Die Nasa will Mitte 2030 die erste bemannte Raumkapsel zum Mars schicken. So lange mag Bas Lansdorp nicht warten. Geht es nach ihm, werden bereits in zehn Jahren die ersten Menschen auf unserem Nachbarplaneten leben. «Ich weiss, das klingt verrückt», sagt der 36-jährige Unternehmer, «aber ich habe einen Plan.»

Dieser Plan klingt ebenso irrsinnig wie die Idee selber: Lansdorp will die Besiedelung des Roten Planeten als Reality-TV-Show inszenieren. Das Auswahlverfahren der Astronauten, der siebenmonatige Flug, die Landung und das Leben auf dem Mars – all das soll von Kameras eingefangen und live auf unsere Bildschirme übertragen werden. Willkommen bei «Big Brother» auf dem Mars.

War die Mondlandung 1969 eines der ersten grossen Fernsehereignisse, so soll die Marslandung die grösste TV-Show werden, die die Welt je gesehen hat. «In den nächsten drei Monaten starten wir mit dem Selektionsverfahren der Astronauten», sagt Lansdorp. Mitmachen kann jeder, indem er sich mit einem kurzen Video bewirbt. Experten wählen dann potenzielle Kandidaten aus, die in verschiedenen TV-Shows um die Plätze in der Raumkapsel kämpfen – letztlich entscheidet das TV-Publikum, welches Viererteam zum Mars fliegt.

Die Idee mit der TV-Show kam Lansdorp, als er realisierte, wie viel Geld mit den Olympischen Spielen umgesetzt wird. Alleine der Verkauf der TV-Rechte für die letzten beiden Austragungen hat 3,9 Milliarden Dollar eingebracht. «Das sind bloss sechs Wochen Sport», stellt Lansdorp fest. «Stellen sie sich vor, wie viel mehr Menschen eine Marslandung am TV sehen wollen.» Unter diesen Umständen erscheint das alles gar nicht mehr so verrückt: Private Raumfahrtfirmen suchen verzweifelt nach lukrativen Geschäftsmodellen, wollen Gold auf Astroiden abbauen oder ein Hotel im Orbit errichten. Lansdorp hingegen vermarktet die Reise zum Mars an sich als TV-Spektakel.

Um sein Ziel zu erreichen, hat der 36-jährige Holländer vor einem Jahr sein Windenergie-Unternehmen Ampyx Power verkauft und die Stiftung «Mars One» gegründet. Unterstützt wird das Projekt bereits von zwei grösseren Investoren und Firmen aus der Raumfahrttechnik – darunter Paragon Space. Verhandelt wird auch mit SpaceX, jener Firma, die seit letztem Jahr den Transport zur Internationalen Space Station (ISS) sicherstellt. Als Botschafter machen sich Paul Römer, der Miterfinder von «Big Brother», und der Physik-Nobelpreisträger Gerard’t Hooft stark.

Technisch stehe der Mission nichts im Wege, ist Lansdorp überzeugt: «Wir haben Raketen, mit denen wir Menschen und Versorgungsmaterial auf den Mars senden können, und es existieren Technologien, um dort leben zu können.» Warum hat denn bis jetzt noch kein Mensch den Mars betreten? Aus einem einfachen Grund: Es gibt noch keine Rakete, mit der man wieder vom Mars wegkommt. Nach einer erfolgreichen Landung lässt sich die verwendete Rakete für keinen weiteren Flug mehr nutzen.

«Eine Raumfahrtagentur wie die Nasa würde einer permanenten Marsmission nie zustimmen», sagt Lansdorp. «Wir aber suchen Astronauten, die bereit sind, die Erde für immer zu verlassen.»
Bereits 2016 soll das erste Raumschiff von der Erde starten und 2,5 Tonnen Versorgungsgüter auf den Mars bringen. Später folgt ein Rover, der die Gegend auskundschaftet. 2021 sollen dann alle Komponenten der Marskolonie an Ort sein. Roboter beginnen mit dem Aufbau der Siedlung, die aus verschiedenen runden Kapseln besteht. Wenn dann 2023 die ersten vier Astronauten eintreffen, soll alles bereit sein. Alle zwei Jahre werden vier weitere Astronauten folgen. So sieht das Konzept aus.

Willy Benz, Präsident des Center for Space and Habitability an der Universität Bern, glaubt zwar, dass irgendwann Menschen auf dem Mars leben werden, hält diesen Zeitplan aber nicht für realistisch: «Alles scheint klar zu sein, bis man am Schluss merkt, dass es doch nicht so einfach geht, wie man sich das anfangs vorgestellt hat.» Anders schätzt Claude Nicollier, der ehemalige Schweizer Astronaut und Professor der ETH Lausanne, die Chancen der Mission ein: «Ich denke ‹Mars One› ist bis 2023 technisch realisierbar.» Dass es sich dabei um eine One-Way-Mission handelt, findet Nicollier nicht grundsätzlich problematisch, «solange sichergestellt ist, dass es keine Selbstmordmission ist und die Astronauten nicht an einer Strahlenüberdosis sterben oder verhungern».

Dafür ist vorgesorgt: «Mars One» will die bescheidenen Rohstoffe des Roten Planeten nutzen, um eine sich selbst versorgende kleine Siedlung zu errichten. Als Nahrung sollen mitgebrachte Pflanzen in einem Treibhaus gezogen werden. Wasser existiert auf dem Mars in gefrorener Form. Mittels Elektrolyse kann daraus der lebenswichtige Sauerstoff gewonnen werden. Solarzellen sollen die Siedlung mit Energie versorgen, und Spezialanzüge die Astronauten bei Aussenarbeiten vor den Strahlen schützen.

Trotzdem hält Dietrich Manzey von der Technischen Universität Berlin «Mars One» für ethisch höchst umstritten. Als Psychologieprofessor beschäftigt sich Manzey seit über zwei Jahrzehnten mit raumfahrtpsychologischen Problemen. Schlimm an diesem Projekt findet er nicht das Leben auf engem Raum, sondern die Tatsache, dass man nicht mehr zurückkehren kann. «Jedes psychologische Experiment muss abgebrochen werden können, doch genau das geht hier nicht», sagt Manzey. «Daraus auch noch eine TV-Show zu machen, finde ich perfide und geschmacklos.»

Solche Einwände kennt Bas Lansdorp nur zu gut. Doch er will sie nicht gelten lassen. Erstens kläre man die Astronauten sehr genau über alle Risiken auf und zweitens würden sich die Leute aus freien Stücken für die Reise entscheiden. «Ich bin mir sicher, dass alle, die letztlich auf den Mars gehen, mit ihrer Entscheidung sehr zufrieden sein werden», ist Lansdorp überzeugt.

Genau daran zweifelt jedoch Manzey: «Ich glaube nicht, dass jemand die Tragweite einer solchen Entscheidung wirklich abschätzen kann.» Spätestens nach zwei Jahren sei das öffentliche Interesse erlischt und die Marsbewohner sitzen für immer in einer einsamen Wüste fest.
Die Reality-TV-Show vom Mars könnte aber noch viel schlimmer enden. Es ist bekannt, dass Menschen zum Äussersten fähig sind, um sich in Extremsituationen vor dem Hungertod zu retten. Was ist, wenn «Mars One» ausser Kontrolle gerät? Eingreifen von der Erde aus ist nicht möglich. Letztlich bleibt dann nur eines übrig: Die Kameras ausschalten.

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