«Von der Langfristigkeit des Glücks» – unter diesem Titel referierte der Wiener Psychiater Raphael Bonelli (42) über das Thema Sexualität. 70 Priester sassen am 16. Mai im Publikum. Zum Priestertreffen hatte des Bistum Chur geladen, Referent Bonelli war Gast von Bischof Huonder.

Der Psychiater aus Österreich ist kein Unbekannter: Er gilt als Star der rechtskatholischen Kreise und ist Mitglied der ultrakonservativen katholischen Organisation Opus Dei – eine Organisation, die Homosexualität für widernatürlich und therapiewürdig betrachtet.

Für einen Skandal sorgte er 2007 als Organisator eines Psychiaterkongresses in Graz. Als Referent geladen war ein Vertreter der These, dass Homosexualität heilbar sei – und ein katholischer Exorzist hielt Workshops über Dämonenangriffe ab.

«Wir haben mit Herrn Bonelli über diesen Kongress gesprochen», sagt Giuseppe Gracia, Sprecher des Bistums Chur. «Ein Referent wollte an diesem Kongress auftreten, der homosexuell war und jetzt glücklich verheiratet ist. Darüber wollte er frei sprechen, wurde aber verhindert.» Das Bistum Chur habe Bonelli als Referenten eingeladen, «weil er eine moderne Psychotherapie vertritt, die nicht auf Defizite oder kurzfristige Bedürfnisse fokussiert, sondern auf langfristig Bewährtes. Er hat über 20 Jahre Erfahrung, auch als Forscher. Dass er Mitglied bei Opus Dei ist, war nicht ausschlaggebend.»

Beim Priestertreffen in Einsiedeln verteidigte Bonelli den Zwangszölibat. Die Sexualität sei «kein obligatorisch auszulebender Trieb». Die psychologische Forschung zeige, «dass langfristig gesehen die oft kritisierte Sexualmoral der Kirche dem Menschen entspreche». Leider müsse der katholische Priester mit dem «Vorurteil» leben, er unterdrücke einen natürlichen Trieb und sei gewissermassen wie ein lebender Dampfkochtopf ohne Ventil.

«Das ist wissenschaftlich nicht haltbar», sagt Psychotherapeut Udo Rauchfleisch, emeritierter Professor für Klinische Psychologie an der Universität Basel. «Dass die Unterdrückung der Sexualität tatsächlich zur Situation eines ‹lebenden Dampfkochtopfs ohne Ventil› führt, bestätigt sich leider in den erschreckenden Übergriffen von Priestern gegenüber Kindern.»

Auch Christoph Schmitt, katholischer Theologe und Sprecher beim «Wort zum Sonntag» im Schweizer Fernsehen, hält es nach den publik gewordenen Missbrauchsfällen für «heikel» zu sagen, Sexualität solle nicht ausgelebt werden. «Wenn man einen Menschen zwingt, im Zölibat zu leben, öffnet das dem sexuellen Missbrauch Tür und Tor.»

Bonelli war bis vor zwei Jahren an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Graz tätig. 2008 soll er vorübergehend «freigestellt» worden sein, nachdem ihm vorgeworfen worden war, hohe Blutmengen für Untersuchungen verwendet zu haben, ohne dass eine Erlaubnis der Ethikkommission vorgelegen habe. Nach eigenen Angaben wurde er von den Vorwürfen freigesprochen. Heute ist Bonelli für eine Privat-Universität in Salzburg tätig.

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