Die Szene war grotesk. Christoph Blocher stand im Fernsehstudio auf einem Podest. Sein Sprecher Livio Zanolari hatte es ihm hingestellt. Von oben herab sprach Blocher zu den Journalisten. In der Pose, in der man ihn seit Jahrzehnten kennt: des mächtigsten Politikers der Schweiz. Obwohl seine SVP gerade eine Niederlage eingefahren hatte: Sie verlor 8 Nationalratssitze und 2,3 Wählerprozente. Grotesk war auch Blochers Erklärung. Es sei «ein Grosserfolg», dass man die stärkste Partei geblieben sei. Doch es war zu spüren: In seinem Inneren brodelte es.

Am Donnerstag wiederholte SVP-Fraktionschef Caspar Baader die Diktion, die Blocher vorgegeben hatte. Der Fraktionsvorstand habe eine «ehrliche Analyse» gemacht, sagte er. Einen Viertel der Gewinne hätten BDP und GLP auf Kosten der SVP gemacht. Aber die SVP sei weiterhin mit Abstand die grösste Partei. Deshalb fordere sie einen zweiten Bundesratssitz – auf Kosten der BDP.

Zu einem Zeitpunkt, an dem die Niederlage eine neue Dimension bekommen hatte. Ausgerechnet die der SVP wohlgesinnte «Weltwoche» analysierte schonungslos: «Die SVP macht die Fehler, die sie ihren Gegnern vorhält: Überheblichkeit, inhaltliche Leere, Klotzerei, Erstarrung.» Verleger Roger Köppel schrieb gar von Blochers «genetischer Unfähigkeit zur Demut».

Doch nun tönt Blocher ganz anders. Selbstkritisch, nachdenklich, kleinlaut fast. Der Rückschlag um über 2 Prozentpunkte sei «ein Superereignis», räumt er auf Teleblocher ein. Und formuliert Sätze, wie man sie kaum je gehört hat. «In einer Partei, die 20 Jahre immer zulegt, kommt Bequemlichkeit auf, Erstarrung, eine gewisse Überheblichkeit.» Und: «Das merkt man zuerst nicht – sondern erst, wenn man einbricht.» Vielleicht sei es «überheblich gewesen, sich das Ziel von 30 Prozent Wähleranteil zu setzen».

Auch den grossspurig angekündigten «Sturm aufs Stöckli», der spektakulär scheiterte, betrachtet Blocher rückblickend jetzt kritisch. «Wahltaktisch» habe man da wohl nicht richtig überlegt. Blochers etwas eigenartig anmutende Selbstkritik: «Ich war als Politiker nie gut bei Wahlkämpfen.» Statt vom «Sturm» spricht Blocher neuerdings auf Telebocher bloss noch davon, den Ständerat «auszulüften». Und weiter: «Wir haben insofern einen Fehler gemacht, als dass wir zu viel wollten.» Man könne halt «nicht als Primadonna einfach durchmarschieren».

Blocher wirkt nach der Niederlage sichtlich geschwächt und enttäuscht. Er wäre aber nicht Blocher, würde er jetzt nicht «korrigieren». Er ortet Korrekturbedarf nicht beim Inhalt, sondern im Stil, im Auftritt – und gibt damit indirekt seinem langjährigen parteiinternen Kritiker Adolf Ogi recht. Die «Klotzerei» im Wahlkampf, so Blocher, sei vielleicht zu viel gewesen. «Das muss man anschauen, das ist schnell und einfach zu korrigieren.» Offenbar würde er die Schweiz nicht mehr derart mit Masseinwanderungs-Plakaten vollpflastern: «Am Schluss hat man das Thema fast durchgedreht, damit kein anderes mehr Platz hat.»

Erstaunlich ist, wie hart Blocher mit der Parteibasis ins Gericht geht. Er habe «in den letzten Jahren eine grosse Bequemlichkeit in der ganzen Partei» festgestellt. «Wir mussten uns nicht mehr anstrengen, voranzukommen.»

