Die Augen der sechs Top-Manager der «Basler Zeitung» ruhten erwartungsvoll auf Christoph Blocher. Welche Rezepte würde er ihnen unterbreiten, um den industriellen Teil der Gruppe, die Druckerei, wieder profitabel aufzustellen? Für 50000 Franken Honorar hatte Blochers Robinvest diese strategische Beratung zugesagt. Die damaligen «BaZ»-Besitzer Tito Tettamanti und Martin Wagner hatten Blocher persönlich engagiert.

Das Top-Management der BaZ glaubte, es könne Blocher befragen. Doch es kam alles anders. Blocher beübte die Manager im «Blocher-Prinizip», seinen militärischen Führungsprinzipien. Erstens: Was ist die Ausgangslage? Zweitens: Was ist der Auftrag? Drittens: Man denkt in Varianten, liefert vier davon, am besten mit Untervarianten. Nach fünf Minuten muckte Wagner ein erstes Mal auf: «Halt, halt, um was geht es hier?» Blochers trockene Entgegnung: «Wenn Sie nicht mitmachen, rufe ich Tito Tettamanti an.»

Weiter gings an diesem Augusttag 2009. Gelobt wird nicht. Fragen werden keine gestellt. Blocher erteilt die Aufträge, sie müssen ausgeführt werden. Die Manager sind Mittel zum Zweck.

Für Martin Wagner ein Schockerlebnis, das ihm die Augen öffnete. Er trat als Verwaltungsratspräsident der «Basler Zeitung» zurück und kandidiert nun als FDP-Quereinsteiger für den Nationalrat.

Damit kommt es zu einem Bruch im rechtsbürgerlichen Lager, wie es ihn nie zuvor gegeben hatte. Mit Martin Wagner wendet sich ein Insider aus dem innersten Machtzirkel des Blocher-Köppel-Netzwerks von Christoph Blocher und der SVP ab. Wagner ist Verwaltungsratspräsident von Roger Köppels «Weltwoche» und Verwaltungsrat der Köppel Holding AG. Damit ist er theoretisch der Chef von «Weltwoche»-Verleger und Chefredaktor Köppel. Von jener «Weltwoche», die stark die Zuwanderungs-Probleme thematisiert. Wagner ist aber auch Verwaltungsrat von Axel Springer Schweiz sowie der «Handelszeitung». Damit ist er einer der wichtigsten Medienmanager der Schweiz.

Ein ähnliches Schockerlebnis wie Wagner prägte auch BDP-Präsident Hans Grunder. Die SVP-Fraktion diskutierte 2008 in Schaffhausen die Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf Rumänien und Bulgarien. Der erst seit einem halben Jahr gewählte SVP-Nationalrat Grunder plädierte als Einziger offen für ein Ja. Seine Freunde aus dem SVP-Wirtschaftsflügel liessen ihn im Stich. Sie gingen aus dem Saal. Oder sie schwiegen.

Als Grunder seine Rede begann, liess die Reaktion seiner SVP-Kollegen nicht auf sich warten. «Halt den Mund», zischte Oskar Freysinger. «Du bist sowieso ein Trittbrettfahrer.» Ein Drittel der Fraktion störte Grunders Rede demonstrativ mit rhythmischem Klopfen auf den Tischen. Als Grunder den Saal verliess, griff er zum Handy. «Jetzt ist es mir klar geworden», teilte er seiner Frau mit. «Ich werde nie mehr in dieser SVP-Fraktion sitzen.»

Kein persönliches Schockerlebnis hatte Reto Wehrli. Der CVP-Nationalrat, der seine politische Karriere nach der Legislatur beendet, gilt als SVP-nahe, ist Mitglied der KMU-Gruppe der CVP. Doch auch der Analytiker und Schnelldenker wendet sich von Christoph Blochers SVP ab. Er spricht offen aus, was andere nur denken: Christoph Blocher suche «die absolute Mehrheit».

Mit Wagner, Grunder und Wehrli wenden sich damit mehr oder weniger enge rechtsbürgerliche Weggefährten von Christoph Blochers SVP ab. Alle drei warnen inzwischen offen vor Christoph Blocher. Sie sprechen davon, er sei eine Gefahr für die Demokratie, werfen ihm Allmachts-Gelüste vor, analysieren, er befinde sich im Krieg. «Alle Methoden seien ihm erlaubt! Denn sie dienen seinem Auftrag, der Alleinmacht», schreibt Wehrli. Blochers Hinterlassenschaft «soll eine Schweiz sein, wie sie es nie war. In zwei Lager – gespalten». Wehrli: «Deshalb muss die politische Mitte weg.»

