Mit aller Macht wollte Fifa-Präsident Sepp Blatter verhindern, dass das brisante Dokument über Schmiergeldzahlungen an Fifa-Funktionäre an die Öffentlichkeit gerät – jahrelang.

Jetzt, wo fünf Journalisten die Herausgabe des Dokuments gerichtlich erstritten haben, wird auch klar, warum. Sepp Blatter nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Und im September 2009 stand ihm bei einer Informationsrunde über den Stand der Ermittlungen im Schmiergeldskandal der Sportvermarktungsgruppe ISL aus Zug das Wasser bis zum Hals..

In einem Interview des «Tages-Anzeigers» vom 27. Mai 2006 sagte Blatter auf die Frage, ob er den Empfänger der 1 Million Franken kenne, die dummerweise auf das Fifa-Konto überwiesen wurde? «Nein. Ich war damals auch nicht Präsident, sondern Generalsekretär der Fifa. I ch kann Ihnen aber sagen, dass schon der erwähnte Betrag und der Name einer angeblich involvierten Bank nicht stimmten. Entsprechend glaubwürdig sind auch die übrigen Behauptungen in einem kürzlich erschienenen Buch.»

Das Buch heisst «Foul», stammt vom BBC-Journalisten Andres Jennings und wurde in der Schweiz superprovisorisch verboten. Jennings konfrontierte Blatter 2004 in Tunis mit der einfachen Frage: «Wurde eine Million Schweizer Franken zur Fifa transferiert?» Blatter antwortete: «Ich weiss nicht.»

Die jetzt von der Fifa auf ihrer Homepage veröffentlichte Einstellungsverfügung vom 11. Mai 2010 spricht eine andere Sprache. Dort steht auf Seite 32: «Nicht infrage gestellt werden kann die Feststellung, dass die Fifa Kenntnis von Schmiergeldzahlungen (...) hatte. Unter anderem habe auch der Fifa-Finanzchef als Zeuge bestätigt, dass eine für Joao Havelange (Anmerkung der Redaktion: der ehemalige Fifa-Präsident) bestimmte Zahlung von über 1 Million Franken irrtümlicherweise auf einem Fifa- Konto eingegangen sei, «wovon nicht nur er, sondern unter anderem auch P 1 Kenntnis gehabt hätte». P1 ist der anonymisierte Name für Sepp Blatter in der Gerichtsakte.

Im Klartext: Sepp Blatter wusste seit Jahren von den Schmiergeldzahlungen. Verneinte aber bis vor wenigen Tagen davon gewusst zu haben. Erst jetzt gibt er unter dem Druck der öffentlich gemachten Dokumente zu, dass er erst als Generalsekretär der Fifa von den Bestechungen gewusst und sie später als Präsident toleriert zu haben. Blatter verharmlost die Zahlungen an Joao Havelange und dessen Schwiegersohn Ricardo Teixera als Provisionen. Provisionen, bei denen es in Tat und Wahrheit um Schmiergelder in der Höhe von Dutzenden Millionen Franken geht.

«Damals konnte man solche Zahlungen als Geschäftsaufwand sogar von den Steuern abziehen. Heute wäre dies strafbar. Man kann die Vergangenheit nicht mit den Massstäben von heute messen. Sonst endet man bei der Moraljustiz. Ich kann also nicht von einem Delikt gewusst haben, welches keines war», sagt Blatter auch heute noch in einem Interview auf der Fifa-Homepage.

Kein Delikt? Fakt ist: An der Sitzung im September 2009 teilte ihm der zuständige Staatsanwalt mit: Entweder willige die Fifa ein, vollumfänglich für das Unrecht einzustehen und die Deckung des Schadens inklusive die Verfahrenskosten zu übernehmen. Dann könne man eine Einstellung in Erwägung ziehen. Wenn nicht, werde das Verfahren gegen natürliche Personen eröffnet und eine Einstellung könne dann nicht garantiert werden.

«Der Entscheid, gegen welche Personen letztlich Anklage erhoben würde sei erst nach abschliessender Klärung der strafrechtlichen Verantwortung zu fällen», steht in dem Dokument. Immerhin ging es um den «objektiven Tatbestand der ungetreuen Geschäftsbesorgung». Blatter war schlau genug zu erkennen: Besser zahlen, als die Gefahr einer Strafuntersuchung gegen seine Person zu riskieren. Man akzeptierte die strafrelevanten Vorwürfe und bezahlte mehrere Millionen Wiedergutmachung. Sepp Blatter kommt jetzt nach der Veröffentlichung und immer neuen Details aus den gerichtlichen Akten massiv unter Druck. Reinhard Rauball, Präsident der deutschen Fussball-Bundesliga, hatte am Freitag in einem Interview mit der Tageszeitung «Die Welt» Blatter zum Rücktritt aufgefordert.

Der französische Europa-Abgeordnete François Rochebloine fordert vom 76-jährigen Walliser klare Antworten, damit dies nie mehr passiert. Heinrich Schifferle, Präsident der Schweizer Fussballliga, hingegen möchte sich zur Situation Blatters nicht äussern: «Kein Kommentar.» Ex-DFB-Präsident und Fifa-Exekutivmitlgied Theo Zwanziger fordert Konsequenzen für den Schmiergeldempfänger und immer noch Fifa-Ehrenpräsidenten Havelange. Laut der Online-Ausgabe der «Handelszeitung» steht Blatter «unter Beobachtung» des Internationalen Olympischen Komitees.

Blatter winkt bereits wieder ab. Nicht er, nur der Kongress könne entscheiden, was mit dem inzwischen 96-jährigen Brasilianer zu geschehen habe. Der Weltfussballverband war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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