Das Motiv von James Holmes bleibt weiter im Dunkeln: Die Polizei will nicht öffentlich darüber spekulieren, warum der 24-Jährige am Freitag kurz nach Mitternacht in einem Kinosaal im Bundesstaat Colorado kaltblütig das Feuer auf 70 Menschen eröffnete und dabei mindestens 12 tötete. Dies sagte Dan Oates, der Polizeichef von Aurora, dem Vorort von Denver, in dem Holmes seine Bluttat beging.

Klar ist deshalb bisher nur, dass es sich bei dem Amokläufer um einen blitzgescheiten Mann handelte, der an der University of Colorado Neurowissenschaften studierte, der sich in den vergangenen zwei Monaten auf legalem Weg vier Waffen und 6000 Kugeln Munition beschaffte und der seine kleine Wohnung ganz in der Nähe des Tatorts mit Sprengstoff-Fallen versehen hatte. Am Samstag versuchte die Polizei immer noch, sich Zugang zu seiner Loge zu verschaffen.

Dies passt, wenigstens auf Papier, nicht zusammen. Lokale Medien versuchten deshalb in den vergangenen 24 Stunden, möglichst viele Kommilitonen und Familienfreunde Holmes’ zu Wort kommen zu lassen. Dabei zeigte sich, dass es sich bei dem jungen Mann um einen Einzelgänger gehandelt hatte. Nie sei er aber ausfallend oder gewalttätig geworden, hiess es aus San Diego, wo Holmes seine Kindheit verbrachte. «Er wirkte wie ein netter Kerl», sagte eine junge Frau, die ihn einmal getroffen hatte. Andere Zufallsbekanntschaften oder Schulkollegen beschrieben Holmes als Bücherwurm. In seiner kalifornischen Heimat besuchte er dank seines brillanten Intellekts mehrere Förderprogramme, bevor er dann im Mai 2011 an die University of Colorado in Denver wechselte. Im vergangenen Monat aber entschied der Doktorand plötzlich, sein Studium abzubrechen. Der Grund für diese abrupte Kehrtwende wurde bisher nicht publik.

Das Massaker im Kinosaal wird in den USA die Debatte um die Verschärfung des Waffenrechts wieder in Schwung bringen. Demokraten meldeten sich dazu bereits am Freitag zu Wort. Mit raschen Entscheiden ist aber nicht zu rechnen: Gerade in einem Wahljahr wagen sich die wenigsten Politiker, den zweiten US-Verfassungszusatz, der das Recht auf Waffenbesitz garantiert, infrage zu stellen.

Colorado ist dafür ein gutes Beispiel: Der Bundesstaat war 1999 Schauplatz eines Massakers in einer Highschool: In Columbine töteten Eric Harris und Dylan Klebold zwölf Mitschüler und einen Lehrer, bevor sie ihrem eigenen Leben ein Ende setzten. Danach ging zwar ein Aufschrei durchs Land, und die Politiker schräubelten am Waffenrecht. Dennoch konnte sich James Holmes zwölf Jahre später ganz legal mit Waffen und Munition für seine Bluttat eindecken.

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