Ähnlich selbstkritische Einschätzungen sind aus der Parteibasis selbst zu hören. «Wir waren konsterniert über das schlechte Abschneiden. Diese Niederlage haben wir nicht erwartet», sagt etwa Judith Übersax, Präsidentin der SVP Schwyz. Die Partei sackte dort von 45 auf 38 Prozent ab. «Es hat an Kampfgeist gefehlt. Man war erfolgsverwöhnt und ist davon ausgegangen, dass man sowieso gewinnt.»

Von Blochers ungeschönten Worten in seinem Internetfernsehen hatte SVP-Präsident Toni Brunner bis gestern am frühen Abend noch nichts mitbekommen. Sie überraschten ihn aber nicht wirklich. Brunner: «Wenn einer das Recht zur Kritik hat, dann er. Damit sendet er ja auch ein Signal aus.»

Der Präsident macht die «eigene Erwartungshaltung» als «grösstes Problem» aus. «Wir waren euphorisiert aufgrund der Umfragen und der Medien-Prognosen», sagt Brunner. «Und haben uns da hineingesteigert.» Für ihn ist klar: «Wir müssen unsere Fehler in aller Offenheit analysieren.» Das müsse man aber «sehr differenziert» tun. Und dürfe dabei eines nicht vergessen: «Bei aller Bescheidenheit und Demut: Das ist Jammern auf hohem Niveau.»

Der Selbstkritik zum Trotz droht die SVP sehenden Auges in die nächste Schlappe zu laufen. Sie hat ihre Strategie für einen zweiten Bundesratssitz ganz auf den Angriff auf BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf ausgerichtet. Gemäss Recherchen des «Sonntags» kann die SVP aber nur gegen die FDP einen Sitz holen – und auch das nur mit Mühe und Not.

In den SVP-Reihen reift die Einsicht, dass man auch einen Plan B in der Hand haben sollte: den Sitz der FDP anzugreifen. «Wir wollen einen zweiten Sitz», sagt SVP-Ständerat This Jenny (GL). «Die Frage, auf wessen Kosten, ist sekundär.»

Dass sich die SVP mit ihrer Bundesrats-Strategie verrenne, kontert Präsident Brunner entschieden. «Natürlich kann das Mitte-Links-Lager alles entscheiden, was es will, wenn es sich einig ist», weiss er. Doch er betont: «Es ist mehr im Fluss, als Sie glauben.» Das hätten Gespräche gezeigt. Er glaubt, einen Drittel der SP-Fraktion gewinnen zu können, wie Recherchen zeigen.

Brunners Forderungen an die anderen Parteien ist klar: «Wir wollen vor dem 14. Dezember wissen, ob sie die Konkordanz oder eine inhaltliche Koalition befürworten.» Ganz genau will Brunner diese Analyse vor dem 1. Dezember auf dem Tisch haben. Dann nominiert die SVP ihre Bundesratskandidaten. Legen die Parteien kein klares Bekenntnis ab, will Brunner seinen Plan B aktivieren: Greift dann die SVP einen FDP-Sitz an? Oder einen SP-Sitz? Und zieht die SVP Ueli Maurer ohne zweiten Sitz aus der Regierung zurück? Brunner vielsagend: «Dann sind alle Optionen offen.»

Nach neuer Bescheidenheit hört sich das nicht an. Aber auch Blocher selbst hat auf eine einzige massgebliche «Weltwoche»-Kritik keine Antwort geliefert. Auf jene an ihm selbst: «Die SVP 2011 besteht aus einem Papst, einer Handvoll eilfertiger Kurienkardinäle und vielen, vielen Gläubigen.»

Ähnliche Kritik an Blocher ist selbst aus den eigenen Reihen zu hören. «Ich habe Blocher nicht gewählt», sagt Andrea Spycher-Maag, SVP-Gemeinderätin von Bülach ZH, im SVP-Dok-Film des Schweizer Fernsehens. «Wenn ein Kapitel abgeschlossen ist im Leben, und als abgewählter Bundesrat ist es abgeschlossen, dann sollte man es nicht mehr aufmachen.» Und Nationalrat Yvan Perrin (NE) sagt: «Auch die grossen Besserwisser können sich täuschen.»

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