn weiterverkauft haben. 700 Millionen Franken wurden von der BA blockiert, wie die «NZZ am Sonntag» publik machte.

Kaum Chancen, auf das offizielle Wahlticket der Gerichtskommission zu kommen, dürfte Michael Lauber (46) als Chef der liechtensteinischen Finanzmarktaufsicht haben. Ihm fehlt die Anklageerfahrung. Das gilt auch für den 41-jährigen Patrik Kneubühl, Das FDP-Mitglied ist Fürsprecher und war Chefjurist des Justiz- und Polizeidepartements unter Christoph Blocher. Er arbeitet heute als Ressortleiter beim Schweizerischen Gewerbeverband. Gleich reihenweise Absagen für den Schleudersitz an der Taubenstrasse in Bern gab es von erfahrenen Justizvertretern in den Kantonen wie in St. Gallen von Thomas Hansjakob und Niklaus Oberholzer.

Der neue Bundesanwalt soll in der Herbstsession am 28. September gewählt werden.

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