Eigentlich könnte man meinen, diese Kühe passten ganz gut zur Schweiz: das Fell ist rötlich-weiss gefleckt, die Kondition robust, die Ansprüche ans Futter bescheiden. Seit sie von Schweizer Landwirten in den 1970er-Jahren erstmals gezüchtet wurden, halten Hunderte von Bauern auf ihren Höfen Fleckviehkühe.

Den Beamten im Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) passen die Tiere weniger: Viele von ihnen sind nicht reinrassig genug. Vor kurzem verschickte das BLW an die Schweizer Rindviehzüchter ein Schreiben, das diesen den Sommer verdorben hat. Im technisch gehaltenen Entwurf über eine neue Tierzuchtverordnung teilt der Bund den Züchtern mit, dass er nur noch Zuchtbeiträge an reinrassige Tiere ausrichten werde. Weil die Schweiz ihre Richtlinien an die EU angleicht, wird die Zucht von gekreuzten Tieren nicht mehr unterstützt.

Im Visier des Bundes sind all jene Tiere, die einen Blutanteil von weniger als 87,5 Prozent einer bestimmten Rasse aufweisen. Besonders betroffen sind die Rassen Swiss Fleckvieh und Red Holstein. Das BLW rechnet mit insgesamt 70 000 Tieren, für die keine Zuchtbeiträge mehr fällig würden. Bei Swissherdbook, dem grössten Rinderzuchtverband des Landes, geht man hingegen von rund 120 000 Tieren aus.

Verschwinden jetzt die gefleckten Kühe von den Schweizer Weiden? Die Fleckviehzüchter sind jedenfalls aufgebracht. «Was sich der Bund ausgedacht hat, ist der reine Irrsinn», sagt Rolf Dummermuth, Präsident der IG Swiss Fleckvieh. Einerseits werde von den Bauern eine ökologische Tierhaltung verlangt. Anderseits wolle der Bund nun ausgerechnet die besonders angepasste Fleckvieh-Rasse, die genügsam sei und mit wenig Kraftfutter auskomme, nicht mehr unterstützen. «Viele Biobauern halten auf ihren Höfen Swiss-Fleckvieh-Tiere», sagt Dummermuth. «Sie verstehen nicht, was das soll.» Seine IG und der Zuchtverband Swissherdbook machen in ihrer Stellungnahme an den Bund klar, dass sie die neue Verordnung ablehnen.

Die Pläne des Bundes markieren einen Kurswechsel in der Tierzuchtförderung. Bisher hatte der Bund keinen Unterschied zwischen reinrassigen und gekreuzten Tieren gemacht. Hintergrund der neuen Politik ist eine Anpassung an die Zuchtbestimmungen in der EU. «Für den Viehexport ist es wichtig, reinrassige Tiere zu haben», sagt Niklaus Neuenschwander, Sektionschef beim BLW. Gleichzeitig senkt das Amt das Budget für die Tierzuchtförderung von 30 auf 25 Millionen Franken pro Jahr. Es ist ein Kurswechsel, für den der Berner SVP-Nationalrat und Swissherdbook-Präsident Andreas Aebi kein Verständnis hat. «Der Bund verhält sich formalistischer als die EU», sagt er.

Das BLW verweist darauf, dass Zuchtorganisationen die Möglichkeit hätten, ein Zuchtprogramm zur Bildung einer neuen Rasse vorzulegen. Bis ein entsprechender Eintrag im Herdebuch (der Datenbank der Zuchttiere) vorliege, erhielten die Züchter immerhin die Hälfte der Beiträge. Die Landwirte beruhigt das nicht. «Wir haben schon vor längerem beschlossen, eine Rasse zu gründen. Bis es so weit ist, kann es aber 20 Jahre dauern», sagt Züchter Rolf Dummermuth.

Nicht besser macht es für die Bauern, dass sie auch einen alten Brauch bedroht sehen: die kantonalen Viehschauen. In Kantonen wie Bern bewerten Richter an diesen Anlässen die Tiere der Bauern auf ihren Körperbau. Der Bund richtet dafür Beiträge aus. Diese sollen nun gestrichen werden, weil es sich bei den «subjektiven Bewertungen» durch die Experten nicht um «wissenschaftlich und international anerkannte Leistungsprüfungen» handle, wie es beim Bund heisst. Stattdessen sollen künftig Prüfer anhand von standardisierten Erhebungsbögen über die Qualität der Zuchttiere entscheiden.

Bei den Bauern löst dies Bestürzung aus. «Die Viehschau ist einer der letzten Orte, an denen die nicht-bäuerliche Bevölkerung in Kontakt zur Landwirtschaft tritt», sagt Rolf Dummermuth. Mit der Abschaffung der Beiträge für die Viehschauen gehe der Bund viel zu weit, sagt auch SVP-Nationalrat Andreas Aebi. Er frage sich, ob sich Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann darüber im Klaren sei, was seine Beamten damit anrichten würden. Immerhin stamme Schneider-Ammann als Sohn eines Tierarztes selbst aus einem bäuerlichen Berner Umfeld. «Wenn diese Änderung durchkommt, gibt es bald keine Viehschauen mehr», sagt Aebi. «Das wäre das Ende einer Tradition.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!