Bligg, können Sie sich noch an Ihren Song «Wänn» aus dem Jahr 2000
erinnern?

Bligg: Ja, klar: «Wänn das Wörtli ‹wänn› nöd wär, wär viellecht alles anders.»

Und weiter im Text?
«I wär scho längscht Millionär.» Das ist wohl das, was Sie hören wollen, oder?

Genau.
Dazu sage ich nichts, das ist Privatsache. Aber eigentlich ist die Frage müssig. Ich stecke mein Geld in meine Firma oder in neue Projekte. Mir selber zahle ich einen durchschnittlichen Monatslohn aus..

In «Wänn» heisst es dann weiter: «Ich hätt ä Frau, ich hätt es Auto und ich hätt es Huus.»
Ja, langsam, aber sicher sind wir dort angekommen. Das mag stimmen (lacht).

Trotzdem haben Sie kürzlich gesagt: 2012 sei ein Horrorjahr gewesen. Warum?
Das Jahr stand generell unter keinem guten Stern. Meine Schwester ist viel zu jung gestorben, und ich hatte einen schweren Autounfall. Auf Glatteis kam ich ins Rutschen. Das Auto hatte Totalschaden und ich einen Rückenbruch. Während der ganzen Aufnahmen für das Album «Service Publigg» bin ich herum gelaufen wie ein Legomännchen.

Ist es schwieriger, solche Rückschläge zu verdauen, wenn man zuvor komplette Traumjahre feiern konnte?
Jetzt vermischen Sie zwei Ebenen. Karrieretechnisch habe ich tatsächlich Traumjahre hinter mir, aber das lässt keine Rückschlüsse auf mich als Privatperson zu tun. Aus dieser Warte gesehen ist die Fallhöhe dann auch gar nicht so hoch.

Auf Ihren Platten wirken Sie aber immer sehr authentisch. Wie viel Bligg steckt in Marco Bliggensdorfer, Ihrem bürgerlichen Namen – oder umgekehrt gefragt: Wie viel Bliggensdorfer in Bligg?
Früher war das ziemlich genau 50 zu 50. Also 50 Prozent Kunstfigur, 50 Prozent Privatperson. Je älter ich werde, desto mehr versuche ich, den Anteil Privatperson zu reduzieren. Durch meine grossen Erfolge habe ich auch eine gewisse Verantwortung bekommen.

Also könnten Sie nicht mehr rappen: «Ich wett kei Stress ond kei Ärger, sondern Sex, ond zwar derbä»?
Doch, natürlich könnte ich das noch, das war ja auch noch zu Zeiten von Bligg & Lexx. Auch auf aktuellen Tracks sage ich mal «Arschloch» und habe nachher Feedback von Eltern, dass ihre siebenjährige Tochter das so mitsinge. Allerdings sage ich solche Sachen immer mit einem gewissen Augenzwinkern. Mein Ziel ist es, dass ich meine Songs meiner Mutter oder später auch meiner Tochter zeigen kann, ohne mich dafür zu schämen. Das war aber schon immer mein Anspruch. Ich habe auch zu meinen Rap-Zeiten nie reine «Diss»-Tracks gemacht. Plumpe Provokation, um Aufmerksamkeit zu erlangen, ist nicht so mein Ding.

Auf «Service Publigg» hört man keine Hackbretter mehr, dafür mehr Gitarren und Rockelemente. Wenn Sie an Ihrer früheren Erfolgsidee festgehalten hätten, wäre dies sicherlich . . .
(unterbricht) . . . langweilig gewesen.

Ich wollte sagen: ein garantierter Hit gewesen.
Ja, aber eben langweilig. Und ob man das glaubt oder nicht: Ich mache Musik nicht, um erfolgreich zu sein. Ich sehe mich als Künstler und mache, was mir gefällt. Wenn das anderen gefällt, freut mich das, klar. Aber in erster Linie muss es für mich stimmen.

Das erinnert mich an einen anderen alten Track von Ihnen: «Schnitzeljagd». Sie gehen durch die verschiedenen Genres und picken sich heraus, was Ihnen gerade gefällt und machen daraus den Bligg-Sound.
Dahinter liegt das Denken unserer Generation. Früher hat man immer in Genres gedacht. Das ist Rap. Das ist Pop. Das ist Rock. Leute, die jetzt aufwachsen, machen diese Unterscheidung viel weniger. Für sie gibt es vor allem zwei Kategorien: Musik, die ihnen gefällt und solche, die es eben nicht tut. Ich selber komme vielleicht vom Rap her, hatte aber schon immer einen poppigen Approach. Gleichzeitig habe ich immer ganz viele Sachen gehört: Von Soul bis Motörhead und andere Dinge, die man dem Bligg gar nicht geben würde.

Das meine ich: Sie picken überall etwas heraus.
Vielleicht. Aber ich gehe wie beim Kochen vor. Da nimmt man auch die verschiedensten Zutaten und macht daraus, was einem am besten schmeckt. Ich sitze auch nicht hin und nehme bewusst Zutaten, von denen ich denke, dass sie allen schmecken. Sondern verfeinere meinen eigenen Geschmack.

Sie haben insgesamt eine halbe Million Platten verkauft, und Ihr neues Album heisst «Service Publigg». Sie sind praktisch Volkskulturgut – müsste man Sie nicht schon fast gebührenfinanzieren?
Nein, gar nicht. Die Idee hinter dem «Service Public» gefällt mir aber: Dienst an der Öffentlichkeit. Vielleicht ist meine Musik das ja tatsächlich auch. Meine Fans sind zwischen 6 und 60 Jahre alt. Und so versuche ich, allen auch ein Erlebnis zu bieten. Gleichzeitig bemühe ich mich auch, dieses Erlebnis zu fairen Preisen zu bieten. Bei meinen Live-Shows geschieht dies dank Sponsoren – und auch dank eigenem Geld, das ich einsetze.

Aber böse, wenn Sie etwas verdienen, sind Sie ja kaum.
Natürlich nicht, ich muss ja.

«Service Publigg» kann man auch anders interpretieren. Der Bligg gehört allen. Über den darf man alles wissen.
Das ist es überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich mache meine Musik, und darin male ich Bilder, die ich ausstelle. Diese Bilder können alle gerne in der Galerie anschauen kommen – ich spendiere sogar ein paar Erdnüsschen. Aber über der Galerie ist eine Wohnung, und da wohne ich. An der Türe steht: «Zutritt verboten.» Ich hatte lange Zeit Mühe damit, berühmt zu sein, und deswegen auch Probleme. Vielleicht ist es aber auch meine Bestimmung, diesen Weg zu gehen. Dabei nehme ich mir aber heraus, dass ich Privates privat halte.

Gerade habe ich aber irgendwo lesen können, welche Namen Sie Ihren Kindern geben würden.
Ihr Journalisten fragt mich ja immer danach. Weil sich eure Produkte so besser verkaufen lassen. Es hat leider immer wieder Musiker gegeben, die Privates nach aussen trugen, und daran werde ich nun offensichtlich gemessen. Ich büsse sozusagen für sie. Homestorys gibt es bei mir keine. Und ehrlich gesagt: Fragt doch auch mal einen Topmanager, mit wem er zuletzt im Bett war.

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