Für Grunder ist Blocher ein Milliardär, «dem es um alles andere als um die Interessen der Schweiz» gehe. «Blocher will nur die Macht. Er hat ein Ziel: Als Retter der Schweiz in die Geschichte einzugehen», sagt der BDP-Präsident.

Aussergewöhnlich deutlich wird Martin Wagner. «Mit Blocher ist die SVP demokratiefeindlich, weil sie selber nicht nach demokratischen Prinzipien funktioniert», sagt er. «Jede Form von Meinungsbildung ist gesteuert von oben. Blocher führt die SVP nach militärischen Führungsprinzipien. Er hält Rapporte. Das bedeutet militärischer Gehorsam. Blocher sieht sich als General im Krieg.»

Blocher selbst bemühte Kriegsrhetorik, als er seine Kandidatur in den Stände- und Nationalrat verkündete. «Im Krieg ruft man in brenzligen Situationen auch die älteren Generäle», sagte er bei «20 Minuten online». «Nur sie können die nötige Erfahrung mitbringen.»

Es war Blochers Frontalangriff auf die Personenfreizügigkeit, welcher die Mitte-Parteien aufgeschreckt hat. «Blocher startet nun einen offenen Krieg gegen die EU», sagt Hans Grunder. «Dieser ist für die Schweiz wirtschaftlich wie politisch mehr als lebensgefährlich.»

Im Gegensatz zu Minarett- und Ausschaffungs-Initiative trifft Blocher mit der Zuwanderungs-Initiative den Lebensnerv des Landes. Instinktiv haben die Mitte-Parteien erkannt, wie gefährlich diese Attacke ist. Und dass sie Aussicht auf Erfolg hat. Angst und Ratlosigkeit haben sich breit gemacht. Alle Prognosen deuten darauf hin, dass die SVP bei den Wahlen 2011 weiter wächst. Zudem macht sie Ernst mit ihrem Angriff auf die Bilateralen. Lange hatten das Spitzenpolitiker wie FDP-Präsident Fulvio Pelli nicht für möglich gehalten.

«Das alles macht mir Angst», gesteht Hans Grunder unumwunden ein. «Es herrscht Rat- und Machtlosigkeit. Was sollen wir tun?» Für ihn gibt es nur ein Rezept: «Die Mitte-Parteien müssen zusammenstehen, dürfen diese Entwicklung nicht hinnehmen. Sonst wird es echt gefährlich. Das muss aber schnell gehen.» Besonders bedenklich findet Grunder, dass selbst besonnene SVP-Kräfte wie Peter Spuhler diese Entwicklung «hinnehmen und verniedlichen».

Der Clash von Kulturen hat sich für Wagner bei der «BaZ» bereits im Seminar vom August 2009 gezeigt. Hier die weltvernetzten, teamorientierten und sprachgewandten Basler, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen, einen lockeren Umgang gewohnt sind, flache Hierarchien pflegen, sich alle duzen. Dort Berater Blocher, zwar auch global orientiert, der aber die Schulung nach seinem Blocher-Prinzip durchführt, das auf der Armee 61 basiert und den Auftrag ins Zentrum allen Tuns stellt.

Der Schock sass so tief, dass die Manager sprachlos blieben. Sie liessen an jenem Tag das Nachtessen mit Blocher und dessen Tochter Rahel über sich ergehen. Und am nächsten Tag gar die dreistündige Repetition des Blocher-Prinzips.

Dann war aber Schluss. «Nach diesen zwei Tagen hatte ich kein funktionsfähiges Management mehr, weil wir uns in die erste Woche der Rekrutenschule zurückversetzt fühlten», erzählt Wagner. «Ich konnte das Unternehmen nicht mehr führen. Meine Manager machten mich zu recht für diese Blocher-Beratung verantwortlich.» Blocher selbst wollte keine Stellung nehmen. «Wenn er schreibt, ich sei ein Löli, schreibe ich sicher nicht, ich sei kein Löli», sagte er am Rand der «Arena».

Wagners Finanzchef liess sich nur dank eines grosszügigen Geschenkes halten: Wagner lud Jürgen Hunscheidt mit Familie zu einem Champions-League-Spiel in Spanien ein.


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